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Musik und Leben

Sicher verliebt sich nicht alle 11 Minuten ein Musiker auf Parship

Viele Musiker kennen das Problem: man würde ja gerne üben, doch wann - und wo? Hat man nur ein Zimmer und muß sich das mit einer Lebensgefährtin oder einem Lebensgefährten teilen ist es schier aussichtslos. In diesem Fall helfen nur Arrangements wie "Schatz - willst Du nicht einmal einen Abend mit Deinen Freundinnen verbringen?". Generell wird in solchen Situationen ein Instrument gern als Konkurrenz empfunden, im besten Fall wird die ganze Zeit nicht verstanden, die man mit dem Instrument verbringt. Dabei könnte man doch traute Zweisamkeit genießen.
Es überrascht nur den eingefleischten Musiker, daß Beziehungen zwischen Musikern und Nicht-Musikern nahezu chancenlos sind, eine längere Zeit zu überdauern. Vom Nicht-Musizierenden Teil wird zu viel Langmut abverlangt. Die Zeiten, in denen das Musizieren im Dorfverein stattfand und der jeweilige Partner froh über den freien Abend war sind größtenteils vorbei. Es gibt noch solche Oasen des bierseligen Musizierens, doch die gehören eigentlich unter Artenschutz gestellt.
Beziehungen zwischen Musiker und Musiker haben einige Vorteile: durch das für das Üben verbrauchte Zeit fallen sich diese Partner weniger auf den Wecker - und wenn sie zusammen musizieren wird sogar das Streitpotential kreativ umgeleitet - und den Partnern ist klar, daß man auf ein Musikinstrument nicht eifersüchtig sein muß. Spielt man aber nicht Duette müssen knappe Überessourcen wie Zeit und Raum allerdings geteilt werden. Hier sollte genug Raum zum Zurückziehen vorhanden sein (das würde auch in vielen "normalen" Partnerschaften helfen, doch: in den Rückzugsraum einzudringen, um einen Streit zu beginnen oder fortzusetzen macht ein Nicht-Musiker. Ein Musiker würde sich das nicht wagen) .
In den meisten Fällen bedeutet die erste ernste Partnerschaft das Ende der Musikerlaufbahn. Grade Amateure werden die Entscheidung "Partner oder Instrument" stillschweigend treffen. In einigen dramatischen Fällen werden andere Lebenskonflikte herangezogen, um die Musikkarriere zu beenden. Schule, Uni, Ausbildung, Doktorat - man kann sich viele solcher Konflikte denken, die ich allesamt traurig finde. Denn bei der Entscheidung "Partner oder Instrument" geht es um Gefühle; um Liebe und um das knappe Gut Zeit. Wer ein Instrument aufgibt, weil der aktuelle Karriereschritt mehr Zeit beansprucht tut das oft aus einer sehr struben Vorstellung von Erwachsensein und Karriere heraus. Wenn, dann wird noch Sport akzeptiert - als vermeindlicher Ausgleich. Doch meistens wird das Leistungsdenken, das uns im Alltag umgibt im Sport grade weiter gepflegt. Da wäre Musik etwas ganz anderes. Man möge "schöner" mit einer zählbaren Einheit versehen. Darum wäre Musik wichtig und die Vorstellungen von "Qualitätszeit", die durch die Hirne von Otto-Normalbürger geistern, abartig. Sind diese 47 Minuten Qualitätszeit nicht einfach künstlich eingeplant und letzten Endes genauso in das Bünzlileben eingeplant? "Zeitökonomie", um "effektiv seine Zeit zu nutzen" wird betrieben. Und dabei wird auch ein "Zeitfenster" eingeplant, um "Qualitätszeit" mit seinen Liebsten zu verbringen. In dieser Lebensweise kann Musik nicht wirken und sich entfalten.
Wie gelebte Musik aussieht kann man im Film "Die Wiesenberger" nachvollziehen. Absolut nicht meine Musik, aber auf diese Weise, mit diesem Engagement kann ich mir sogar Volksmusik anhören.


Auch der "Schacher Seppli" Ruedi Rymnn war ein Mensch, der die Musik gelebt hat. Was für eine Musik man macht, ist vollkommen egal (okay - fast egal :) ) - es geht darum, was die Wiesenberger oder der Schacher Seppli machen, was andere nicht tun und das ist, ihre Musik als festen Bestandteil ihres Lebens zu empfinden.


Wenn einzelne Mitglieder der Wiesenberger den Alpsegen singen oder Jodler entwickeln ist das Teil ihres Alltags. Das werden die meisten Musiker kennen. Die, die es nicht kennen sollten sich überlegen, ob sie sich darauf einlassen wollen. Wie schon angedeutet wirkt man auf viele moderne Menschen leicht schräg. Dazu kommen noch andere Eigenschaften, die den Musiker in die Nähe zum zerstreuten Professor rücken.

Die Frage: "wie findest Du nur die Zeit, um Musik zu machen?", stellt sich für einen Musiker nicht. So wie die Wiesentaler immer dabei sind habe ich eben Fingersätze, die ich mir überlege und es dann kaum abwarten kann, sie am Instrument selbst auszuprobieren.

Von der geistigen Disposition des Musicus oder der Musica

Bevor sich der Musiker daran macht, ein Stück zu erarbeiten wählt er es aus. Das klingt banal und schon viele Instrumentalisten werden nicht verstehen, worum es geht. Denn viele spielen, was ihnen der Lehrer oder Dirigent oder wer auch immer vorsetzt. Das unterscheidet den Instrumentalisten vom Musiker. Der Instrumentalist führt Musik aus, nach Anweisungen des Komponisten oder Dirigenten.
Meistens hört der Musiker aber zuvor ein Stück im Kopf, bewertet, ob es technisch machbar ist und oft sind hierbei bereits erste musikalische Vorurteile mit im Spiel. Oft spielt man dann ein Stück an, singt es vor sich hin. Bei all diesem spielt Geschmack eine entscheidende Rolle. Was ich eklig finde werde ich kaum spielen. Nimmt man das ernst wird man auch begründen können, was man spielen will. Da kommen dann schon Elemente der harmonischen und melodischen Analyse ins Spiel. Eine Bergamasca mit 2 Akkorden bietet harmonisch nicht grade viel, kann aber innerhalb eines Programms eine Funktion wahrnehmen und vielleicht ist sie auch melodisch einfallsreich gesetzt? Oder besonders schön variiert? In einigen Fällen kann es auch das Umfeld sein, in dem die Musik entstanden ist, die sie für uns interessant macht?
Viele Stücke werden ausprobiert und verworfen, bis eine Entscheidung getroffen wird. Je mehr wir wissen, desto besser können wir unsere Entscheidung für ein Stück begründen und eine Interpretation finden.

Die Interpretation

Was den Musiker zum Künstler macht ist seine Interpretation eines Werkes. Die ist abhängig von seinem Wissen und seiner Kreativität - in jüngerer Zeit schreiben die Komponisten bereits sehr viele Aufführungsanweisungen in den Notentext. Und doch werden auch diese unterschiedlich gelesen uns verstanden, was dazu führt, daß kaum eine Interpretation wie die andere klingt. Es gibt schier unendlich viele Nuancen, die verändert werden können - und selbst der Raum beeinflußt eine Interpretation. Es get also keineswegs nur darum, wie Bach sagte "die richtige Note zur richtigen Zeit" zu spielen. Wie ich diesen Ton spiele entscheidet über die Qualität genauso wie die "Satzzeichen" der Musik, die Phrase, die auch nun wieder unterschiedlich formuliert werden können.
Bevor der Musiker an die Ausführung geht, hat er eine Vorstellung davon entwickelt, wie er den Text artikulieren will. Im letzten Teil einer Probe prüft er dann, ob diese im Geiste formulierte Interpretation in der Ausführung klappt. Oft passt das dann doch nicht.

Ökonomie - ist das der Feind?

ist der Musiker also am Proben sollte er die mentale Einstellung justieren - auch nicht ganz einfach: denn nun gilt es, selbstkritisch bis hin zur Selbstzerfleischung sein Tun zu Hinterfragen. In YOLO-Zeiten und für Menschen, die als Prinzesschen und Prinz groß geworden sind, ein schwieriges Unterfangen.
Der Musiker hat kein Geld. Ökonomie ist ihm fremd. Wie auch? Die Krämerseele ist das genaue Gegenstück zum Musiker.
Aber Effektivität kennt der Musiker von der sportlichen Seite seines Tuns. Die Proben sind der physische Aspekt des Musikerlebens - orandum est, ut sit mens sana in corpore sano - und der gesunde Körper verlangt Training. Der spiritus musicus mag noch so gepflegt sein - ohne psysisches Training an Instrument oder Stimmbändern wird er bestenfalls Musikkritiker werde. Dieses Training ähnelt Sport sehr stark. Darum gibt es verschiedenen Phasen wie im Sport, mit analogen Gründen: Aufwärmen, damit sich Bändern dehnen und der Körper entspannt, Üben einzelner Figuren bzw. technische Studien und erst zum Abschluß Arbeit am Stück. Ein Auftritt läuft ähnlich: niemand wird einen 100-Meter-Läufer sehen, der ohne Aufwärmen sprintet. Also auch Musiker sollten sich vor dem Konzert aufwärmen. Den Auslauf, also die Entspannung nach der Probe bzw. dem Konzert lassen auch viele professionelle Musiker weg, was weder physikalisch noch mental zu empfehlen ist.
Hier an dieser Stelle im Leben des Musikers gibt es Berührungspunkte zum Leben der Anderen: hier geht es um Effektivität. Allerdings ... gut Ding will Weile haben! Der physische Aspekt soll effektiv abgearbeitet werden, hier geht es darum, wie Bach sagte "die richtige Note zur richtigen Zeit" zu treffen. Das wollen wir möglichst schnell hinter uns bringen, um uns dem Wesentlichen zu widmen, nämlich der Qualität unseres Spiels.

Musik machen kann jeder - wir machen GUTE Musik

Ein Druck auf eine Taste und schon werden Töne produziert. Häufig brauchen wir nicht einmal das. Überall werden wir mit Musik beschallt, die unsere Stimmung beeinflussen soll: im Kino, im Kaufhaus, in der Werbung ... die Einsatzgebiete von Musik sind sehr weit gestreut. Denn Musik wirkt stark im Unterbewußtsein.


So ziemlich jeder kennt dieses Thema und weiß, wenn er es hört, wer gleich auftaucht.


und auch ohne es zu sagen weiß wahrscheinlich jeder, wofür hier geworben wird

Diese Funktionsmusik kann man natürlich auch verulken wie hier im Film "Top Secret" das Tanzen verulkt wird

Wir  aber wollen natürlich so etwas bringen:

Wer den qualitativen Unterschied nicht hört und/oder spürt wird mit guter Musik wenig anfangen können.  Das bedeutet natürlich nicht, daß ich nur solche Musik mag! Ich höre beispielsweise auch gerne Rockmusik!
Viele Schulen versuchen und beschränken sich auf die Ausführung von Musik, also den sportlichen Charakter. Ich möchte im weiteren versuchen, in lockerer Folge wieder mehr aus meinem Lautenistenleben zu berichten und neben der Art, wie ich übe auch die geschmacklichen und ästhetischen Aspekte mit einfließen lassen. Das macht natürlich angreifbar und viele werden nicht einverstanden sein. Ich stelle es mir noch ganz spannend vor. Falls jemand das lesen sollte könnte sich ein kreativer Austausch entwickeln. Ansonsten hilft es mir, mein eigenes Konzept der Musik, mit der ich mich beschäftige, zu formulieren.

Der Auftritt

Nach Monaten der Selbstkasteiung kann es vorkommen, sollte der Musiker noch über soziale Kontakte außerhalb der sozialen Netzwerke verfügen, daß er sein Erlerntes zum Besten geben soll. Zögerlich wird er zusagen - denn stolz ist auf das Erreichte! auch wenn er gleichwohl die Menge fürchtet, die nun die Selbstbeurteilung zu ersetzen droht.

Warum so viele Musiker in der Informatik sind

ist wohl klar, oder?

Tags: gedanken, laute, lautenistenleben, musik
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