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Fleischkonsum

Zwei Ereignisse brachten mich zu diesem Post. Einmal wurde ich in der Metzgerei von der Verkäuferin erstaunt angesprochen "und das reicht Ihnen für eine ganze Woche?" und gestern gab es in einem Bericht eine Bemerkung, der durchschnittliche Deutsche würde 60 Kilogramm Fleisch im Jahr vertilden, wenn man die Veganer und Vegetarier rausrechnen würde wären es sogar 67 kg pro Person und Jahr (im Amiland seien es über 100 kg), wobei Männer im Schnitt noch fast das doppelte verzehren als Frauen. Der Wert kam mir sehr hoch vor und darum wollte ich ihn mal gegen meinen eigenen Fleischverbrauch rechnen.

Prinzipiell versuche ich, zwei bis drei fleischlose Tage in der Woche einzulegen. Die Möglichkeiten, die wir heute in der Ernährung haben und viele tolle Rezepte, grade aus Indien, machen das sehr einfach. Anstreben tue ich, das Verhältnis noch umzukehren und den Konsum an Wurst, der bei mir nach meiner Rückkehr nach Deutschland wieder recht bedeutend ist, stark zu reduzieren. Ein rein vegetarisches Leben finde ich zu anstrengend, ein veganes Leben wird leicht ungesund (außerdem ist ein Leben ohne Käse zwar möglich, doch dieses Stück vom Paradies - oder der Hölle - gönne ich mir) . Aber Tiere zum Verzehr zu töten bedarf einer Rechtfertigung und gegen die Massentierhaltung und das Abfackeln des Regenwaldes und viele andere Umweltsünden, die aufgrund des westlichen Konsumverhaltens entstehen, kann ich nicht ernsthaft sein, ohne für mich persönlich Konsequenzen zu ziehen.

Ich kaufe in der Regel für zwei Mahlzeiten beim Metzger Fleisch ein. Die Rechnung hier ist etwas hoch, weil bei mir Reste bleiben, die ich dann an meine Mutter gebe, die sich über die etwas andere Küche freut - und ich muß bei den Mengen nicht ganz so sehr aufpassen. Das sind etwa 300 - 400 g Fleisch. Dazu kommen dann pro Woche an Wurst noch etwa 200 - 250 g. Rechnen wir also mal mit 600 g Fleisch, welches ich pro Woche verzehre, so kommen wir auf knapp 32 Kilo pro Jahr. Wahrscheinlich ist es etwas mehr, weil auf der gelegentlichen Pizza ein paar Salamischeiben sind, beim Mex ist etwas Huhn dabei und wahrscheinlich gehe ich schon auch etwa 1x im Monat essen und da nehme ich gerne Sachen, die ich zuhause nicht koche, zum Beispiel also ein Rumpsteak oder ein Schnitzel. Von der Größenordnung her finde ich es beruhigend, das ich nicht über dem Schnitt liege und sogar nur knapp über den empfohlenen 30 kg/a und auch unter dem Wert von 44 kg/a (ca. 60kg/a für Männer, 30 für Frauen), der sich aus einer Befragung ergab. Ich finde meinen Wert aber immer noch zu hoch und sehe locker ein Drittel Einsparpotential.

Wir reden ja gerne davon, durch unser Konsumverhalten etwas für die Umwelt zu tun - und die Klöcknerin tarnt ihre Untätigkeit und Inkompetenz ja gerne durch ein Label und die Aufforderung an die Verbraucher, doch selbst etwas zu tun. Natürlich ist das seitens der Ministerin nur ein Mäntelchen, um überfällige Anpassungen in ihrem Ressort so lange als möglich zu verschleppen und den Geldsäcken noch eine Weile länger Zeit zu gewähren, auf Kosten der Umwelt und der Gesundheit, vor allem folgender Generationen, Geld einzusacken.
Bereits die Flurbereinigungen hat der Natur großen Schaden zugefügt und aus ehedem kleinteilig strukturierten Flächen Agrarwüsten entstehen lassen. Heutzutage beschweren sich die Bauern dann über dringende ökologische Anliegen und kleine Korrekturen der Flurbereinigung wie einen angemessenen Mindestabstand zu Wasser oder Feldrandstreifen. Sehr schädlich sind zudem moderne Dünger und Insektizide und Pestizide, die ins Grundwasser gelangen und mühsam aus dem Trinkwasser herausgefiltert werden müssen. Die Kosten dieser Schäden werden auf die Allgemeinheit umgelegt. Genauso bei durch die Versteppung entstehenden Schäden und die durch den Klimawandel immer offensichtlicheren Probleme im Wasserhaushalt. Wie auch in anderen Bereichen leben wir (also in diesem Fall die Landwirte) von einem Kredit mit unbekanntem, aber sicher sehr hohen Zinssatz, den unsere Kinder und Enkel bezahlen müssen und von dem nur einige Landwirte heute profitieren.
Statt nun einen vernünftigen und verträglichen Umbau jetzt und über einen längeren Zeitraum hin zu realisieren macht die Politik seit Jahrzehnten, obwohl die Probleme bekannt sind, ... nichts. Ganz im Gegenteil! Es wird aber immer dringender und die Zeit, um einen verträglichen Umbau der Landwirtschaft zu gestalten, wird immer knapper. Das Grundwasser wird schon weniger und sicher wird es nicht mehr so lange dauern, bis die Fragen nach Ursache und Möglichkeiten, etwas dagegen zu tun lauter werden. Auch die Vergiftung von Böden und Grundwasser schreiten voran und haben schon ein Schadniveau erreicht, bei dem eine natürliche Heilung kaum mehr zu erwarten ist. Das bedeutet, daß von Landwirten die Zinsen ihres umweltschädigenden Wirtschaftens eingefordert werden. Natürlich schreien sie in solchen Fällen nach staatlicher Unterstützung, die von der inkompetenten Politik willig gewährt wird. Hier muss zwingend umgesteuert werden und Hilfen von nachhaltiger Bewirtschaftung abhängig gemacht werden. Wir brauchen Landwirtschaft, wir brauchen Eingriffe in die Landschaft, um uns zu ernähren. Doch was wir zur Zeit haben ist weit über das Ziel hinaus und zerstört die Möglichkeit, uns zu ernähren. Wenn man dabei im Hinterkopf behält, daß durch den Klimawandel einige jetzt noch fruchtbare Gebiete wahrscheinlich unfruchtbar werden ist ein pfleglicher und schonender Umgang mit den vorhandenen Flächen dringend notwendig. Eine ganze Reihe von Maßnahmen und eine ganze Reihe von Fragen des "Wie" sind durchaus diskussionsfähig. Aber, daß wir einen Umbau der Landwirtschaft brauchen sollte gar nicht zur Debatte stehen. Die Alternative hieße "so weiter wie bisher", also das was derzeit zur Ertragssteigerung eingesetzt wird wird in Zukunft notwendig, um Erträge überhaupt zu ermöglichen - solange, bis das Wasser verbraucht und die Böden unfruchtbar sind und kein Ertrag mehr möglich ist.
Hier kann der Verbraucher natürlich unterstützen - Problem dabei ist aber, was die Klöcknerin ignoriert: viele Menschen haben nicht die Wahl!. Dazu ist ein gewisser Wohlstand notwendig, der immer ungleichmässiger verteilt wird und der immer mehr Menschen die Möglichkeit nimmt, nach Qualitäts- und politischen Gesichtspunkten einzukaufen. Dazu kommt eine zunehmende Verdummung der Gesellschaft. Das mag hart klingen, aber Jahrzehnte einer Bildungspolitik, die auf die wirtschaftliche Verwertbarkeit der ausgebildeten Menschen hin gestaltet war, hinterlassen Spuren. So gibt es heute hervorragend ausgebildete Fachkräfte, die aber ... dumm sind. Dazu kommt, daß selbst Menschen, die genug Geld haben, so erzogen wurden, möglichst billig zu leben - das berühmte "Geiz ist geil" oder, ich denke an den Audi TT vorm Aldi - "wir sparen - koste es, was es wolle".
Das klingt, als sei ich für starke Regulierungen. Das ist nun auch nicht so. Freiheit bedeutet nun mal auch die Freiheit, sich selbst zu schaden. Die Politik hat aber, als Repräsentanz einer Mehrheit, die Aufgabe, die Mehrheit zu schützen, auch vor sich selbst. Und dabei kann es notwendig sein, die Freiheit anderer einzuschränken. Ob das ein Tempolimit auf der Autobahn ist oder eben Vorgaben für die Landwirtschaft spielt dabei keine Rolle. Jede Partei oder Gruppe in der Gesellschaft zieht dort andere Grenzen, die man ausdiskutieren kann und muß. Was nicht geht, was aber heute passiert, ist - einfach nichts zu tun. Und das passiert bei nahezu jedem Problem, bei dem politisches Handeln gefragt wäre.
Ich fände natürlich, um einen ökologischen Umbau zu bewerkstelligen bräuchte es der Unterstützung: Feldrandstreifen, oder Mauern sollten großzügig gefördert werden. Pestizide, Nitratdünger und Insektizide könnte man mit einer Art Ökosteuer belegen, die sich nach der Schädlichkeit richtet. Die Einnahmen könnte man für umweltfreundliche Alternativen nutzen. Einen Ökobonus auszuzahlen sollte ebenfalls drin liegen. Andererseits sähe ich nicht ein, Agrarwüsten zu fördern oder Bauern, die sogar gegen Biodiversität arbeiten (z.B. indem sie Schutz vor Angriffen von Räubern wie Wölfen, Bären oder Füchsen verweigern). Andere Mittel, wie Glyphosat, gehören einfach verboten.

Persönliche Konsequenzen aus dem umrissenen Problemfeld sind für mich, neben Überlegungen zum ökologischen Fußabdruck (da bin ich aber recht gut dabei, vermute ich) auch einige Überlegungen zum Einkaufsverhalten und im Kontext zu einem (halbwegs) gesunden Lebensstil.
Der Anteil exotischer Lebensmittel hält sich bei mir in Grenzen. Es kann natürlich vorkommen, daß ich unachtsam bin und mir mal Früchte aus Afrika oder Asien in den Einkaufswagen kommen. Mein Kaffee und Tee als exotischste reguläre Bestandteile der Ernährung sind wenigstens fair gehandelt und die Wiederverkäufer sichern eine nachhaltige Bewirtschaftung zu. Der Transport bleibt dabei natürlich problematisch. Vor allem versuche ich lokal und mit den Jahreszeiten einzukaufen. Erdbeeren im Dezember sind tabu (außer tiefgefrorenen). Generell gilt: in den seltensten Fällen schmeckt etwas besser, weil es viel ist. Das ist in einem Single-Haushalt ein großes Thema. Auf dem Markt bekomme ich Kleinstmengen an Gemüse, oft in hoher Qualität. Oft nehme ich auch Tiefgerorenes, weil ich nicht jeden Tag auf den Markt gehe. In den kleinen Mengen entstehen weniger Reste, die ich weitergeben oder wegwerfen muß. Das macht sich auch im Geldbeutel bemerkbar. DIe Manie, billig einkaufen zu wollen, ist oft nichts als Selbsttäuschung. Natürlich ist TK-Gemüse in der Produktion energieintensiver als frische Ware. Auch das will berücksichtigt sein. Für gesunde Ernährung sollte man das sogenannte conveniant food meiden. Die TK-Pizza oder das Fertiggricht aus dem Tiefkühler sind manchmal praktisch, aber nicht empfehlenswert. Food facts und andere Infos auf der Verpackung sollte man kritisch lesen. Viele Details kann man als Täuschung abtun. Nachdem die Klöcknerin nun den (zu dem freiwilligen) Nutri-Score vorgestellt hat könnte man den Eindruck bekommen, man bekomme einen objektiven Hinweis aus die Gesundheit des eingekauften Produkts. Das stimmt so natürlich nicht. Denn in diesen Labels, die die Klöcknerin so liebt, werden einzelne Parameter ausgewertet, gewichtet, zusammengefasst und bewertet. Die zugrunde liegenden Annahmen sind schon nicht ganz unumstritten, die Folgen sind aber auch absehbar - wie auch der ADAC-Crashtest dazu geführt hat, daß Autos gegen diesen Test konstruiert wurden und nicht nach unabhängig von dem Test festgestellten Sicherheitsaspekten, wird irgendein Label nur dazu führen, daß die Produzenten versuchen, in dieser Skala gut abzuschneiden. Kurz: Vorsicht vor Benchmarks! Natürlich kann das einen Anhaltspunkt geben, aber: solche Labels schreiben einen Standard fest, den zu entwickeln dann schwierig wird. Und, wie auch FSC oder MSC-Siegel, sind sie oft irreführend. Dazu kommt, daß die Werbeindustrie solche Labels für sich entdeckt hat und ihren scheinbar objektiven Charakter für sich auszunutzen versteht. So werden wir von Labels gradezu überflutet. Solche Labels braucht man nicht zu ignorieren, aber bei jedem Label, bei dem man die Kriterien nicht kennt, ist größte Vorsicht angebracht. Darum: Lokal einkaufen ist zu bevorzugen. Wenn das nicht geht, dann gibt es einige Label, denen ich (nach Prüfung) ein eingeschränktes Vertrauen schenke (demeter, Bioland, fairtrade - das 6-eckige EU-Bio-Siegel nehme ich als Zeichen, daß Mindeststandards eingehalten werden). Dabei gilt trotzdem: nur selber denken ist schlau. Wenn ein Produkt beispielsweise Unmengen an Palmöl enthält kann es trotz Bio-Siegel etc. für mich unakzeptabel sein. Da sind die individuellen Vorlieben sicher sehr breit gestreut.

Zusammengefaßt: Auch als Fleischfresser kann man versuchen, seinen Beitrag zu leisten. Dabei ist das Einkaufsverhalten mit einigen wenigen Adaptionen des eigenen Verhaltens eine gute Möglichkeit, zu mehr Qualität und Genuß zu kommen, ohne sonderlich viel mehr Geld auszugeben. Das Versagen auf der politischen Ebene sollte unser Wahlverhalten stärker beeinflussen. Eine Klöcknerin mit ihrer desaströsen Politik alleine macht die CDU, genauso wie Schulzes lex lupus die SPD für mich unwählbar.


Tags: gedanken, gesund leben, meinung, schweinschen schlaus weisheiten
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