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Weltschmerz

Edel sei der Mensch,
Hülfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,

Die wir kennen.


schreibt Goethe in dem Gedicht über das Göttliche gleich zu Anfang.

Diese Zusammenfassung des klassischen Bildungsideals ging mir durch den Kopf, als ich mal beim Rollerfahren mal wieder mit der Ignoranz eines Autofahrers konfrontiert wurde, der einfach aus einer Parkbucht rückwärts heraus fuhr und mich ignoriert. Der Kommentar "Kannst Du nicht mal warten?" ist der Aufhänger für die Gedanken, die ich mir daraufhin gemacht habe. Natürlich kann ich warten und fände es Edel, vor allem aber hilfreich - doch dazu hätte der Autofahrer nicht einfach und selbstverständlich herausfahren dürfen und meine Rücksichtnahme einfordern. Die Verkehrsregeln sind da eindeutig: Ich darf vorbei und er muß warten. Dieses Einfordern kann natürlich in diesem speziellen Fall daher kommen, daß mich der Autofahrer nicht gesehen hat und der Kommentar erst einmal eine erschreckte Reaktion war, um Schuld von sich zu weisen. Doch wahrscheinlicher ist, und das ist mir immer häufiger aufgefallen, daß der Junge tatsächlich meinte, einen Anspruch darauf zu haben. Eine direkte Folge der Selbstverliebtheit, die dann mit Bezug auf Erich Fromms Begriffsbestimmung als völlig okay angesehen wird, weil Fromm sie als Voraussetzung der Liebe zu anderen bestimmt und vom Narzissmus abgrenzt. Genau an dieser Grenze zum Narzissmus scheitern aber die meisten, die diesen Spruch verwenden. Ich mag den Begriff aufgrund dieser Mißverständlichkeit nicht. Sich selbst anzunehmen und sich sich selbst gegenüber positiv eingestellt zu haben hat nichts von dem Blinden, was die Benutzer des Spruchs eigentlich meinen. Nun ist eine ganze Generation mit diesem Spruch als Mantra aufgwachsen und damit, sie könnten alles werden, was sie wollten "only the sky is the limit", YOLO - Egozentriker allesamt. Sie selbst finden sich aber selbstbewußt, nehmen aber nur ihre guten Seiten war und entschuldigen ihre schlechten oder wandeln sie in gute um. Dabei benehmen die meisten sich zu einem sehr guten Teil so, als seien andere nur dazu da, sie zu bespaßen oder ihnen dienlich zu sein. Die Szene mit dem Autofahrer mag als Beispiel dienen.

Vielleicht ist es einfach, anhand der Helden zu erklären, die eine Zeit hat: in den 60ern waren es Winnetou und Old Shatterhand, in den 70ern John Lennon, in den 80ern und 90ern die coolen Helden amerikanischer Filme wie
Bruce Willis, die immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hatten. Aber alle diese Helden hatten etwas soziales, während jemand wie Steve Jobs, der Held der 90er und irgendwie bis heute nichts als eine Krämerseele ist, der seinen frühen Tod zu einem guten Teil seinem Hang zur Esoterik zu verdanken hat.
Natürlich ist das über die Maßen vereinfacht, doch tatsächlich zeitigt die Umdeutung der Welt in eine Wirtschaftsgemeinschaft, den "Standort Erde" für Leute, die "Birne" Kohl noch erlebt haben, Spuren in der Mentalität außerhalb der wirtschaftlichen Ebene. Das Lebensgefühl wird durch Sheryl Crow zusammengefaßt:

Diese Reduzierung des ganzen komplexen menschlichen Lebens auf sich selbst und die Gleichsetzung von Erfolg mit wirtschaftlichem Erfolg erklärt viel. Selbst das Gezetere der kleinbürgerlich-spießigen AfD- und CDU-Wählerschaft, von den Wirtschaftsfetischisten der FDP gar nicht zu sprechen. Die haben Angst - und "Merkel ist schuld" - finden leicht Schuldige. Was mich entsetzt ist, wie stolz diese Leute noch auf ihre Ignoranz sind: Fakten sind relativ und locker durch Meinung kompensierbar. Ich hatte schon im Familienkreis oft Diskussion, weil ich nicht verstehen kann, wieso ein gutes Buch, gute Musik oder ein guter Film für sie "schlecht" sind und in einer Weise abqualifiziert werden, wie AfDler andere Meinungen herunterputzen. Bestenfalls wird gönnerhaft ein Exotenstatus eingeräumt. Geht's noch? Ich kann begründen, warum ich etwas gut finde, sie "finden halt" und "viele finden das auch". Darum finde ich die Umfragen zu tagespolitischen Themen immer witzig - "viele finden" ist sicher demokratisch, aber "viele" lesen auch BILD und haben einfach keine Ahnung. Eben: es ist ja nicht schlimm, etwas nicht zu wissen - die Ignoranz gegenüber Fakten, gegenüber dem Argument ist das Schlimme. In einer Demokratie geht es aber um Fakten. Viele finden kann und wird in vielen Fällen mit "da herrscht Aufklärungs-/Schulungsbedarf" gleichbedeutend sein.

Nun sollte man meinen, dieses Umfeld sollte die Notwendigkeit einer solidarischen Gemeinschaft deutlich werden lassen. Leider finden aber grade die Intelektuellen, YOLO und Carpe Diem (was sie auch oft falsch verstehen) und weigern sich, den sozialen Mensch abseits seiner Teilhabe an irgendwie wirtschaftlich in Kosten-Nutzen-Relationen abbildbaren sozialen Prozessen wahrzunehmen. Will man heute mit jemandem über die Not in Afrika sprechen ist es am aussichtsreichsten, den Gesprächspartner darauf hinzuweisen, daß es unseren Wohlstand sichert, wenn es den Leuten da unten gut geht. Dann kommen sie nicht hierher und bedrohen nicht unseren Wohlstand. Daß man Menschen im Mittelmeer nicht absaufen läßt muß man heute sogar begründen. Manche finden in gönnerhafter Manier, man solle sie halt aus der Seenot nach Afrika zurückschicken. Wenn ich dieses Verhalten mit der (Moral der) Konferenz von Evian vergleiche ernte ich Kopfschütteln - das ist doch nicht vergleichbar! denken und sagen sie. Tot ist tot, ob in Libyen oder Deutschland ins KZ gesteckt - recht erhellend sind in diesem Zusammenhang die Zitate, die der Spiegel gesammelt hat: https://www.spiegel.de/fotostrecke/evian-1938-wir-sind-kein-einwanderungsland-fotostrecke-162063.html

Dieses Wissen muß man nicht haben - man muß auch die Menschenrechtskonvention nicht kennen, die aufgrund dieser Schande für die Menschheit das Flüchtlingsrecht formulierte. Aber man sollte in der Lage sein, seine eigene Position (Meinung) zu korrigieren, wenn man davon erfährt. Auch die Rechte der Flüchtlinge, die Einzuräumen sich fast alle Staaten verpflichtet haben, werden gerne ignoriert. Doch wie soll man kenntnisfrei das Handeln der Politik verstehen und einordnen? Wenn man nicht aus rein ethischen Gründen (goldene Regel und so - schon mal gehört? Moralischer Imperativ? Nächstenliebe?) und abseits von rechtlichen Erwägungen (Seenotrettungsgebot) nicht sowieso fand, die Grenzen nicht zu schließen sei geboten. Für die Schließung sprach die (tatsächlich eingetroffene) behördliche Überlastung und auch die ungerechte Verteilung konnte man berechtigt kritisieren, wenn man die Flucht als Flucht in die EU und nicht als Flucht nach Deutschland interpretierte.

Da bekomme ich das Gefühl, nicht mehr hinein zu passen. Und ich will auch gar nicht hinein passen. Man braucht mit Menschen gar nicht erst zu reden, die in ihrer Meinung feststecken und abweichendes nicht wahrnehmen (s. Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz ),
Wenn man nun nicht gut im Small-Talk ist dann wird es schwer, Gespräche zu führen - da werde ich wohl überwiegend als schräg wahrgenommen. Egal - ich muß niemandem mehr gefallen.

Eigentlich wollte ich heute über das klassische Bildungsideal zu Instagram, Facebook und der neuen Prüderie kommen. Als Ausdruck einer privaten, von Unternehmen willkürlich festgelegten Regel für Kommunikation kommen.

Denn diese Ignoranz gegenüber Bildung treibt auch Blüten in unserem Umgang mit dem Internet. Das Zuckerman-Imperium beeinflußt unsere Kommunikation und durch das lächerliche Tittenverbot fördert es den Export amerikanischer Prüderie in die Welt. In verlinktem Wiki-Eintrag wird Prüderie als auf eine übertriebene und affektierte Weise sittsam; scheinspröde, zimperlich“ bestimmt. Die "Gemeinschaftsstandards" von Facebook sind nun einerseits notwendig, weil der Hausherr der Plattform Regeln vorgeben kann und muß und Bedingt durch sein Geschäftsinteresse natürlich auch das tun muß, was seine Kunden (also die Werbetreibenden) verlangen. Prinzipiell wird dadurch Meinungsfreiheit eingeschränkt, was durch das kommerzielle Modell legalisiert wird. Dabei muß man sich immer bewußt sein, daß in den Marken des Zuckerman-Imperiums die Kunden die zahlenden Werbetreibenden sind und Facebook ein Händler, der Daten seiner Nutzer verkauft oder für gezielte Werbung nutzt. Dabei sind die Rollen nicht ganz sauber getrennt, da auch der private Nutzer auf Facebook wirbt. Indem er es nutzt verbreitet er ein idealisiertes Bild von sich selbst, macht also Eigenwerbung - damit schließt sich der Kreis zum oben beschriebenen Phänomen der Verwirtschaftswissenschaftlichung des Lebens - oder des Wegs hin zur Kämerseele, zum Philister. Er ist aber gleichzeitig die Ware, die Zuckerman verhökert.

(Gedicht von Arno Holz, 1886, Ceterum censeo ist die Kurzfassung von Ceterum censeo Carthaginem esse delendam mit dem Cato jede Rede abschloß, um seiner Forderung nach einem Krieg gegen Karthago Nachdruck zu verleihen. Es bedeutet also eine Beharrliche Forderung).

Spannend ist, daß es um das Verkaufen geht. Nachdem mir das immer mehr auf den Zeiger ging wich ich zu Instagram aus, da ich vermutete, dort sei die Kommerzialisierung nicht so weit fortgeschritten. Tatsächlich ist es dort aber noch viel schlimmer. Es scheint, jeder möchte "Influencer" werden, also Werbetreibender, der irgendwelche Produkte ins Foto hält und dafür abhängig von seiner Popularität (also der Followerzahl) entlohnt wird. Das und die als "gesponsort" markierten bezahlten Anzeigen sorgen für einen größeren Werbeanteil als RTL oder Sat1 ihn haben. Eine Weile recht amüsant fand ich, auf welche Art viele Fotographen das Nippelverbot interpretierten. Nach einer Weile ist es aber nicht mehr lustig, die unterschiedlichen Arten eines Balken oder einer sonstwie gearteten digitalen Verschleierung zu bestaunen. Das ist irgendwann so, als würde man die unterschiedlichen Varianten der Vollverschleierung bestaunen - und ähnlich ist es auch mit den damit manipulierten Fotos. Entweder ist Nacktheit unabdingbarer Bestandteil des Ausdrucks eines Fotos - dann wird ein Foto durch die Zensur unbrauchbar. Oder es ist überflüssig - dann handelt es sich nicht um Kunst sondern Porno. Natürlich gibt es auch noch einen Bereich dazwischen - da sind wir beim kommerziellen Zweck für Fotographen: Instagram soll aufmerksam auf den Fotoraphen machen, um an bezahlte Aufträge heranzukommen. Und da könnte sich auch die prüde amerikanische Variante als Werbeträger eignen.
Positiv muß ich aber auch erwähnen, daß mir zwei Mädels den Glauben daran zurückgegeben haben, daß die Welt nicht total verloren ist. Eine junge russische Studentin, unbeschreiblich schön! zeigt sich aber genauso kunstsinnig und intelligent. Sowie eine indisch-österreicherische Studentin, die ausgerechnet in Braunau aufgewachsen ist begeistert durch Geschmack, Neugier, Sinn für Kunst und Kultur - daß es solche Menschen gibt. Und dazu die Kombination von ausgesprochen schön und intelligent macht Hoffnung. Daß erstere das Modeln immer mehr für sich entdeckt und die interessanten Seiten ihrer Person von den schönen Bildern zunehmend überdeckt werden ist schade. Die zweite (auf sie bin ich stolz) macht Pause - ich vermute, nach dem schmeichelnden Effekt, den der Trubel haben kann wurde ihr bewußt, daß das böse ins Auge gehen kann. Dieses "böse ins Auge" ist die Blase, in die man sich begibt und diese Reduktion auf reine Äußerlichkeiten, die bei Instagram durch die Fokussierung auf Fotos besonders ausgeprägt ist.
Wenn ich von den Kommentaren zu Fotos auf die Kommunikation schließe ist das noch weiter reduziert. "Ach wie hübsch" ist prinzipiell den Tenor. Oft durch Emotikons abgekürzt. Und das Schlimme: ich mache mit bei dem Quatsch. Da ist nichts sozial und ein Medium soll das sein? Ein Medium soll irgendwas "Vermittelndes" sein, grob: es soll der Kommunikation dienen. Tut es das?




Tags: gedanken, lautenistenleben, philo, seelenstriptease
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