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Ein paar wirtschaftsphilosophische Gedanken

Den folgenden Text habe ich für den Philosophenclan auf Netlog geschrieben und er ist nicht als fertige Theorie oder Meinung gedacht sondern als Ansatz und Anstoss zu einer Diskussion.
Hier mal ein paar Gedanken zum Themenkomplex Wirtschaft und Philosophie:

Wenn es um Wirtschaft geht fällt mir spontan Kant und dessen Imperative ein. Der kategorische (im Wesentlichen eine Deutung der goldenen Regel) und der hypothetische Imperativ.
der im Wirtschaften relevant erscheinende ist der hypothetische Imperativ:
„Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“

Dagegen steht das Gebot der Gewinnmaximierung im Wirtschaften.
Hier entsteht offenbar ein Widerspruch, den schon Marx (und sogar schon die Naturphilosophen, siehe Thomas Morus und seine Ausführungen zum Eigentum) erkannten.
Darum (und in Deutschland zusätzlich aus den Erfahrungen des 3.Reichs begründet) finden sich in vielen Verfassungen (und wohl in allen Ländern gibt es Gesetze) Regelungen, die das freie Wirtschaften einschränken. Als allererstes dieser Einschränkungen ist das Arbeitszeitgesetz 1833 in den USA und 1848 in England.
Darüber hinaus gibt die Formel "Eigentum verpflichtet" dem Staat die Berechtigung, Steuern zu erheben (übrigens zum beiderseitigen Vorteil).

Nun hat sich nach dem Niedergang des Sowjetimperiums und mit der Globalisierung der Wirtschaft eine neue Art Wirtschaften etabliert, in dem volkswirtschaftliches Denken zunehmend an den Rand gedrängt wird. Doch schon davor wurde Kapital selbst zur Handelsware. Die Aktie nur noch pro forma ein Anteil an einem Unternehmen sondern immer mehr Handelsgut mit abstrusen Verlinkungen zur Wirtschaft. Das Ganze geht einher mit Formen des "Indurstrietourismus", die sich darin äussern, dass die (nach Benchmark) jeweils günstigsten Produktionsstandorte gesucht werden, wobei Umwelt- und Sozialstandards gerne als Kostentreiber genannt werden. So ist es bekannt, dass Nike gerne in Kinderarbeit in 16-Stunden-Schichten bei Löhnen weit unter jedem Existenzminimum produzieren lässt. Nokia ist ein aktuelles Beispiel aus der BRD.
Genau in die gleiche Rubrik gehören meiner Meinung auch die Fälle von Steuerflucht, die in der letzten Zeit bekannt wurden.
Diese Ausführungen sollen nur (das an sich Offensichtliche) belegen; nämlich
  1. dass konsequentes wirtschaftliches Handeln im Widerspruch zu ethischem Handeln steht.
  2. dass die lange Zeit greifenden Regulierungsmethoden der Gemeinschaft heute nicht mehr greifen

und wir als Folge davon in einer Zeit leben, in der die Wirtschaft kaum noch kontrollierbar ist. (die besondere Rolle des Aktienhandels wäre es sicher wert, näher zu betrachten. Vielleicht können wir im Rahmen der Diskussion dann später darauf zurückkommen).

Als Wirtschaftsphilosoph würde ich (bin ich nicht, aber ich tue mal so als ob ) von folgenden Thesen ausgehen:
  • Alles Wirtschaften dient dem Zweck, die Versorgung von Menschen sicherzustellen
  • Resourcen sind schonend zu behandeln (Umweltschutz- und Sparsamkeitsgebot)
  • Geld ist Mittel und kein Zweck (Spekulationskepsis bzw. -verbot)

Als nächster Schritt gälte es, die Bedingungen zu formulieren, unter denen eine solche Form des Wirtschaftens etabliert werden kann.
Nahe liegen würde die Idee, dem unkontrollierten Wirtschaften der sich selbst "global player" nennenden Wirtschaftsgiganten (ein Ausdruck, den ich schon verwerflich finde: Wirtschaften ist kein Spiel) eine Kontrollinstanz gegenüber zu stellen. Angesichts der Macht- und Hilflosigkeit der Staatengemeinschaft (UNO) erscheint das allerdings ein aussichtsloses Unterfangen.
Die reichen Industriestaaten des Westens haben ausserdem das Problem, dass ihr Wohlstand zu einem grossen Teil durch Export entsteht und sie somit abhängig von Aussenhandelsüberschüssen sind. Eine Aporie?

Um das Problem auf eine Formel zu bringen: Staaten und Staatengemeinschaften können nur lokal kontrollieren und agieren, während die Ökonomie (um nicht den geschmähten Ausdruck "Kapital" zu verwenden) global handelt.
In etwas kleinerem Mass spiegelt die EU dieses Bild, indem sie einen geschlossenen Wirtschaftsraum ohne funktionierende politische Kontrolle darstellt. Somit erlaubt uns ein Blick auf die EU eine Prognose, wie die Globalisierung verlaufen könnte.

Ein überraschendes Gegenmodell könnte sein, die Räume zu verkleinern. Statt immer grössere Einheiten zu bilden den Raum zu verkleinern (Modell könnten die Schweiz, Liechtenstein oder Luxembourg sein). Auch bei einem solchen Modell entstehen natürlich Probleme, aber als Idee finde ich den "kleinen Raum" als Gegenentwurf zur Globalisierung diskussionsfähig, denn hier hat der Staat noch tatsächliche Gestaltungsmöglichkeiten und Lobbyismus wird erschwert, da die Kontrolle durch die Gemeinschaft direkter ist.
Tags: sam-oth
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