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Der Klassiker: Sinn des Lebens

Wie wir unser Leben leben ist entscheidend davon abhängig, ob und welchen Sinn wir im Leben sehen. Dabei stellte sich früher die Frage nach dem, was ein gutes Leben ist. Da wurde von Kirche und Tradition viel vorgegeben. Auch die Philosophie leistete und leistet in der Ethik einen Beitrag. Heute fragen sich viele, warum sie sich diese Frage überhaupt stellen sollen. Schließlich sterben wir alle und damit ist dann alles vorbei. Wichtig im Leben ist also das, was wir mitnehmen. Davon möglichst viel bedeutet, viel in dieses Leben hinein zu packen und am Ende kann man sich dann zurücklehnen und sagen, es sei erfüllt gewesen.
Aber: Ist das wirklich so? Ist es in Wirklichkeit nicht nur angefüllt? Konsumiert - passiv Erlebnisse angehäuft. Läßt sich der Wert dieser Erinnerungen nicht in Euro ausdrücken (als Indiz dafür, daß es quantitativ gedacht ist im Gegensatz zu qualitativ)? Oder Exotik? Ich denke dabei an Reisen, was für viele der Inbegriff des Lebens an sich ist: endlich ist man ganz sich selbst! Endlich frei! Ohne Zwang - und was gemeinhin nicht alles mit Urlaub verbunden wird. Die Reiseziele werden oft an die Grenze des jeweiligen Budget gelegt - vier Wochen Australien muß man sich schließlich auch leisten können! Manchen reichen auch eine Woche Strand und/oder Partymeile auf Mallorca. Gemeinsam ist allen die Hoffnung auf unvergessliche Erlebnisse. Natürlich auch auf Erholung, was die meisten damit verbinden, den Stress des Alltags für ein paar Tage zu vergessen.
Alles sicher Ereignisse, die geeignet sind, Erinnerung zu werden. Doch stiften sie Sinn? Wohl kaum. Warum jagen so viele Menschen Sensationen nach, wenn doch maximal Erinnerungen bleiben?  Ist es das Adrenalin? Immerhin eine der stärksten Drogen, die es gibt.


Die Wirkung von Adrenalin verfliegt aber und man braucht neues. Neue Erinnerungen, am besten noch sensationeller und noch spektakulärer. Das ist eine Suchthandlung, mit der riesige Umsätze generiert werden: im Tourismus, im Sport, in der Kultur, in der Musik, selbst in der Gastronomie. Überall versucht man, das Erlebnis, das Spektakel zu vermarkten.
Die Psychologie fragt nicht nach Ursachen, sie beschreibt den Vorgang. Statistisch signifikant ist er in Gesellschaften, die über den notwendigen Wohlstand verfügen. Es wird gerne mit triebgesteuertem Handeln erklärt und nicht als kritisch (oder gar krankhaft), sondern quasi als Ersatz für die adrenalinreichen Situationen in einer vorzivilisierten Gesellschaft verstanden. Ursache sind also Triebe, die biochemisch bedingt sind. Also sind wir biologisch determiniert - wie so oft. Eigentlich immer. Damit kann man, und viele tun das auch, abschließen und das, was man philosophisch Hedonismus (Lustbefriedigung ) nennt, als Sinn des Lebens feststellen.

Doch macht uns das zufrieden, oder vielleicht sogar glücklich? Und kann es Sinn meines Lebens sein, am Ende zu sagen: "ich habe tolle Momente erlebt"? So als sei das Leben eine Runde Sex und am Lebensende zähle ich die Orgasmen.
Bedeutet eine solche Einstellung nicht eine Reduktion des Menschen? Können wir nicht mehr? Die ollen Philosophen fanden das schon. Und es gibt einige Ideen, wie man auf die reine Lustbefriedigung noch etwas draufsatteln kann - Voraussetzung dazu ist aber Triebkontrolle. Denn ohne die werde ich immer meinen Trieben nachgeben. Tue ich letzteres kann ich die Sucht nach Adrenalin, nach der Sensation zwar befriedigen, aber ich kann nie von mir sagen, ich würde etwas Gutes tun. Darum ist die Selbstliebe, der Narzissmus bzw. Egozentrik sehr verbreitet - sich selbst Gutes zu tun als Voraussetzung, geliebt zu werden (Erich Fromm). Im Bild geblieben wäre das die Masturbation als  Voraussetzung für guten Sex anzunehmen. Wobei natürlich sich selbst anzunehmen, wie es Fromm eigentlich meint, wirklich die Grundlage jeder Weisheit ist: sapere aude, sagt Kant deutlich treffender. „Erkühne dich, weise zu sein " übersetzt Schiller diesen Ausspruch von Horaz, den Kant zum Leitsatz der Aufklärung erhob.
Nun fand Kant, Glückseligkeit sei auf Erden nicht erreichbar, weil dieser Zustand unmöglich, man könne ihm durch Pflichterfüllung aber recht nahe kommen (Kant war halt doch Preuße) - Glückseligkeit nimmt man in der Philosophie als Begriff, um sich vom Begriff des Glücks abzusetzen, der etwas Zufälliges an sich hat - im Sinn von "Glück gehabt". Während Glückseligkeit ein dauerhafter Zustand ist.

Klar! Kant findet, Glückseligkeit sei,„Zustand eines vernünftigen Wesens in der Welt, dem es im Ganzen seiner Existenz alles nach Wunsch und Willen geht“. Das funktioniert schon bei zwei Individuen nicht mehr. Sobald ich irgend etwas will, was das andere Individuum nicht will geht es ja nicht mehr nach meinem Wunsch und Willen. Und wenn doch,dann nicht nach dem des anderen. Funzt also nicht. Schopenhauer findet nun, es sei ein Irrtum anzunehmen, wir seien geboren, um glücklich zu sein. Das sei angeboren und, etwas platt gesprochen, die ganzen Watschen, die wir im Leben abbekommen belegen, daß das ein Irrtum ist. Beiden kann man zustimmen. Ob Glückseligkeit im oben beschriebenen kant'schen Sinn überhaupt wünschenswert wäre, ist fraglich: wenn immer alle unsere Wünsche und unser Willen erfüllt würden - würde das nicht in Langeweile enden? Es gäbe doch keine besonderen Momente mehr im Leben. Kein Adrenalin. Darum die Jagd nach immer neuen und immer stärkeren Anreizen und Trieben - die aber keinen dauerhaften Zustand ergeben können, also bestenfalls Glücksmomente, aber niemals Glückseligkeit als einen dauerhaften Zustand.

Was wir aber doch wollen ist ein Ziel - also, daß wir am Ende des Lebens zurückblicken und sagen: das habe ich gut gemacht!
Zunächst einmal müssen wir uns vor Augen halten, daß dieses Ziel zu setzen voraussetzt, daß ich es erreiche - also nicht auf dem Weg dahin sterbe. Wenn ich also Erinnerungen anhäufe muß ich davon ausgehen, daß ich sie genießen kann. Und was ist dann mein Ziel? Wenn ich nun 65 oder 70 bin ist mein Leben vorbei und ich widme mich meinen Erinnerungen? Ein linearer Ansatz führt da zu nichts. Es sei denn - und auch das finde man als ernsthaft vertretene Meinung - man definiert eine Lebensphase als lebenswert und eine andere als Siechtum. Die fridays for future-Kids zum Beispiel, die meinen, die alten Säcke würden die Welt verkacken und sollten langsam mal die Klappe halten, weil sie eh bald abnippelten und all den Mist, den sie verzapfen nicht mehr selbst ausbaden.

Also scheint es, wenn man nicht belanglos in den Tag leben will und seinem Leben einen Sinn verleihen will notwendig zu sein, sich immer wieder zu vergewissern, ob man gut lebt. Man also jeden Tag abdanken könnte und dabei sagen: "das habe ich (im großen und ganzen) gut gemacht!" - der Einschub in Klammern is hier wichtig, weil wir immer noch etwas zu erledigen haben werden und es wird immer Potential geben, wo wir besser werden können. 

Nochmal zurück: Trieberfüllung ist vollkommen okay! Diese preußische Pflichtversessenheit hat etwas von einem Wahn - mir kommt Heinrich Manns Der Untertan in den Sinn. Eine quasi militärische Handlungsanleitung führt nur zu Verklemmungen und nicht zur Glückseligkeit. Auch wenn natürlich der Diederich Heßling im Roman gradezu erotisiert wird von seinem Konformismus. Natürlich identifiziert Heßling sein Denken und Tun als Gut. Weil den Kaiser zu lieben und ihm zu dienen ist doch gut, oder? Das gleiche gilt für die Pegidioten - sie lieben Deutschland (meinen sie) und finden gut und richtig, wenn sie Deutschland vor dem bösen Fremden schützen wollen. Es gibt sehr viele Beispiele, bei denen Menschen glauben, sie täten das Richtige und das Gute. Und meistens fühlen sie sich auch gut dabei. Aber ist es wirklich gut? Wie kann ich lernen zu beurteilen, ob etwas wirklich gut oder schlecht ist?
Nochmal zum Hedonismus  - zur Triebbefriedigung - zum Adrenalin: Wenn ich Bungee-Jumping mache und das gut finde dann ist das etwas, was mein Bedürfnis befriedigt. Es geht rein um mich und niemanden sonst. Als solches ist das okay. Bungee-Jumping an sich mag man wieder anders beurteilen. Zum Beispiel eine Kreuzfahrt: man muß nicht auf den CO-Ausstoß fixiert sein, um den gesellschaftichen Schaden zu sehen. Man kann die Bewohner von Barcelona oder Vendedig fragen, was sie von den Kreuzfahrt-Touristen halten. Letztere aber werden die Reise und ihren Besuch in Venedig oder Barcelona durchaus genießen. Die Freiheit, meine Lust zu befriedigen wird also durch andere Faktoren begrenzt. Wer psychisch entsprechend reif ist kann sich die Auswüchse in Justine oder vom Mißgeschick der Tugend des Marquis de Sade nachlesen.

Also müssen wir(?) Grenzen bestimmen - also eine Negativliste dessen, was nicht gut ist festlegen. Und natürlich auch festlegen, was gut ist - eine Positivliste also.

Dazu ein andermal mehr - denn nun sind wir beim eigentlichen Gegenstand der Ethik (und einem Wesentlichen Bestandteil der Religion - auch dazu sicher noch etwas mehr) angelangt.

Tags: die krise der westlichen welt, gedanken, lautenistenleben, sam-oth
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