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Minderjährig = Kind?

Im Amiland geht grade eine Twitter-Meldung um, die vom (inzwischen gesperrten) Twitter-Account von Ally Maynard ausgeht.


Das habe ich bei einer Lautenfreundin und bei der ansonsten von mir hoch geschätzten belgischen Schauspielerin Déborah François gesehen und jeweils so kommentiert
Tell a 16 year old teenager he or she would be a child.
Ich will natürlich keine Werbung für Sex mit Minderjährigen machen, aber in dieser Absolutheit ist die Aussage der Frau Maynard totaler Dünnsinn. Ein 18-jähriger mit einer 15-jährigen wäre in vielen Ländern dann Sex eines Erwachsenen mit einem Kind.
Als ich den Tweet erstmalig las vermutete ich einen konkreten Fall als Anlass - und den gab es auch: der 66-jährige Jeffrey Epstein soll Sex mit bis zu 14 Jahre jungen Mädchen gehabt haben und eine Organisation betrieben haben, welche Sex mit Minderjährigen vermittelt hat. Was einen großen Teil der Empörung mit begründen dürfte ist der große Altersunterschied. Wenn ich allerdings einem Mädchen älter als das Schutzalter (das willkürlich irgendwann größer als die angenommene Geschlechtsreife liegt. Meistens bei 16) zugestehe, legal und ohne Einwilligung der Eltern Sex zu haben muß es ihr überlassen sein, mit wem sie ihn hat. Alter, Geschlecht, ... und was es sonst noch an diskriminierenden Möglichkeiten gibt dürfen dann keine Rolle spielen. Heikel ist das Alter zwischen dem Erreichen der Geschlechtsreife und dem Erreichen des Schutzalters. Hier finden viele Teenager, sie könnten sich sexuell ausleben - und das wird gesellschaftlich in der westlichen Welt weitgehend akzeptiert. Aber, und das zurecht, ein besonderer Schutz bleibt noch bestehen, da in vielen Ländern zum Beispiel Verhütungsmittel nicht an Mädchen unterhalb des Schutzalters abgegeben werden und Sex mit ihnen grundsätzlich strafbar ist. Oft wird es nicht verfolgt, weil Liebe, auch körperliche Liebe, zu kriminalisieren, erscheint in der heutigen Gesellschaft falsch zu sein. Zu anderen Zeiten und in anderen Gesellschaften wird das anders gesehen.

Wenn jemand wie der Herr Epstein minderjährige Mädchen zur Prostitution verführt ist das sicher illegal. Moralisch verwerflich sowieso (auch wenn einige Hefner als Helden ansehen mögen. Sein Umgang mit Frauen, genau wie der von Epstein reduziert Frauen - das macht Heidi Klum auch, allerdings vollkommen legal).
Problematisch sind dabei unsere Vorstellung vom Schutzalter und eine Moral, die vorzugeben scheint, wer "zueinander passt".
Die Idee, jemand sei 18, und plumps mache es und er oder sie sei Erwachsen ist so offensichtlich falsch, daß es schmerzt - das genau spricht aber aus dem Tweet von Ally Maynard. Erwachsen werden ist ein Prozeß, der nie aufhört. Man spricht darum auch von Volljährigkeit. Damit wird ein Alter festgelegt, ab dem man davon ausgeht, daß eine grundlegende Selbstständigkeit erreicht ist. Da gibt es Varianten, zum Beispiel ist die sexuelle Mündigkeit in den westlichen Ländern in der Regel vor der allgemeinen Volljährigkeit gelegt. Das wurde sicher auch deshalb so gemacht, um den Sex zwischen Jugendlichen nicht zu kriminalisieren. Andererseits will man Kinder aber vor Päderasten schützen und findet Sex mit Kindern sollte strafbar sein. Angesichts der psychischen Schäden, die Kinder durch sexuelle Kontakte davontragen eine sehr notwendige Regel. Was aber wichtig ist festzuhalten ist: das Schutzalter ist willkürlich gesetzt: in den USA abhängig vom Bundesstaat zwischen 16 und 18 Jahren, in Deutschland bei 14 (früher 14 für Frauen, 16 für Männer), wobei über 21 mit unter 16 strafbar ist. Strafrechtlich ist der Fall also klar. Ally Maynard allerdings versucht, eine besondere Schuld herzustellen, indem sie minderjährige Teenager zu Kindern erklärt.
Mir kam nur am Rande, aber ziemlich stechend der Gedanke, wie unterschiedlich die jugendlichen Klimaschützer a la Greta Thunberg beurteilt werden. In diesem Zusammenhang wird schließlich sogar gefordert, man solle die Volljährigkeit kräftig senken.

Finde ich nun, Minderjährige sind Kinder?
Die Fragestellung ist mir fremd: ich finde, die Gesellschaft hat gegenüber ihren schwachen Mitgliedern eine Verantwortung. Kinder sind schwache Mitglieder der Gesellschaft und verdienen besonderen Schutz. Während sie heranwachsen übernehmen sie nach und nach mit neuen Fertigkeiten auch neue Verantwortlichkeiten. Ganz platt gesprochen: Am Anfang bekommen sie Windeln angelegt irgendwann den Arsch abgewischt, noch etwas später müssen sie es selbst erledigen. Parenting mission accomplished.
Vor gar nicht so langer Zeit gab zum Abschluß dieser grundlegenden Befähigungen, analog eines Initiationsritus bei den Heiden die Konfirmation (oder die Jugendweihe in der DDR) mit der man quasi in die Erwachsenenwelt aufgenommen wurde. Kindheit vorbei, wenn die Initiation überstanden ist. Basta.
Manches in der Erwachsenenwelt ist allerdings heute mehr so einfach, wie zum Beispiel das Wahlrecht. Um das Wahlrecht auszuüben oder allgemein gesprochen, an demokratischen Prozessen teilzunehmen, ist es Aufgabe, die Befähigung, Informationen einzuordnen und überhaupt erst zu sammeln zu erlernen. Kann man das mit 16? Mit 18? Was in keinem Fall plausibel herzustellen scheint ist eine logische Verbindung zwischen "Erwachsen"  und "Wahlrecht".
In der Lage zu sein, sich selbst zu versorgen wäre eine typische Definition des Erwachsenseins - das ist heutzutage meistens zum Zeitpunkt der Konfi nicht einmal grundlegend gegeben. In vielen Fällen ist das erst in den späten 20ern der Fall.
Sexuell Aktiv zu sein mit dem Status, Erwachsen zu sein zu verbinden würde das zum bestimmenden Merkmal des Erwachsenseins erheben. Genausogut könnte man Bier trinken zum bestimmenden Merkmal erheben. Beides hat etwas mit Pubertät und Geschlechtsreife zu tun, aber das Alter, ab dem die Erlaubnis gilt, ist willkürlich.

Einige Philosophen (Aristoteles oder Schopenhauer) finden, die jungen Jahre seien dazu da, um Daten zu sammeln. Das jugendliche Hirn sei noch nicht in der Lage, die gespeicherte Information auch wirklich auszuwerten. Als "junge Jahre" nehmen die beiden beispielsweise ein Alter von jünger als etwa 26 an. Erst ab diesem Alter sei man als Erwachsen anzusehen. Diese Sicht geht aber rein von kognitiven Fähigkeiten aus während Jugendweihe und Konfirmation sich an der (physischen) Geschlechtsreife orientieren.  Inzwischen muß ich gestehen, daß ich auch dieser Sicht einiges abgewinnen kann. Die Frage ist für mich aber weniger die nach erwachsen oder nicht - was Erwachsen sein bedeutet müßte dazu geklärt werden. Anhand der zwei oben (sehr grob) skizzierten Positionen wird sicher bereits deutlich, daß man das vollkommen unterschiedlich verstehen kann. Es geht, denke ich, allgemein gesprochen um Befähigungen zur selbstständigen, unangeleiteten Teilhabe. Kinder oder "wie Kinder" oder einfach "unreif" bedeutet, diese Befähigung fehlt - das kann aufgrund des Alters, aber auch aufgrund psychischer oder physischer Einschränkungen sein. "Minderjährig" ist ein rein willkürlicher Begriff, der im besten Fall eine statistische Signifikanz hat.

tl;dr: Erwachsensein ist genauso wie Kind zu sein ein Geisteszustand

Tags: gedanken, meinung, philo, sam-oth, schweinschen schlaus weisheiten, thomas mental chaos
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