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Logik, Landwirtschaft und Zeitumstellung

Die Tendenz, in Gesprächen von Null anfangen zu müssen und die Welt von den Grundfesten her erklären zu müssen, oft, weil das Gegenüber meint, eine Meinung zu haben genüge vollkommen für ein qualifiziertes Gespräch (also quasi "Eine Meinung genüge, um sich eine Meinung zu bilden") ist sehr ermüdend.

Zum Beispiel ist man sich seit der Antike über grundlegenden Annahmen der Logik einig, zum Beispiel, daß es unmöglich ist, daß etwas ist und gleichzeitig nicht ist (Satz vom ausgeschlossenen Dritten).
Hier könnte man bei vielen Diskussionen heutzutage schon abbiegen und demonstrieren, daß diese Regel verletzt wird.

Ein weiteres interessantes Begriffspärchen sind "Mittel und Zweck", wobei ein Zweck ein metaphysisches Ideal sein kann (Frieden) oder das Ergebnis einer Handlung (Ernte als Ergebnis der Saat). Als Drittes könnte man noch die Antizipation eines Ergebnisses im Bewußtsein als Zweck verstehen. Umgekehrt wird die lateinische Formel nihil est sine ratione (Satz vom Grund) formuliert.
Ein Mittel kann aber niemals identisch mit dem Zweck sein. Kant fordert nun als ethische Maxime, daß man einen Menschen nie als Mittel ansehen darf. Diese Forderung findet sich kondensiert im Grundgesetz in Artikel 1 ("Die Würde des Menschen ist unantastbar").
Hier könnte man nun wieder ganz oft abbiegen in den aktuellen Diskussionen.

Ich möchte nicht verschweigen, daß es berechtigte Kritik an diesen Annahmen gibt, die zum Beispiel Hegel äußert, der den Zweck als den Dingen immanentes Attribut ansah. Außerdem kann der Zweck des einen Mittels Mittel zur Erreichung eines anderen Zwecks sein. Das Begriffspärchen ist also nur in der jeweiligen Verbindung tauglich.
Was davon aber unberührt bleibt ist der Ausschluß von Mittel und Zweck in einem gegebenen Kontext. "Ich will Geld wegen Geld" ist Quatsch. "Weniger ist mehr" oder ähnliche Formulierungen sind selbstwidersprechend.

Das sind nur ganz grundlegende Infos, die in etwa auf dem Level "1+1 = 2" rangieren.
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Nun haben Landwirte protestiert. Sie seien doch die Fachkräfte und darum wüßten sie am besten, wie das mit der Ernährung funktioniert.
Die Position läßt sich zusammenfassen als "beleidigte Leberwurst": haltet die Fresse. Ihr habt keine Ahnung.

Dieses Art, mit Nicht-Argumenten zu arbeiten, ist natürlich heutzutage populär. Ich habe mich jedenfalls aufgeregt, weil man wieder mit Basics anfangen muß, um zu argumentieren.

Der lokale Metzger unterstützt nun die Landwirte mit der unten stehenden Formel, die natürlich zutrifft und hinter die ich mich vollkommen stellen kann



Landwirtschaft brauchen wir nun wirklich.

Gehen wir mal davon aus, daß es eine bestimmte Menge an Arbeiten auf der Welt gibt. Manche sind nicht notwendig, um die Art zu erhalten oder uns Freude zu bereiten. In der Anfangszeit der Menschheit wurden die Tätigkeiten im Stamm aufgeteilt, irgendwann gab es dann eine Arbeitsteilung. So bekam der Bauer die Aufgabe, für Lebensmittel zu sorgen (und der Metzger veredelt das vom Landwirt gelieferte Fleisch, der Bäcker das Getreide etc.).
Was aber klar sein muß: die Menschen, die mit Lebensmitteln hantieren und uns versorgen tun das in gesellschaftlichem Auftrag (wie andere Berufsgruppen auch). Die machen wirklich etwas Sinnvolles! Aber es muß auch klar sein, daß die Gesellschaft einen Rahmen vorgibt.


Was also auch klar sein muß ist der Auftrag, den der Bauer von der Gesellschaft  hat. Alle Zahlen, die Uhrig hier nennt, können stimmen - ich habe sie nicht überprüft. Doch diese Argumentation führt ins Leere, weil die Gesellschaft das alles gar nicht bestreitet und sogar honoriert. Was de Bauern als ungerechten Angriff empfinden ist, daß die Gesellschaft ein übergeordnetes Interesse sieht und findet, den Rahmen, in dem ein Bauer seinen gesellschaftlichen Auftrag erfüllt, hier und da neu justieren zu müssen. Wenn der Bauer Mais und Getreide erntet oder Kühe auf der Weide stehen hat, dann entstehen im Zuge des Prozesses nun mal auch Gifte, oder der Bauer benutzt sie, um den Ertrag zu sichern oder zu steigern. Mit der Flurbereinigung wurden die Flächen größer, die ein Feld hat und das sorgt für das Verschwinden von Rebhuhn und Feldhase genauso wie es zu unansehnlichen Agrarwüsten führt. Und vieles mehr, wo die Arbeit des Bauern gesellschaftliche Interessen tangiert. Das hat nichts mit dem Beruf und der Aufgabe eines Landwirtes zu tun. Das sind legitime Forderungen der Gesellschaft an Bauern.
Darum gibt es ein Landwirtschaftsministerium und darum fetzt sich das regelmäßig mit dem Umweltministerium. Denn zwischen den Interessen und Notwendigkeiten muß vermittelt werden. Wir brauchen die Landwirte, aber auch eine gesunde Umwelt. Und ja - wissenschaftlich belegbar ist, daß der Spiegel und die Qualität des Grundwassers sinken. Grade die Nitratbelastung ist durch Düngung und Gülle verursacht. Wissenschaftlich läßt sich ein Zusammenhang feststellen zwischen Pestiziden und Herbiziden und sinkender Fertilität bei Mensch und Tier. Und ja, die Umgestaltung der landwirtschaftlich genutzten Flächen in Agrarwüsten vernichtet den Lebensraum von vielen Tieren - und sorgt längerfristig auch für einen erhöhten Bedarf an Dünger, um noch Ernsten zu erwirtschaften.
Beschimpfen will die Landwirte hoffentlich niemand, aber wir müssen im Gespräch bleiben und auch die Bauern müssen sich gesellschaftlichen Veränderungen anpassen. Eben, damit sie nicht zurecht als Tierquäler, Insektenmörder und Naturvergifter beschimpft werden können.



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Zeitumstellung:
Nun haben wir also Winterzeit, früher auch Normalzeit genannt.
Die Abschaffung wurde trotz Wunsch einer überwältigenden Mehrheit abgelehnt, weil es zu einem Flicketeppisch an Zeitzonen in Europa führen würde. WTF? Warum bitte soll es neue Zeitzonen geben, wenn wie die Zeitumstellung abschaffen? Aktuell gibt es in Europa 3 Zeitzonen - Die Görlitzer Zeit als Mitteleuropäische Zeit, die Westeuropäische Zeit (UK, Irland und Portugal) und die Osteuropäische Zeit (Rumänien, Bulgarien und Griechenland), derzeit zuzüglich der jeweiligen Sommerzeit.
Ein logischer Grund, warum mehr Zeitzonen notwendig werden würden, wenn man die jeweilige Sommerzeit oder Winterzeit streicht ändert läßt sich nicht erkennen.

Die Uhrzeit ist nun nur ein Referenzsystem, eine abstrakte Größe, um etwas in der wirklichen Welt meßbar zu machen. Dieses Phänomen in der wirklichen Welt, also Tag und Nacht beruht auf einer Erdumdrehung. Grob sei dabei 12 Uhr mittags der jeweils höchste Stand der Sonne. Unsere innere, biologische Uhr richtet sich nach Sonnenauf- und -untergang. Die Zeitumstellung um eine Stunde sorgt daher für ein minimales Jetlag, weil unser Tagesablauf sich nicht nach der inneren, biologischen Uhr richtet, sondern nach der künstlich applizierten Größe, der Uhrzeit. Nun dauert es eine Weile, bis sich die innere Uhr dem gewöhnlichen Tagesablauf angepaßt hat. Davon unbenommen bleibt, daß die unsere biologische Uhr keine Uhrzeit kennt. Seit etwa 150 Jahren, seit der Einführung elektrischen Lichts, tricksen wir diese biologische Uhr aus. Wir sperren das Licht durch Rolladen aus oder erzeugen künstliches Licht. Das hat Einfluß auf unser Verhalten in der Zeit. Biologisch bestimmt bleibt es aber durch Sonnenauf- und -untergang. Ob uns eine Uhr sagt, es sei 8 oder 9 Uhr ändert nichts an unserem Empfinden von Zeit. Die biologische Wachphase muß durch diesen Wechsel der Uhrzeit neu justiert werden, nicht als Naturgesetz, sondern weil mein Chef erwartet, daß ich um 8 Uhr auf der Schaff bin und sich der Tagesablauf des gesamten sozialen Umfeldes an der Uhrzeit ausrichtet. Die Uhrzeit ist eine mächtige, aber künstlich erzeugte Größe. So weit, so banal.

Die Zeitumstellung wurde erstmals während des 1.Weltkriegs eingeführt in der Annahme, daß man Energie sparen könne. Das wurde dann abgeschafft als man festgestellt hat, daß diese Annahme nicht zutrifft (was logisch ist, da nur die Referenzgröße geändert wurde, die Energie aber eine Größe in der wirklichen Welt ist. Der gleiche Effekt hätte ja erzielt werden können, indem man die Arbeitnehmer eine Stunde früher zur Arbeit ruft, was aber angesichts des Verhältnises von aktiver Zeit eines Menschen zur Tageslänge im Winter ohne Effekt bleiben muß). Mit dem gleichen Grund (und dem gleichen Ergebnis) wurde sie nach der ersten Energiekrise in den 70ern erneut eingeführt.

Nun will die EU 2021 entscheiden, ob sie den Unsinn abschaffen will.

Tags: gedanken, lokales, meinung, schweinschen schlaus weisheiten, thomas mental chaos
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