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gelesen: McGlue von Ottessa Moshfegh

Debüt meiner diesjährigen Lieblingsschreiberin war der recht kleine Roman McGlue, den ich auch mit großer Freude gelesen habe.

Schon in ihrem ersten Roman wird deutlich, was Ottessa Moshfegh auszeichnet. Sprachliche Virtuosität, eine Vorliebe für außergewöhnliche, schrullige Charaktere und Geschichten, die ihren Sinn, ihren Humor und ihre Schönheit nicht auf den ersten Blick offenbaren. Den Begriff Schönheit zu benutzen erscheint im Zusammenhang mit McGlue von 2016 natürlich sehr weit hergeholt, denn in McGlues Welt gibt es vor allem Alkohol und seine gesamte, von einem Schädelbruch und Alkohol bestimmte Wahrnehmung verschwimmt zwischen Realität und Fantasie. Und es dauert eine ganze Weile, bis sich in diesem Wirrwarr, was sich im Kopf des erzählenden McGlue abspielt, ein roter Faden aus einer innigen Männerfreundschaft in Verbindung mit verkappter Homosexualität findet. Wie es bei Ottessa Moshfegh oft der Fall ist wird dieser rote Faden nicht mit dem Dampfhammer auf den Leser eingeprügelt, sondern er findet sich subtil in den Tiefen von McGlues verwirrter Erzählung. Die Hintergründe des Erzählers fließen durchaus einleuchtend in die Geschichte ein, so daß wir auch ein gutes Stück Milieustudie erleben können - auch die Stimmung im Amerika aus der Mitte des 19.Jahrhunderts wird transportiert. Ich bin immer wieder begeistert, wie viel Inhalt, wie viel Geschichte und wie viel Gefühl Ottessa Moshfegh auf kleinstem Raum zu bündeln vermag. Natürlich verlangt sie ihren Lesern auch etwas ab. Einfache Lektüre geht anders!

Anke Caroline Burger, die ich für ihre anderen Übersetzungen der gleichen Autorin gelobt habe, muß ich hier kritisieren. Den Genitiv zu amerikanisieren wirkt immer wieder platt und unangemessen. Angesichts ihrer ansonsten guten Arbeiten versuchte ich einen Versuch zu erkennen, eine evtl. sprachliche Adaption an McGlues alkoholisierten Erzählstil auszumachen. Das war auch nicht erfolgreich. Mir kommt es vor, als hätte sie Moshfeghs Sprachstil versucht, ins Deutsche zu übertragen, sich dabei aber nicht so richtig von einem gepflegten Deutsch lösen konnte. Das ließe sich aber nur bestätigen, wenn ich auch die englische Fassung lesen würde.
Diese kleine Kritik fällt bei der Lektüre wahrscheinlich nur Stinkstiefeln wie mir auf und reduziert die Gesamtbeurteilung in keiner Weise. Wie bisher immer bekommt auch dieses Büchlein (es ist das bei weitem dünnste Werk der Autorin) volle Punktzahl und eine begeisterte Leseempfehlung

Tags: buch, lautenistenleben, memories
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