lautenist

Zum NZZ-Artikel

In diesem Artikel beschäftigt sich Slavoj Žižek in einem Gastkommentar mit den politischen Auswirkungen des Coronavirus. Dabei arbeitet er entlang der Idee Giorgio Agambens, der meint, die westlichen Demokratien steuerten totalitären Zuständen entgegen. Natürlich handelt es sich nicht um eine Variation einer Grippe, wie Agamben verharmlost, sondern um eine stark ansteckende Krankheit, die droht, die Gesundheitssysteme zu überlasten und dadurch tödlich wirken kann. Bei einer Ansteckung von nur 50% (Experten gehen von 70% aus, die die Krankheit bekommen werden) wären in Deutschland etwa 40 Millionen Menschen betroffen, bei einer Letalität von 2% hätten wir 800.000 Tote zu beklagen. Tatsächlich muß man derzeit wohl von 0,5% Sterblichkeit ausgehen, was immer noch 200.000 Kranke sind. Die Anzahl Krankenhausbetten liegt in Deutschland bei etwa 500.000, die Auslastung liegt (ohne Corona) bei ca 80%. Bleiben also knapp 100.000 Betten, um die sich die Coronakranken schlagen dürfen. Man geht derzeit von einem ensteren Verlauf bei 2,5% der Infizierten aus, was einen Bedarf von 1 Million Betten ergäbe. Rein rechnerisch ist also hilfreich, wenn die nicht alle gleichzeitig kommen. Also liegt Agamben mit seinem Vergleich zu einer Grippe zwar nicht falsch, doch ist die Anzahl hier derart hoch, daß es problematisch wird. 

Doch eigentlich geht es ihm ja um die sozialen Folgen. Dabei gehen sowohl er, wie auch Žižek davon aus, daß es einen Zustand vor, während und nach der Epidemie gibt. Agamben sieht die derzeitigen Zwangsmaßnahmen und Restriktionen im persönlichen Umfeld, die stark in persönliche Freiheiten eingreifen als willkommene Rechtfertigung der Herrschenden. Und ja — auch ich habe schon gesagt, daß Heimat-Horst derzeit wohl feuchte Augen bekommt. Auch Žižek geht davon aus, daß Corona das Zusammenleben und die Gesellschaften dauerhaft verändern wird. Während Agamben ein Abrutschen in totalitäre Regierungsformen befürchtet, sieht Žižek in der Zeit nach Corana die Menschheit sich wieder ihrer eigenen Sterblichkeit bewußt. Natürlich ist in den USA und Europa die eigentliche Sterblichkeit zwar genauso Faktum, aber das passiert anderen und es passiert immer in der Zukunft. Das ist ein Tabu, welches in der westlichen Welt gilt. Da stimme ich zu und das ist auch belegbar. Daß es aber eine Art sozialpsychologische Lehre aus der Erfahrung geben könnte, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Einmal ist die tatsächliche Sterblichkeit nicht grade hoch und auch der Krankheitsverlauf soll in den meisten Fällen eher mit einer Erkältung als einer Grippe vergleichbar sein. Eine für meisten abstrakte Erfahrung dürfte kaum Konsequenzen haben. Mir wäre keine Untersuchung bekannt, die das bestätigen könnte. Was aber sehr konkret ist und sicher Konsequenzen hat ist die Erfahrung der Hysterie. Auch das Krisenmanagement wird sicher im kollektiven Gedächtnis Spuren hinterlassen. Bei einigen die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien noch verstärken, bei anderen eine gewisse Skepsis erhöhen und eine dritte Gruppe findet vielleicht sogar Vertrauen in die Politikerkaste zurück. 

Die derzeitigen Reaktionen auf die Einschränkungen erstaunen mich jedenfalls sehr. Mein Eindruck ist, man nimmt überwiegend die Krankheit nicht ernst (was einen nicht mehr wirklichen erstaunlichen Mangel an Solidarität bezeugt), beugt sich aber den Maßnahmen. Die persönlichen Vorkehrungen kann ich schlecht beurteilen — würden die Menschen wirklich Hamsterkäufe von Klopapier, Spaghetti und Ravioli tätigen wären sie blöder, als ich dachte. 

Sozialpsychologisch finde ich übrigens die Zeit der Pest eine naheliegende und dokumentierte Vergleichsgröße. Allerdings war die Pest natürlich eine wirkliche Bedrohung.
Ein weiteres Szenario könnte die spanische Grippe sein, die allerdings in ganz unterschiedlichem Umfeld kurz nach dem ersten Weltkrieg auftrat.

Positiver Seiteneffekt: Die Feministinnen halten die Füße still und auch die Klima-Kids streiken und demonstrieren in den sozialen Medien.

Ein Skandal, der überdeckt wird ist, daß Weinstein zu 23 Jahren Haft verurteilt wurde — ohne Beweise wohlgemerkt. Dieses Urteil zu feiern finde ich dramatisch, denn was feiert man? Daß rechtsstaatliche Prinzipien mit Füßen getreten werden. 

Error

default userpic

Your reply will be screened

Your IP address will be recorded 

When you submit the form an invisible reCAPTCHA check will be performed.
You must follow the Privacy Policy and Google Terms of use.