lautenist

gestern ...

... war ein anregender Tag vor der Glotze, denn ich habe nicht nur auf die Post gewartet (vergebens — als sie endlich kam, war es zu spät, noch einmal loszuziehen. Bzw. die guten Ideen kamen mir dann abends, als es zu spät war. Ich hielt mich immer für spontan, aber scheine doch träge zu sein, wenn ich etwas Geplantes abändern muß). Zuerst einmal hat Mai sich aus der Mutterschaft zurückgemeldet und — natürlich — zu Corona geäußert. Im Wesentlichen rechnet sie herum und kommt zu ähnlichen Ergebnissen, wie ich hier auch. Da inzwischen mehr und bessere Informationen zur Verfügung stehen kommt sie zu leicht anderen Ergebnissen, je nach angewandtem Modell. 

Wichtig ist daran vor allem die Prognose, die dem aktuell vorherrschenden Stimmungsbild widerspricht. Und die lautet: das dauert. 

Generell stinkt mir ja generell, daß in vielen Medien so getan wird, als wäre das jetzt eine ärgerliche Phase, nach der man zum status quo ante zurückkehren könne.  Auch Mai kann als Naturwissenschaftlerin keine verlässliche Prognose geben. Es muß nur klar sein: Die Seuche beschäftigt uns länger als bis nach Ostern. Entscheidungskriterium für die Einschränkungen ist nur die Belastungsgrenze des Gesundheitswesens. Und vorbei ist die Krise hoffentlich, wenn ein Impfstoff und vielleicht auch eine verlässliche und verträgliche Behandlung gefunden wurden. 

Harald Lesch gibt dann auf 3Sat ein wenig einen gesellschaftspolitischen Tenor, wenn er in seinem Fazit der Krise von der Bedeutung der Grundlagenforschung spricht. Nichts Neues von ihm. Interessant war noch die Parallele zur spanischen Grippe, die mir auch schon früh in den Sinn kam: globale Seuche aus dem Nichts, keine Medikamente und unfähige Politiker, die das Problem wegignorieren wollen.

Wirklich spannend wurde es danach aber bei Scobel — ein Kopf, den ich dem Precht deutlich vorziehe — weniger Show und deutlich fundierter. Leider ist die Sendung (noch?) nicht in der Mediathek, aber ein YouTube-Beitrag von Gestern ist bereits sehr informativ und anregend.

Die Sendung habe ich, bei allem Interesse, frühzeitig verlassen, weil ich die Claudia Wiesemann nicht mehr herumeiern sehen konnte. Markus Gabriel und Gert Scobel brachten ethisch fundierte Punkte, während die Medizinethikerin von einem praktischen Standpunkt her antrat. Dabei verwickelte sie sich aber in so viele Widersprüche, daß ich aufgab. 

Die bei Scobel angerissenen Fragen brachten mich auf den Gedanken, ob es denn überhaupt wünschenswert sei, zu dem Status zurückzukehren, den wir vor Corona hatten

[...] Vergessen heißt kostbare Erfahrungen zum Fenster hinauswerfen.
Arthur Schopenhauer

Was fehlt ist doch, die Lehren auf die Gesellschaft anzuwenden. Zu sagen "wir haben uns von den Chinesen abhängig gemacht und müssen schauen, ein paar Sachen wieder hier zu produzieren" ist Flickwerk und ignoriert den zugrunde liegenden Mißstand. Wir sollten uns eingestehen, daß Merkels marktgerechte Demokratie versagt hat — was absehbar war und ist. Es geht aber auch darum, einen positiven Entwurf einer Gesellschaft zu entwickeln. Das können keine Naturwissenschaftler leisten — und auch Politiker können das nicht. Das ist die Aufgabe von Philosophen. Ich habe schon oft die Richtung skizziert, die ich gewinnbringend sähe, doch finden sich erst ganz allmählich Diskussionspartner, mit denen man auf Augenhöhe dort diskutieren könnte (sprich: die nicht einfach nur ein Pflästerli auf das bestehende System klatschen wollen).

Was mich überrascht hatte, waren ein paar Diskussionsbeiträge bei Lanz (Lanz ist als Typ etwas eigen, weil er doch ein großer Selbstdarsteller ist und eigenartige Ansichten vertritt — aber als Talk deutlich besser und niveauvoller als die vielgelobten Mädels Illner und Maischberger, die ich für grottenschlecht halte). Dabei fand ich M. Schwesigs deutliche Aussage zu den Ösis bemerkenswert, die wider besseren Wissens erstmal die Kohle der Skisaison mitnahmen, bevor sie Maßnahmen ergriffen und dann den spontan überzeugenden Auftritt von Walter Kohl, der stichwortartig ein Konzept für ein Wirtschaften nach Corona entwarf und dabei forderte, man müsse bereits jetzt beginnen (ab ca. 36:40 bis etwa 49:00). 

Für mich klingt das vernünftig und wie ein positiver Prospekt. 

Das sollte aber die grundlegenden Fragen, die sich aus Corona ergeben, nicht überdecken. Denn eine Lehre muß klar sein: Unser Wirtschaften muß den Menschen dienen und ist kein Selbstzweck.


Nachtrag: Der Beitrag bei Scobel ist nun online abrufbar.

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