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gelesen: Erinnerungen eines Mädchens von Annie Ernaux

Von mir sehr gespannt erwartet war das bereits vor einem Jahr von der Presse hochgelobte Buch von Annie Ernaux, in dem sie ihre Jugend in den End-Fünfzigern behandelt.

Wird autobiographisch geschrieben bleibt es nicht aus, einen Blick in die eigene Vergangenheit zu werfen. Natürlich bin ich ein Vierteljahrhundert jünger als Ernaux, männlich und nicht aus Frankreich, doch vieles in der Beschreibung ihrer Jugend finde ich wieder - wahrscheinlich sind einige Erlebnisse nahezu universell. Hormonell und kulturell tickt man in seinen späten Teenager- und frühen Zwanzigerjahren wahrscheinlich so. Und an einiges im Verhalten der jungen Annie meine ich mich auch in den Mädchen meiner Jugend zu erinnern (auch wenn Begriffe und Wertungen natürlich geändert hatten: was Annie für ihre Klassenkameraden zur kleinen Nutte machte nannte man in meiner Jugend dann "Discozeit"). Natürlich gibt es auch Spezialitäten in der Biographie und ganz sicher ist das Buch kein Kitsch voller verklärter Jugenderinnerungen. Im Gegenteil! Das Buch zeichnet aus, die Brüche in der Biographie offenzulegen, das persönliche Versagen, welches wir wohl alle im Rückblick auf diese Jugendjahre erlebt haben, die Schwierigkeiten, eine Richtung zu finden - schließlich können wir nicht in die Zukunft sehen und haben meistens nur eine vage Vorstellung von dem, was unsere Entscheidungen mit sich bringen könnten. Sei es beruflich, persönlich oder auch von unseren Interessen her. Dazu kommt die Fehlbarkeit unserer Umgebung - Sicherheit bietet nur ein autoritäres Regime wie beim Militär oder im Kloster. Auch Annie legt ihre eigenen Fehler offen - oder das, was sie für einen Fehler hält. Aber ohne in einer Abrechnung zu enden, sondern sie schafft es, die 18-jährige Annie aus der Distanz zu betrachten, wo notwendig aber auch zurück zu gehen. Stilsicher wechselt Ernaux zwischen einem Bericht, der mit Auszügen aus Briefen belegt wird, Beschreibungen von Fotographien als Blick in die Wirklichkeit der jungen Annie genauso wie der Blick der reifen Frau, die zurückblickt, wertet, aber nicht urteilt. Auf knapp 160 Seiten wird in großer Dichte eine Jugend dargestellt - ein Meisterwerk!


Das Titelbild zeigt übrigens die junge Annie Ernaux 

Bezeichnend übrigens, daß die taz in ihrer Rezension das Vergewaltigung nennt, was die anderen Rezensenten irgendwo zwischen ersten sexuellen Erfahrungen und sexueller Gewalt ansiedeln, von dem die Autorin selbst aber sagt, sie zögere, es Vergewaltigung zu nennen. Die ersten sexuellen Erfahrungen, welche die junge Annie gemacht hat und die Teilnahmslosigkeit, mit der sie erste sexuelle Begegnungen erlebte, dürfte nicht untypisch sein - und das geschlechterübergreifend und keineswegs dem Zeitgeist der Fünfziger geschuldet. Ich würde mich scheuen, Vergewaltigung zu nennen, was sich aus einer menschlichen Situation ergibt, die so oder so ähnlich passiert. Natürlich war es nicht der Traum vom ersten Mal, den Annie erlebt hat. Doch den erlebt kaum jemand. Eher ist es typisch, daß eine Seite aktiv ist und drängt während die andere eher passiv ist. Wir bewegen uns dort in einem Grenzbereich. Im Fall Annies sicher selbst in den 50ern hart an der Grenze zum Übergriff, aber vom Handlungsablauf fände ich übertrieben, es Vergewaltigung zu nennen. Natürlich kann man zu anderen Bewertungen kommen - ich empfehle die Lektüre auch deswegen. Wobei sie sich ganz sicher nicht als Beitrag zur modernen Sexualmoral eignet, aber auf abstrakter Ebene vielleicht die Schwierigkeit deutlich werden läßt, sexuelles Handeln zu beurteilen (man sieht vielleicht, daß ich diese klare Verurteilung von H, der Annie - man muß es wohl "verführte" nennen - der taz nicht teile).
Was sich eher ergibt, ist ein Bild einer Erziehung, wie ich sie im Großen und Ganzen auch noch "genossen" habe. Das Umfeld ist inzwischen wahrscheinlich historisch, vor allem in der Strenge und den Exzessen, die sich ergeben, sobald ein Jugendlicher daraus ausbricht. Ich habe das noch erlebt, die jüngere Generation kennt diese Konflikte wohl nicht mehr. Vielleicht ist das Buch auch darum eine gute Lektüre für jüngere Menschen?

Das Buch ist sehr gut übersetzt - einziger Mangel ist, daß ich mir Songtexte als Fußnote übersetzt gewünscht hätte. Mein Französisch (3.Fremdsprache, Fensterplatz) reicht leider nicht einmal dazu, diese Schnpsel zu übersetzen.
Ich finde das Buch fantastisch und würde ihm 5 von 5 Sternen geben.

Hier noch ein Autorinnengespräch:


in dem es viel um Scham geht - die dauergrinsende Gesprächspartnerin finde ich nervend.
Während des Gesprächs wird das Buch in die MeToo-Ecke gedrängt, wie es auch Rezensenten der Zeitungen versuchen. Annie distanziert sich davon - daß die Ereignisse Folgen hatten wird als Folge der ersten sexuellen Erfahrungen interpretiert, was ich aber als Gesamtpaket interpretieren wurde. Annie wurde nicht nett behandelt in dem Ferienlager und das hat ihre Bulimie ausgelöst. Ob Annie sich selbst hier richtig interpretiert, wenn sie dem sexuellen Erlebnis mit H quasi die alles bestimmende Rolle in ihrem Leben zuweist?

Tags: buch, lautenistenleben, memories
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