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gelesen: homesick for another world von Ottessa Moshfegh

Etwas länger habe ich an dem Band mit Kurzgeschichten gelesen. Das lag nun nicht daran, daß ich die Geschichten in Englisch gelesen habe, sondern daran, daß diese Geschichten so unglaublich viel Subsanz besitzen, daß man auf mehreren Ebenen immer wieder fragen muß, warum. Warum scheint die Geschichte plötzlich abzubrechen? Warum hat Ottessa ihre Figuren so angelegt, wie sie es getan hat? Oft findet man ihre skurril gezeichneten Personen auch in abgemilderter Form in seinem Umfeld. Und oft fand ich auch Eigenschaften an mir selbst, die ihre dramatis personae auszeichnen - und oft genug quälen. Daneben gibt es so unglaublich viele wundervolle Formulierungen, an denen ich hängengeblieben bin.

There I was, spectacular and alive and the whole world was missing it.


Die Erzählstruktur ist, wie gesagt, micht ganz einfach. Dennoch lassen sich fast alle Geschichten flüssig durchlesen. Ich habe mich auf eine pro Tag beschränkt, um mir Zeit zu lassen, eine Beziehung zur Geschichte und deren Inhalt zu entwickeln. Sprachlich ist Ottessa makellos, sofern ich als Nicht-Muttersprachler dazu ein Urteil fällen kann. Die Personen, die Geschichte und Sprache passen gut. Die Autorin ist ein sehr gute Beobachterin der Welt, die sie mit rabenschwarzem, aber feinem Humor, wenn auch nicht vorführt - es endet nie im Klamauk! - so doch präsentiert. Dabei sind die Geschichten nie auf den Effekt hin angelegt (was viele sicher verwirren wird: die naheliegende Handlungsfortschreibung findet sich - von einer Ausnahme abgesehen - nie). Ich fand es ungemein erfrischend, mich überraschen zu lassen mit den immer wieder interessanten Einfällen der Autorin zu folgen und zu genießen, wie sie sie in Worte faßte.
Aus Ottessa Moshfeghs Geschichten ziehe ich auf ähnliche Weise Vergnügen, wie aus Musik von Bach: je mehr man weiß, umso mehr Vergnügen zieht man daraus. Wobei es nicht schadet, das wissen nicht zu haben, aber es schafft eine neue, zusätzliche Ebene.
Auch dieses Buch von Ottessa Moshfegh bekommt von mir eine uneingeschränkte Empfehlung. Natürlich ist diese Art Literatur nicht für jedermann geeignet - fortgeschrittene Leser können aber mit entsprechend kritischer Selbstreflexion und entsprechendem Humor sehr viel Vergnügen aus diesen Erzählungen ziehen. Ottessa Moshfegh ist meine literarische Entdeckung 2019 und zurecht gilt sie als eine der herausragenden Autoren unserer Zeit und hat den Hemingway-Preis 2016 verdient (für Eileen. Ich bin überrascht , daß ich es hier nicht erwähnt haben soll) gewonnen.
Tags: buch, memories, prosa
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