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Geschlechtergerechte Sprache

Eben auf 3sat eine Sendung über geschlechtergerechte Sprache (embedding funktioniert leider nicht mit Videos aus der Mediathek), die mich dazu veranlasst hat, meine Position zu Binnen-I und Genderstern noch einmal zu bedenken und (wahrscheinlich erneut) zu formulieren.

Der Begriff "geschlechtergerechte Sprache" an sich trifft schon nicht, worum es geht und beinhaltet zudem bereits eine Wertung. Der Begriff impliziert, die deutsche Sprache würde Geschlechter ungerecht behandeln. Es klingt an, man müsse nur etwas umformulieren, um politisch korrekt Frauen und Menschen, die sich irgendwie als ein anderes Geschlecht fühlen, als ihr Körper hat, nicht zu diskriminieren. In der Schweiz, und teilweise auch in Dutschland hat man darum versucht, das generische Maskulin zu vermeidun und Gerundive in substantivischer Verbalform zu benutzen, also Politisierender anstatt Politiker. Damit geht aber eine Bedeutungsverschiebung einher. Natürlich keine besonders starke, weshalb der Inhalt nicht immer und oft nur leicht verfälscht wird. Das könnte als normale Sprachentwicklung hingenommen werden.
Der Duden schlägt vor, beide Formen zu nennen (liebe Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen).

Durch Verwendung dieser Umformulierung wird der Vorwurf, die deutsche Sprache sei per se diskriminierend aber bereits unterstützt.

Die Variante, die man derzeit versucht zu etablieren fordert aber eine noch weitergehende Umgestaltung der Sprachet, die männliche Begriffe entweder ersetzt oder mit einem Binnen-I oder Gendersternchen versieht und auch so zu sprechen. Also Politiker*Innen statt Politiker Schüler*Innen statt Schüler.

Wenn ich Geschlechtlichkeit als soziales Konstrukt ansehe und entsprechende Gerechtikeit will ist der Sichtbarkeit des Geschlechts in der Spache durch die Reduzierung auf zwei Geschlechter nicht geholfen. Auch das höchstrichterlich erstrittene dritte amtliche Geschlecht läßt sich sprachlich nicht fassen. Im Gegenteil: es fügt dem empfundenen Geschlecht und dem biologischen Geschlecht noch ein amtliches hinzu. Das grammatikalische Geschlecht hat dagegen nichts mit den drei erwähnten Geschlechtern zu tun. Daß es "genus"/Geschlecht benannt wurde, ist von vielen Germanisten inzwischen bereits bedauert worden. 

Dieses gesamte Konzept hat nun mal ein paar heftige Fehler, die mich wie viele Liebhaber der deutschen Sprache stören.

Biologisches und grammatikalisches Geschlecht stehen nur in einer sehr losen Beziehung zueinander: Wir sagen die Frau, der Mann. Dem Tisch wächst aber kein Geschlechtsteil und das Mädchen bleibt weiblich, auch wenn das grammatikalische Geschlecht sächlich ist. Das sollte Grundschulwissen sein.

Ein Nomen steht für einen Inhalt. Der Inhalt wird verhandelt und ist zunächst beliebig - wenn alle Teilnehmer einer Kommunikation sich einig sind, das leuchtende Teil an der Decke "klabumm" zu nennen ist es halt so und wenn ich dazu komme und finde, das solle man Glühbirne nennen bin ich es, der sich anpassen muß. Sprache wird also von den Teilnehmern an einem Prozeß, einer Interaktion, die man Kommunikation nennt. verhandelt. Das Ziel des Ganzen ist, eine Mitteilung weiterzugeben. Damit diese Mitteilung auch verstanden wird müssen die verwendeten Codes verstanden werden. Eine Möglichkeite, sich verständlich zu machen ist Sprache. Wenn ich auf einen Menschen, sagen wir Merkel zeige und sage "Politiker" und Du zeigst auf Heidi Klumm und wiederholst "Politiker" reden wir nicht vom gleichen. Die Kommunikation ist gescheitert.
Beides sind Menschen, sowohl Merkel als auch Klumm (die Idee von Reptiloiden lassen wir mal beiseite) - die große Menge. Ein Teil dieser Menschen ist Politiker, ein anderer Moderator widerlicher TV-Shows. Attribute gliedern die Menge der Menschen also weiter und ich kann darauf zeigen, Politiker sagen und denke Mensch mit, weil alle Politiker Menschen sind. Wenn ich nur weibliche Politiker ansprechen will kann ich von Politikerinnen sprechen. Die Diskriminierung wird nun von Feministinnen darin gesehen, sprachlich eine Teilmenge darzustellen. Das ist formell allerdings schon heikel, denn eher ist es so, daß ich den männlichen Anteil an Politikern nicht explizit ansprechen kann. Das funktioniert nur, wenn ich das grammatikalische Geschlecht mit dem biologischen Geschlecht gleichsetze. Was eben nicht funktioniert.

Was also bleibt ist, daß Frauen sich nicht angesprochen fühlen. Die Sprache soll aufgrund des Gefühls einiger Teilnehmer an der Kommunikation geändert werden. Warum reden wir aber miteinander? Wir wollen uns verständlich machen. Wenn Frauen also auf einer bestimmten Anrede bestehen und sich nicht angesprochen werden, wenn sie Schüler oder Studenten genannt werden handelt es sich um Verweigerung der Kommunikation. Es ist nicht so, daß man das nicht verstehen könnte - es handelt sich um Grundschulwissen und man muß sich bewußt der Kommunikation verweigern, um die Ansprache nicht zu verstehen!
Der Wunsch einiger Frauen, in der Sprache explizit angesprochen zu werden läßt sich nur durch einen grundlegenden Umbau der Sprache bewerkstelligen. Mit Umformulierung alleine ist es nicht getan - und das würde auch zu einer sprachlichen Verarmung führen, da Inhalte nicht mehr korrekt dargestellt werden könnten sondern sich politisch korrekter Formulierung beugen müßten. Dagegen halte ich Widerstand für sehr berechtigt. Auf die Inkonsistenz habe ich bereits hingewiesen. Wenn es diskriminierend ist, Frauen nicht explizit immer mit zu nennen ist es auch diskriminierend, das dritte amtliche Geschlecht nicht mit zu nennen - und wenn ich gefühlte Geschlechter ansprechen will noch mehr. Um das zu bewerkstelligen müßte man eine neue Sprache entwickeln, die vollkommen geschlechtsneutral ist, eine Art Esperanto. Als linguistisches Experiment fände ich das noch ganz spannend. Das dem Deutschen anzutun klingt für mich nach dem Wunsch, eine Form des Neusprech zu implementieren.

Was mich noch mehr anscheißt als die Sprachvergewaltigung und Ignoranz von Grundschulwissen auf Grundlage eines Gefühls ist die Unterstellung, man befürworte Diskriminierung, sei gegen Gleichberechtigung, rückwärts gerichtet und so weiter; wenn man Sprache nicht zum Objekt ideologischer Manipulation machen lassen will.

Kritik an dieser Sprachvergewaltigung hat nichts mit der Befürwortung von Diskriminierung zu tun!

Gender Studies werden oft in diesem Zusammenhang gesehen und mit angesprochen, auch in besagter Sendung. Als sei da eine zwingende Verbindung. Klar, ich persönlich finde Gender Studies unwissenschaftlich, weil ohne wissenschaftliches Erkenntnisinteresse und somit überflüssig. Ich denke aber, dieses Problem wird gesellschaftlich gelöst. Absolventen der gender studies haben keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Darum ist mir das weitgehend egal. Mir wäre es auch egal, wenn sie in einer Art Privatsprache (oben erwähnte Kunstsprache) miteinander reden. Was aber gewünscht ist, über Sprache gesellschaftliche Veränderungen zu erzwingen und damit über die Hintertür gender studies Relevanz zu verschaffen. Man will Gesellschaft/Wirklichkeit konstruieren, nicht erklären (das Fakten oft Lösungswege nahelegen bleibt unbenommen. Aber es ist niemals Aufgabe einer Wissenschaft, die Welt zu gestalten).
Dieses Ziel ist nun diametral entgegengesetzt zu meiner Vorstellung einer gerechten, gleichberechtigten, diskriminierungsfreien Gesellschaft, die wäre, daß Geschlecht, sexuelle Orientierung, Hautfarbe, Nationalität, Alter etc. keine Rolle spielen, einfach Attribute sind, denen man nach Belieben Bedeutung geben kann, aber nicht muss. Und schon gar nicjts aufgedrängt bekommt. Gender studies dagegen erheben gender zum die Gesellschaft definierenden Merkmal. Davon abgesehen, daß das Schwachsinn ist ist es eben auch trennend statt verbindend. Genau das Gegenteil einer progressiven Gesellschaft wird erreicht, wenn man sich Gender Studies zu eigen macht.

Tags: die krise der westlichen welt, gedanken, lautenistenleben, meinung
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