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Die Türkei überfällt Syrien

Mich nervt es ja oft, wenn man Euphemismen findet, um etwas zu beschreiben. So wird in der Presse von der Offensive der Türkei gesprochen. Das klingt entweder nach Fußball oder nach einer Aktion in einem schon bestehenden Krieg. Hier ist die Situation aber eindeutig: die Türkei ist in Syrien einmarschiert. Das genannte Kriegsziel soll wohl die Eroberung eines Streifens entlang der syrischen Grenze sein, welche offenbar von Kurden gesäubert  (die Form ist noch nicht klar - sicher gewaltsam) und mit arabischen Flüchtlingen besiedelt werden soll.

Die Frage ist wahrscheinlich nicht sonderlich relevant, doch: In ihrer Not haben sich die Kurden natürlich an Syrien um Hilfe gewandt. Rein formell handelt es sich schließlich bei dem Konflikt um eine türkische Invasion Syriens. Damit könnte auch der syrische Verbündete Russland ins Spiel kommen. So sehr ich Erdogan einen Dämpfer wünsche und den Kurden Schutz und Frieden - so sehr sehe ich auch die Gefahr einer Eskalation, grade bei so einem Bekloppten wie Erdogan.
Was alles seit der unsäglichen amerikanischen Invasion des Irak in dieser Region kaputtgegangen ist kann man kaum noch beschreiben. Der westliche, vor allem amerikanische, Versuch, die verbleibenden fossilen Ressourcen im Zugriff zu haben kostete bereits Millionen Leben und ist ein ständiges Spiel mit dem Feuer.
Eine moralische Überlegenheit des Westens ist dabei nicht festzustellen, eher das Gegenteil. Und das Schicksal der Kurden belegt, was Verbündete der USA zu erwarten haben. Seit Trump werden sie sowieso eher als Vasallen denn als Verbündete angesehen. Auf eindrucksvolle Weise führt uns die Türkei vor, was durch den Zerfall der westlichen Bündnisse passiert: Aufstieg des Nationalismus, Krieg, Tod und Verderben. Kann man das wünschen? Meine Hoffnung, daß Europa den USA eine mehr als ebenbürtige Stimme gegenüber stellt ist leider nicht erfüllt worden. Das Vereinigte Königreich zerbricht, Frankreich macht sich mit Versuchen, militärische Stärke zu demonstrieren, lächerlich und Deutschland ist unter Merkel duckmäuserisch geworden. Die Staaten im Osten und Südosten der EU vertrauen noch den USA und sehen vor allem Russland als Bedrohung. Ihr Verhältnis zur EU ist nicht von einem europäischen Gedanken getragen sondern durch den Versuch, ihre nationale Souveränität gegen Russland zu sichern.
Die Zerreißprobe 2015, als man die Türkei bezahlte, um die syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge aufzunehmen und Merkel sowohl Bilder ertrunkener Kinder als auch Naziaufmärsche zu ersparen wurde dadurch zwar abgewendet. Aber außer Milliardenzahlungen an die Türkei zu berappen hat sich die EU erpressbar gemacht. Wenn man das politische Personal und die aktuelle Lage anschaut ist es zum Mäusemelken. Natürlich muß man die Türkei zur Ordnung rufen. Die EU ist, leider! zu schwach dazu, die USA wollen nicht und somit bleiben Syrien (sowie eher akademisch: der Iran) und Russland. Deren Eingreifen wird die kurdische Autonomie zurückwerfen und der gequälten Bevölkerung droht neues Leid. Alle Staaten der Region werden das Verhalten sehr wohl wahrnehmen und sowohl den Verrat der USA als auch die Schwäche der EU wahrnehmen. Nun kommt es wohl darauf an, wie sich Syrien und Russland verhalten.

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Grade in den Nachrichten gelesen: der Krieg der Türken gegen Syrien/Kurdistan könnte den Bündnisfall der NATO auslösen. BITTE? Die Türkei marschiert in Syrien ein und DAS (also wenn sich Syrien, evtl. mit russischer Hilfe, wehrt) soll die Notwendigkeit kollektiver Selbstverteidigung begründen?

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Ich frage mich, wie oft sich all die Staatsoberhäupter, die nach dem 11.September 2001 dazu entschlossen, auch Terrorismus als Anlaß zur militärischen Selbstverteidigung zuzulassen, diese Entscheidung bedauert haben. Von der Invasion Afghanistans angefangen (Afghanistan hatte nichts, aber auch gar nichts mit den Terroranschlägen zu tun) bis nun zur Invasion Syriens wird das pauschal als Grund für Angriffskriege genannt. Das war noch nie glaubwürdig, die Türken überspannen nun den Bogen. Ich wäre in einem ersten Schritt für eine Verurteilung durch die UN, Rausschmiß aus der NATO und weg mit dem Assoziierungsabkommen mit der EU. Mindestens sistieren müßte man die Mitgliedschaft, bis die Türkei zu einer Politik zurückkehrt, die mit dem Völkerrecht verträglich ist. Daß weiterhin Waffen, auch aus Deutschland, an die Türkei geliefert werden ist ein Skandal

Tags: die krise der westlichen welt, gedanken, lautenistenleben, meinung
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