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Die Wahlen im Osten

Eigentlich wollte ich nichts weiter zu den Wahlen im Osten schreiben.
Daß die Politiker, quer durch alle Parteien, meiner Einschätzung nach nicht verstanden haben, warum die Leute dort Nazis und Faschisten wählen, ist offensichtlich. Und daß deren Interpretation und Verhalten so uniform ist wie ihre Politik könnte ihnen auch zu denken geben.
Gestern kamen erste Analysen, wobei für mich die interessanten Zahlen waren, daß in Sachsen 70% der AfD-Wähler angaben, sie wegen ihres Programms gewählt zu haben, in Brandenburg waren das nur um die 25%. Dagegen wollten mehr als 50% den anderen Parteien einen "Denkzettel" verpassen.
Nun macht man es sich zu einfach, wenn man annimmt, die Sachsen seien nun mal misanthrope Rassisten und tendenziell Nazis. Man muß sich doch fragen, warum sie Ausländer als Bedrohung wahrnehmen und ob die anderen Punkte im AfD-Programm tatsächlich im Bewusstsein der Wähler angekommen waren. Letzteres muß man annehmen, auch wenn ich es schwer verständlich finde, daß Menschen sich für gnadenlose Austeritätspolitik, Überwachungsstaat, Klimawandelleugnung, Waffenbesitz für Privathaushalte und ein reaktionäres Familienbild entscheiden. Meiner Einschätzung nach sind, wie weiland in den 30ern, viele Unterstützer der Faschisten die Spießbürger der Gesellschaft, also biedere Menschen, die finden, früher war alles besser und die Wandel in jeder Form ablehnen. Die Gewohnheiten sollen sich nicht in dem Tempo ändern müssen, wie es derzeit der Fall ist. Das macht die Situation im Osten auch besonders: ich hatte als Kind vielleicht einmal einen schwarzen amerikanischen Soldaten gesehen, der auf irgendeinem Marsch durch den Vortaunus im Verband der US-Army unterwegs war. Später auf Konzerten in Frankfurt und in der Sachsenhäuser Party-Meile. McDs gab es vielleicht in Frankfurt, meine erste Pizza hatte ich mit 15 oder 16 und selbst Eisdielen waren schwer erreichbar. An kulinarische Selbstverständlichkeiten wie Döner oder EInkaufsgelegenheiten wie frisches Gemüse vom Türken gab es nicht, Aldi galt als Türkenladen, billig eingekauft hat man bei Woolworth - meistens ging es zum lokalen Bäcker oder Metzger. Ich bin sogar noch im Pferdefuhrwerk mit auf's Feld gefahren. Ich kann es nicht wirklich verstehen, aber ich halte es für sehr denkbar, daß die großen Veränderungen in kurzer Zeit viele ratlos gemacht haben. Da wurden Menschen in eine vollkommen andere Gesellschaft geworfen.
Nicht vergessen darf man auch die Verwerfungen der Wendezeit, die noch bis heute nachwirken. in den 90ern verödeten weite Landstriche. Durch Wegfall von vielen Betrieben und Neustrukturierung von anderen, dazu die Politik des Arbeitsamtes, die Leute nach Stuttgart oder Frankfurt zu schicken, gleichzeitig die Betriebe bevorzugt an Wessis zu verticken entstand ein Ungleichgewicht und eine brisante Sozialstruktur. "Abgehängt", wie es die Medien nun nenne, trifft das nicht, sondern "verarscht" paßt deutlich besser. Die Symbolpolitik, die nun ein Schwachmat wie Lindner fordert, also ein paar Behörden in den Osten zu verlagern etc. hilft da nichts. Da gehören vernünftige Strukturmaßnahmen her - und daß es nach 30 Jahren noch unterschiedliche Tarife für Ost und West gibt, ist einfach nur skandalös. Die Wessis, die sich schon seit 30 Jahren über den Soli ärgern, haben natürlich auch recht. Hier reagiere ich mit Empörung darüber, wenn sich Ossis über marode Infrastruktur beklagen - bei denen ist alles (vergleichsweise) neu! Denen wurden neue Straßen, neue (Hoch-) Schulen, neue Industriebetriebe hingestellt und Wohnungen aufwändig saniert, während man hierzulande oft das Gefühl hat, alles außer den Hochglanzbezirken der Großstädte und der Millionärssidlungen entwickele sich immer mehr zum Ghetto. Dieses Ungleichgewicht wurde verpaßt aufzufangen und zu einem vernünftigen Ausgleich zu kommen. Dazu gab es eine ganze Menge Fehler, die schon in der Beitrittsphase gemacht wurden, durch Treuhand und Politik. Da zu korrigieren wäre angesagt. Leider kapieren Politiker der neueren Generation nicht, daß man Fehler verzeiht, dieses ewige Getue, man habe schon alles richtig gemacht und die anderen sind schuld, aber nicht.
Was wäre also zu tun: einmal müßte man stark darauf hinweisen, was für Inhalte die Menschen in Sachsen gewählt haben. 70% der AfD-Wähler, die überzeugt von den Inhalten sind, gilt es zu gewinnen und es gilt, sie zu überzeugen, daß eine solche Politik nicht in ihrem Interesse ist - und unmenschlich sowieso. Die Denkzettel-Wähler in Brandenburg verdienen es, daß man sie ernst nimmt und ihnen etwas mehr als Symbolpolitik anbietet, um ihnen klarzumachen, daß man die Botschaft verstanden hat. Den Wessis sollte man auf die Fahnen schreiben, daß der Osten eben nicht mehr Ex-DDR ist sondern wir zu einem Zustand kommen müssen, der Deutschland als Einheit versteht. Dazu gehört auf Bundesseite auch, die Infrastruktur gleichmäßig auszubauen bzw. zu reparieren.
Leider ist aber in allen Stellungnahmen nichts davon zu spüren. Selbstreflexion ist keine vorhanden, sondern alle versuchen, sich den Vorgaben der Werbemanager entsprechend zu verhalten. Das kommt bei niemandem gut an und stärkt die Unzufriedenen, die dann oft, viel zu oft, weiter oder soga rneu die Faschisten wählen.

Natürlich haben die Parteien ein Personalproblem. Personen wie das Gretchen Krampf-Knarrenbauer, oder Scholz oder die Ministerriege der GroKo sind verbraten - total unglaubwürdig. Alle diese Politiker gehören entsorgt. Unsere Demokratie braucht einen gründlichen Herbstputz. Das wäre die Lehre aus den Wahlen im Osten. Ich fürchte, sie wurde nicht verstanden und es bleibt beim "wie gut, daß die Faschos nicht stärkste Kraft geworden sind. Wir können also weitermachen wie bisher".

Tags: gedanken, lautenistenleben, meinung, thomas mental chaos
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