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Buch mit CDs - oder CDs mit Buch?

Das war schon die erste Frage, mit der ich mich beschäftigt habe, als ich die neue Veröffentlichung von Andreas Schlegel, "Das Lautenbuch der von Erlach" erhalten habe.

Eine weitere Frage, die sich aufdrängte war, was denn die aufwendige Veröffentlichung eines Büchleins einer Familie vom Thunersee soll: hier kann ich direkt ansetzen, da mich grade das Konzept schon begeisterte, bevor ich die Veröffentlichung überhaupt in der Hand hatte. Es spielte dabei für mein Interesse weniger eine Rolle, mit was und mit wem sich Andreas Schlegel dort beschäftigte, sondern die Art, wie er an die selbstgestellte Aufgabe heran ging.
Es ist zu beobachten, daß die Laute immer mehr im Musikleben ankommt, was sehr zu begrüßen ist. Die Laute ist kein Exot mehr im Alltag derjenigen, die sich für Musik interessieren. Das führt aber auch dazu, daß die Einheit von Forschung und Musizierpraxis (und Instrumentenbau sowie Saitenherstellung) sich langsam aufzulösen scheint und die Forschung hierzu als abgeschlossen betrachtet wird. Das ist schade, denn sie ist es natürlich bei Weitem nicht Und das Konzept, das die Alte Musik so erfolgreich machte, verspricht auch in Zukunft fantastische Ergebnisse, wenn sie ihr Erkenntnisinteresse anpasst. Bereits vor 5 Jahren hatte ich hier etwas dazu geschrieben, was ich heute modifizieren würde. Andis Buch bietet einen Leitfaden dazu, wie man es erfolgreich angehen könnte.


Was macht also das Projekt so spannend?
Natürlich lebte ich viele Jahre grade über dem Hügel und besuchte die Gegend und Schloß Spiez nicht selten.
Dann finde ich die Übergangszeiten, hier von Renaissance zu Barock, sind oft Zeiten, in denen die Kreativität gradezu explodiert. Und kaum ein kultureller Umbruch war so krass wie der zwischen Renaissance und Barock - und dabei auch noch regional so unterschiedlich, wie das in den Zeiten des 30-jährigen Krieges verworfene Europa. Dabei finden sich aber doch extrem viele Gesamteuropäische Bezüge, welche den regen Austausch der Eliten dieser Zeit belegt.










Was heute so touristisch reizvoll ausschaut war zu Zeiten des Franz Ludwig von Erlach Sitz einer bedeutenden Adelsfamilie mit europaweiten Verbindungen. In unserem Zusammenhang interessieren die Verbindungen zur Schweizergarde, in deren Umfeld die Stücke des Lautenbuches wohl gesammelt wurden. Vermutlich wurden die Eintragungen 1622 während einer diplomatischen Mission in Paris von einem dort ansässigen Lautenisten in das weit größere Werk über die Länder der Welt (es begann die Zeit der Enzyklopädien). Akribisch, aber unterhaltsam aufbereitet präsentiert uns der Autor, wie diese europäischen Verbindungen und wie die Geschichte des Buches aussahen. Dabei werden heute nicht allgemein verständliche Begriffe in Infoboxen anschaulich erklärt und Verweise grafisch markiert, so daß man ohne den Textfluß zu verlieren sich weiter informieren kann. Sehr umfangreich sind auch die Verweise auf weitergehende Informationen, die den Interessierten leiten. Das Ganze ist sehr anschaulich und reich bebildert.
Inhaltlich besteht die Gefahr, sich in Details zu verlieren. Ich hatte aber nie den Eindruck, daß sich der Autor verzettelt. sondern der rote Faden bleibt immer gut sichtbar. Die Details werden im Anhang für Interessierte vertieft dargestellt.
Für einen Musikwissenschaftler sicher nur Anknüpfungspunkte, umreißt das Buch aber doch das umfangreiche Programm, welches notwendig war, um die Quelle so gut zu verstehen und auch musikalisch auszuwerten, wie das Andreas Schlegel zusammen mit seinem Ensemble tat.
Dabei ist das Buch unterhaltsam zu lesen - und begeistert folgt man dem Autor, wie er verschiedene Spuren anspricht und zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügt.

Daß Accords Nouveaux in Lautenistenkreisen verpönt seien, wie Andi meint, kann ich nicht bestätigen. Sie sind einfach unpraktisch, weil die Stimmung radikal geändert werden muß, was die Stabilität der Stimmung einer Laute beeinträchtigt  und werden von Veranstaltern wenig goutiert und lassen sich in Programme mit normaler Barock- oder Renaissancestimmung schlecht einbauen, weil man am besten ein eigenes Instrument dafür benutzt.

Die Aufnahme der Musik ist gelungen.

Beispiel Baize-moy ma Jeanneton aus dem Lautenbuch der von Erlach für Laute solo:

Die solistisch eingespielte erste CD gruppiert die (ergänzten) Stücke des Manuskripts zu Suiten, die gekonnt und klangschön dargeboten wird. Was natürlich schwer einzufangen ist, ist der Reiz der neuen Stimmungen. Die neue Stimme, die eine Laute bekommt wird subtil anders. Dem Spieler fällt es sofort auf und er meint, ein anderes Instrument in der Hand zu haben. Der Zuhörer bekommt das nicht ganz so deutlich mit und wird es der Tonart oder anderem Tonsatz eher zuschreiben als der Stimmung. Durch die veränderte Stimmung ergeben sich für den Spieler ungewohnte Fingersätze und spieltechnische Möglichkeiten. Auch ganz banal andere mechanische Abläufe. Das alles ist, was für mich den Reiz der Accords Nouveaux ausmachen. Außerdem sind solche Übergangszeiten oft ungemein kreativ. Und grade die Zeit zwischen Renaissance und Barock hatte in der Kunst auf allen Ebenen Unglaubliches zu bieten, was heute kaum gewürdigt wird.
Das beantwortet vielleicht auch schon die Frage, was einen nicht-Schweizer, nicht-Berner an diesem Werk interessieren kann. Natürlich ist es die unbeschreibliche, ganz Europa umspannende Schönheit der Musik, die sich sogar in einem kleinen, verwunschenen Schloß am Thunersee fand. Auch wenn mit Mesangeau und Gaultier bekannte Namen unter den Komponisten sind, sind die allermeisten Werke anonym und doch ist die Qualität der Musik sehr hoch. Ich behaupte ja, ohne es quantitativ belegen zu können, daß die Musik grade zu dieser Zeit (ca. 1610 bis 1660) durchweg auf einem sehr hohen Niveau war, wie es in dieser Form vorher und nachher nicht mehr vorkam. Das zeugt sich auch in diesem Manuskript und verstärkt meinen Eindruck von der unterrepräsentierten Musik dieser Zeit. Was vielleicht auch an der heutigen Konzertpraxis liegt, die für intimere Musik weniger Aufführungsgelegenheiten bietet. Und natürlich sind Veranstalter selten mutig genug, solche (noch) ungewöhnliche Musik in eine Konzertreihe zu integrieren.
Hier sähe ich übrigens die Lautengesellschaften in der Pflicht. Wäre es nicht schön und sogar Aufgabe von Alte Musik Festivals, als eine Art Börse für solche ungewöhnlicheren Projekte zu dienen, sie zu fordern und zu fördern, ihnen ein Publikum zu verschaffen und sie natürlich auch Konzertveranstaltern zu demonstrieren, die in aller Regel schon den Namen Gaultier nicht kennen?

Ganz besonders toll fand ich, daß das Konzept, den Kontext mit einzubeziehen, auch auf der Aufnahme durchgezogen wird und ein Ensemble herausragender Musiker (Stefan Wieland - Countertenor, Carmela Konrad - Sopran, Thibault Viviani - Blockflöte, Thomas Goetschel - Viola da Gamba und natürlich Andi Schlegel an der Laute)  diesen zum Klingen bringt.

Beispiel Baize-moy ma Jeanneton in seiner Kontrafaktur Quand la mer rouge apparut

Der umtriebige Andreas Schlegel ist in Lautenistenkreisen und darüber hinaus durch seine Bücher über die Laute in Europa bekannt. Seine Arbeit als Wissenschaftler, Musikpädagoge, Publizist und aktiver Lautenist ist innerhalb der Szene bekannt und wird international gewürdigt.
Das Buch mit 2 CDs kann bestellt werden unter
The Lute Corner
A.Schlegel
Eckstr. 6
CH-5737 Menziken
oder über Email: lute.corner@sunrise.ch





Vielen Dank an Andi Schlegel für die Erlaubnis, seine Fotos von der CD-Taufe auf Schloß Spiez sowie die Musikbeispiele zu verwenden

Tags: buch, laute, lautenistenleben, musik
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