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Sind die Babyboomer schuld?

Konflikte aufzubauen statt Probleme zu erkennen und zu lösen scheint die in der zweiten Dekade des Jahrtausends bestimmende Maxime zu sein. Daß ich erstaunt darüber bin, wie einflußreich ein Teenager ohne Schulabschluß geworden ist, der auf ein seit Jahrzehnten bekanntes Problem hinweist und Popularität vor allem durch seine zunächst einsame Bildungsverweigerung und die Frechheit - sogar ungehobelt schlechtes Betragen, mit der sie den höchsten Vertretern aus Politik und Wirtschaft deren Versäumnisse vorwarf. Natürlich waren die Vorwürfe berechtigt und es ist zu begrüßen, daß dieser Teil der menschlichen Verantwortung wieder verstärkt wahrgenommen wird. Doch befremdlich, daß einer Greta Thunberg mehr Gehör zugebilligt wird als tausenden und abertausenden von Wissenschaftlern. Die Verstärker aus Presse und Medien dürften nicht unschuldig an diesem Phänomen gewesen sein. Und bezeichnend ist auch in diesem Fall, daß eine leicht behinderte Teenagerin gehypt wurde. Ich habe bereits zu Anfang des Trubels meine Einschätzung von mir gegeben und daran hat sich wenig geändert.
Wenn sie nun aber in einer Rede die Babyboomer beschuldigt, den Klimawandel verschuldet zu haben, paßt das zwar in ihr unrefelktiertes Gehabe, zielt aber im Gegensatz zu früheren  Anklagen, vollkommen daneben. Ich bin zwar knapp zu jung, um noch zu den Babyboomern zu zählen, aber die Idee, Klimawandel massiv zu befördern bzw. befördert zu haben zu einer Generationenfrage zu machen ist nicht nur frech und dreist, sie ist auch falsch. Denn niemals waren die Emissionen so stark wie heute und der Lebenswandel, der wesentlich dazu beiträgt ist eine Entwicklung, die aber vor allem von den Jungen gelebt wird. Flugreisen, SUV, Plastikwahn - die ganzen Lebensgewohnheiten entstanden natürlich im Laufe der Zeit - vor allem aus der Imitation der "Reichen und Schönen" heraus. Mag man die Reiselust der Deutschen noch auf Goethe und von mir aus sogar die Germanen zurückführen (was zwar lustig, aber falsch ist), so geht das meiste auf den Kommerz - und dabei wurde natürlich gezielt geworben. Das fiel auf fruchtbaren Boden - man kann viele Beispiele finden, doch wenn wir alleine die Selbstverständlichkeit annehmen, mit der die jungen Leute heute meinen, in Urlaub fliegen zu können, nein zu müssen, so ist das eine Entwicklung der letzten Jahre. Als ich erwachsen wurde waren Flugreisen kaum zu bezahlen. Als ich dann in meine 30er kam waren Flugreisen oft billiger als Zugfahrten und Ferien in der Türkei oder auf Mallorca waren billiger als Ferien an der Ost- oder Nordsee (ich war nie in der Türkei oder auf Mallorca. Ich kenne nur die Angebote von damals).

Das alles soll aber nicht dazu führen, daß ich nun auch einen Generationenkonflikt diskutieren will. Man kann ganz einfach sagen: die Klimaschädlichkeit steigt mit dem Ressourcenverbrauch und der steigt mit dem Wohlstand. Alter, Geschlecht, Hautfarbe und Nationalität und auch die Schuhgröße haben damit nichts zu tun.

Meine Vermutung ist, dieser Konflikt wurde lanciert, um das abflauende Thema am Kochen zu halten.

Generell fällt mir aber auf, daß der Weg, um einem Thema Aufmerksamkeit zu verschaffen sich auf eklige Art und Weise geändert hat: Wurde in meiner Jugend auf Emotionen gesetzt - hier ein Beispiel, zwar aus neuerer Zeit - aber es wird klar, was passiert


wird heute ein Konflikt konstruiert, hier humoristisch von der Partei die PARTEI zu dem erfundenen Generationenproblem

Den Unterschied zu verdeutlichen ist nicht ganz so einfach, weil Emotionalisierung natürlich immer zu Werbung gehört. Das ist das Mittel, mit dem Inhalte versucht zu transportieren und uns für die Inhalte einzunehmen.Deutlich sollte aber sein: Die "Bösen" gibt es im Peta-Video eigentlich nicht, sondern eine Handlung ist böse. Und in der Folge wird eine Handlung nahegelegt: Robbenbabies nicht mehr ermorden - man selbst kann dazu beitragen, in dem man kein Fell mehr kauft.
Der Wahlwerbespot der Partei benennt doch sehr deutlich, wer die Bösen sind - im Prinzip die gleichen, die Greta Thunberg anklagt:

Was macht sie außer viel mimimi? Sie beschuldigt die älteren Leute dort (in der Generalversammlung der UNO), Schuld an der Klimakatastrophe zu sein, macht Vorwürfe, ... natürlich kann sie nichts anderes machen, weil ihr die Kompetenz fehlt, wirklich Handlungsempfehlungen auszusprechen. Sie sagt "macht was" und beschimpft die Regierenden der Welt ("how dare you") für zu wenig Tatkraft, wenn sie davon spricht, sie hätte genug von den Märchen. Wer das Video anschaut versteht den Ursprung dieser Beschimpfung der Babyboomer, denn Greta beschuldigt die Generation der heute Regierenden im Allgemeinen, und die Regierenden dann im Besonderen - auch ohne explizit zu sagen "alt = böse, jung = gut" kommt es doch so rüber (sie sagt, bösartig verkürzt, die Alten würden die Jungen anscheißen und hätten ein tolles Leben auf Kosten der Jungen geführt).
Im Prinzip eine lächerliche Rede: eine 16-jährige droht den Regierenden der Welt. Und mit denen allen älteren. Und das sind ziemlich viele.
Was wahrgenommen wurde war aber die Empörung, die Emotionen, welche das Mädchen transportierte. Und sie wird als Sprecherin ihrer Generation wahrgenommen - wie berechtigt diese Wahrnehmung ist kann man sicher diskutieren.
Das wiederkehrende Element ihrer Rede, dieses ständige "how dare you" - diese Anklage, verbunden mit der Drohung, uns das nicht zu vergessen. Das soll das Gefühl erzeugen "upps! Habe ich was falsch gemacht?"

Die Probleme der Welt wurden aber nicht von einer Generation gemacht. Sie werden auch nicht von einer Generation gelöst. Wie gesagt: das ist kein Generationenproblem und die Rede war in dieser Form verfehlt. Eines der Probleme, die wir haben, ist ja grade, daß es ein Weltproblem ist, welches auf Klimakonferenzen Maßnahmen bespricht und beschließt. Und dann kommen so Hobos wie Tump und Bolsonaro und torpedieren alles. Das zu einem Generationenproblem zu machen bedeutet nur, endlich jemandem die Schuld geben zu können, in diesem Fall unberechtigt. Aber selbst wenn man jemandem berechtigt Schuld zuweisen könnte: Hilft das? Oder ist es nicht nur Ausdruck der Frustration des ergebnislos engagierten Teenagers?

Die einfache Formel, das Problem zu lösen reklamieren viele für sich: die Veganer meinen, kein Fleisch mehr essen löst alle Probleme, andere meinen, wir müßten nur ein genug Bäume pflanzen und schon verschwänden die Treibhausgase während andere sagen, der Kapitalismus gehört überwunden, um das Problem zu bekämpfen. Keine dieser Maßnahmen alleine wird das Problem lösen und individuelles Verhalten - also was die Schwachmatin Klöckner und Konsorten propagieren, wird Erfolg bringen. Auch Elektroautos sind nur ein kleiner Schritt. Und die kleinen Schritte werden durch Verweigerer zunichte gemacht. Sehr skeptisch stimmt mich, daß in Zeiten, in denen Vernunft und intelligente Kooperation gefragt wären genau das Gegenteil das Geschehen immer mehr zu bestimmen scheint: Egal ob Trump, Bolsonaro, Le Pen, Boris Johnson - emotional und boulevardesk werden Konflikte generiert - Nationen gegeneinander, Regionen gegeneinander, Kontinente gegeneinander, Geschlechter gegeneinander, Generationen gegeneinander ... Konflikte statt Kooperation, Ellenbogen statt Umarmung. Kann man das als logische Fortführung des Kapitalismus sehen?

Und der Kapitalismus - ist das nicht, arg vereinfacht gesprochen, die Reduzierung des Menschen auf sein Ego? Egozentrik ist ein Zeichen unserer Zeit und dem Kapitalismus sehr förderlich, während das Soziale, das Element des Herdentiers Mensch, dem Kapitalismus hinderlich ist

Die resultierenden Ängste sehe ich übrigens als eine Ursache für die gesteigerte Aggression in westlichen Gesellschaften.

Tags: die krise der westlichen welt, gedanken, lautenistenleben, meinung
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