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Veganismus und ökologische Landwirtschaft

Basierend auf diesem Artikel im Guardian, der meine hier bzw. hier  gemachten Aussagen bestätigt und den aktuellen Protesten von Landwirten habe ich mir noch ein paar Gedanken gemacht.

Tatsächlich appeliert die Autorin darin unter anderem für eine Umkehr der auf Effizienz ausgerichteten Landwirtschaft hin zu einem nachhaltigen Wirtschaften, welches auch Ruheperioden beinhalten müßte, die der Viehwirtschaft dienen können. Ihre Belege sind eindrucksvoll und logisch nachvollziehbar.
Daß die Landwirtschaft den Boden auslaugt und immer mehr Düngung notwendig sein wird, um überhaupt noch etwas aus dem Boden zu bekommen, hatte ich auch schon erwähnt. Dabei stehen die Landwirte und wirtschaftlichem und gesellschaftlichen Druck. Die Preise für ihre Produkte werden im Wesentlichen durch die EU vorgegeben und damit auch, was in welcher Qualität produziert wird. Ein Weg aus dieser Bindung an die EU war bislang auch biologisches Wirtschaften und damit die Nutzung anderer Vermarktungskanäle, entweder über Bio-Ketten oder oft auch Direktvertrieb. Das Wegfallen der ganzen Zwischenschritte im Handel ermöglichte, einen Teil der Marge in die eigene Tasche zu stecken und Einbußen in der Erntemenge (zwischen 5 und 25%) zu kompensieren. Ökologische Gründe spielen bei vielen Bio-Landwirten auch eine Rolle, auch über die Erhaltung des heimatlichen Hofes. Grade in der Schweiz habe ich eine oft fast schon kitschige Verbindung zur Natur und "Heimat" erlebt, die andererseits mit einem recht unromantischem Umgang mit dem Vieh einher geht. Nicht jeder Landwirt kann sich aber ökologisches Wirtschaften leisten. Ich gehe darum davon aus, daß bei entsprechender Honorierung, wenn es also nicht mehr bringen würde, ob man Phosphat, Nitrat und Gülle in den Boden pumpt oder nicht und all die anderen Faktoren, die das Grundwasser vergiften und den Boden auf Dauer unfruchtbar machen (der Guardian-Artikel spricht von höchstens noch 100 Ernten) und damit unsere Ernährung infrage stellen. Von den Rückständen, die bereits jetzt unsere Nahrung belasten,mal ganz abgesehen. Wenn das also nicht mehr bringen würde dürften sich viele Landwirte leichter zu ökologischer Wirtschaftsweise bewegen lassen.
Wichtig daran ist die ausschließlich wirtschaftliche Betrachtungsweise des Problems. Das Problem ist aber primär nicht wirtschaftlich, sondern ökologisch. Die wirtschaftliche Komponente ist nachgelagert und Folge des politischen Konstrukts.
Einige Stichworte, die über den schnöden Mammon hinaus gehen, liefert der Thünen Report des dem Landwirtschaftsministeriums nahe stehenden (von ihm finanzierten) gleichnamigen Instituts zu Leistungen des ökologischen Landbaus für Umwelt und Gesellschaft, der die von mir bereits angesprochenen weiteren Bereiche, in denen Landwirtschaft Einfluß nimmt, wissenschaftlich untersucht hat.  Wasserschutz, Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität, Klimaschutz, Klimaanpassung, Tierwohl sind Begriffe, bei denen letzten Endes nur noch das Maß der Vorteile im biologischen Wirtschaften überrascht. Weniger bekannt ist die Größe der Ressourceneffizienz. Hierbei wird das Verhältnis der eingesetzten Ressource zum Ertrag betrachtet. Man sollte nun erwarten, daß wenigstens bei dieser Größe die konventionelle Landwirtschaft die Nase vorne hätte - weit gefehlt!

Interessant auch das Kapitel über die ökonomischen Aspekte, in welcher (endlich) auch die indirekte Subventionierung mit betrachtet wird, die sich dadurch ergibt, daß die Schäden durch den Steuerzahler bezahlt werden müssen. Das gleiche Prinzip wie bei den Banken: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Wobei hier die Verluste teilweise zeitversetzt und nicht eindeutig dem Verursacher zuzuordnen sind, was eine Problemlösung über das Verursacherprinzip erschwert.
Interessant auch, daß keine Studie zu dem Schluß kommt, der konventionelle Landwirtschaft sei der biologischen überlegen.
Warum also machen die Bauern keine Öko-Landwirtschaft?

Es kann nur an der eingangs erwähnten Förderpraxis der EU in Verbindung mit einem massiven Interesse der entsprechenden Industrie liegen.

Ökologische Landwirtschaft ist aber auch kein Allheilmittel. Die Industrialisierung der Landwirtschaft wurde ja bereits vor 40 Jahren beklagt und bekämpft. Das ist nichts Neues, auch wenn die Probleme natürlich immer drängender werden. Dagegen stellt die Industrie als berechtigten Einwand die Notwendigkeit effektiver Lebensmittelgewinnung, um die steigende Weltbevölkerung zu ernähren. Auf vielen Flächen wäre ohne die Helferlein von Monsanto/Bayer und ähnlichen Konzernen keine Landwirtschaft möglich. Und in anderen Regionen können konventionelle Betriebe Vorteile haben, zum Beispiel, wenn man Transportkosten und die dadurch verursachten Schäden (beispielsweiese für Importe) berücksichtigt.
Kenngrößen könnte man intelligent entwickeln, um eine differenzierte Herangehensweise zu entwickeln und zu etablieren.

Dieser Bericht und die enthaltene Empfehlung wurde von der Landwirtschaftsministerin (natürlich) ignoriert und die Subventionspraxis der EU nicht angepaßt.

Veganismus ist eine respektable Lebensweise. Das muß ich vorweg schicken. Als Erwachsener kann man sich nach derzeitigem Stand der Wissenschaft, ziemlich ausgewogen vegan ernähren und die fehlenden Stoffe über Nahrungsergänzung zu sich nehmen.
Für Kleinkinder und Babies kann eine vegane Ernährung dagegen tödlich sein. Sie ist nicht natürlich. Das bedeutet natürlich nicht, daß eine vegane Ernährung abzulehnen ist. Nur bei Kindern sehe ich sie als kriminell an. Ansonsten bedeutet es nur, daß man sich informieren muß und sehr bewußt auf seine Ernährung achten muß, um keinen Schaden zu nehmen.
Veganer sehen sich gerne als ethisch überlegen, weil sie kein Tierleid produzieren würden - das impliziert einige ethische und logische Überlegungen, die ich an anderer Stelle schon angedeutet habe, die aber für die Betrachtung hier keine Rolle spielen. Für das Klima spielt die Methanproduktion der großen Wiederkäuer die entscheidende Rolle (600 Liter pro Rind und Tag).
Und es wird gerne die Milchmädchenrechnung präsentiert, daß die Erzeugung von Fleisch Ressourcenverschwendung sei, weil Getreide effektiver zur menschlichen Ernährung beitrage als Fleisch. Nun ist es einmal so, daß ca. 60% der Nutzfläche der Erde gar nicht anders zu nutzen sind denn als Weide. Auch würde man kaum gewinnen, wenn man die Nutztierhaltung einstellen würde, da auch Reis und Kompostierung für Methanproduktion sorgen. Der Effekt wäre marginal und durch Nicht-Nutzung von Wiesen würde Landschaft umgestaltet (nicht zwingend natürlich, denn große Weidetiere gehören natürlich in die Natur. Und nicht zwingend klimafreundlich, da die resultierende Landschaft nicht zwingend weniger Methan produziert. Und als drittes geht genutzte oder nutzbare Fläche verloren). Was problematisch ist, ist Flächenversieglung. Aber auch die hat natürlich nur mittelbar Einfluß auf die Methanproduktion. Eine wichtige Ziffer in diesem Zusammenhang ist der Anteil, den Landwirtschaft in Summe an den Treibhausgasen haben: 7,3% - ein Nebenkriegsschauplatz verglichen mit 85% durch Strom und Wärme. In den 7,3% durch de Landwirtschaft verursachter Treibhausgase sind auch Strom- und Wärmeemissionen enthalten.



s. https://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/treibhausgas-emissionen/emissionsquellen#textpart-1

Veganes Leben hat also kaum einen Einfluß auf das Klima, während der Nutzen der durch einen Verzicht auf Weidetiere verursachte Umgestaltung der Landschaft und Nichtnutzung oder Umgestaltung von Flächen mindestens zweifelhaft ist.

Tags: die krise der westlichen welt, gedanken, meinung
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