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Könnte Bildung helfen?

Facebook ist ja bekannterweise Unsinn, doch noch habe ich es nicht geschafft, die Abonnements von ZDF, TAZ, NZZ, Spiegel etc. zu kündigen. Schlimm und zum Fremdschämen sind die Kommentare, die sich namentlich gekennzeichnet unter einigen Artikeln finden.

Wir sind ja alle schon auch mal blöd - entweder, weil wir etwas nicht bedacht haben, Opfer unserer Vorurteile geworden sind - es gibt viele Möglichkeiten, wie man sich lächerlich machen kann. Was sich aber in den Kommentarspalten tummelt kann einen zur Verzweifelung bringen. Inhaltlich will ich gar nicht darauf eingehen, sondern ich frage mich, wie es kommt, daß Menschen sich dermaßen entblöden und ihren Schwachsinn in die Welt pupsen. Das meiste basiert auf Klosprüchen wie "Merkel muß weg" oder "Merkel ist schuld". Dann ist der Ausländerhass (auch auf Deutsche mit Migrationshintergrund - darum trifft der Begriff Rassismus das viel besser) in Deutschland sehr ausgeprägt. "Kopftuchfraktion" oder ähnliches sind die harmloseren Bezeichnungen. Ursache von dem Ganzen ist wohl eine griesgrämige Angst vor Veränderung. Wenn hier jemand herkommt will er mir sicher das bißchen, was ich mir hart erarbeitet habe, wegnehmen. Wobei es schon reicht, wenn sich etwas verändert. Veränderung mag der Bio-Deutsche nicht.

Fakten interessieren da niemanden. Wenn man in solchen Diskussionen einfach nur Faken nennt kommt ein "Was willst Du?" - schnell wieder auf die Ebene der Meinungen kommen. Denn dort können wir punkten. Ich frage mich, ob die selbst in einer Welt leben wollten, die nach ihren Prinzipien gestaltet würde. Schwer zu sagen: schließlich hatte das 3.Reich bis weit in die 70er hinein glühende Anhänger, die sich offenbar nicht einmal bewußt waren, daß sie für einige ihrer Äußerungen auf Facebook in einem Gestapo-Keller gelandet wären.
Und die Nachfolger, die Blau-Braunen aus der AfD, machen Blödheit zum erstrebenswerten Zustand. Woher kommt das? Klar: Auf dem Schulhof waren die Streber die Unsympathen. Das waren die, mit denen niemand etwas zu tun haben wollte. Die haben es dann irgendwann aber auf das Gymnasium geschafft und dort galt dann zunächst das gleiche Prinzip.
Inzwischen hat sich natürlich das Ausbildungsziel geändert. Es geht nicht mehr um ein humanistisch geprägtes Bildungsideal, sondern die Interessen der Wirtschaft viel stärker berücksichtigt. Die Idee, daß die schulische (und auch universitäre) Ausbildung nicht primär wirtschaftliche Verwertbarkeit zum Ziel haben soll, sondern diese Ausbildung von den Unternehmen gestaltet werden sollte war aufgegeben. Spätestens seitdem beschweren sich die Unternehmen über schulisch unzureichend ausgebildete Schüler, denen grundlegende Fähigkeiten fehlen würden. Gleichzeitig werden neue Inhalte gefordert, aber gleichzeitig, daß die Ausbildungszeit generell zu lang sei.
Natürlich gehen viele Schüler nach der Schule in einen Betrieb oder in eine Behörde und machen eine Ausbildung. Somit ist eine wichtige Schnittstelle im Ausbildungssystem, was die Unternehmen/Behören an Wissen voraussetzen können, wenn sie neue Mitarbeiter einstellen. Das gleiche gilt seit einiger Zeit auch für Universitäten, deren Anspruch, für wissenschaftliches Arbeiten zu qualifizieren durch den Fakt, daß viele nach Diplom/Master direkt in einen Beruf wechseln, mit dem berufsqualifizierenden Aspekt konkurrieren. In einigen Bereichen ist das schon immer so gewesen (Medizin, Jura), in anderen ist das neu (er). Das mag naheliegen, weil unsere Gesellschaft das Erwerbsleben zu dem zentralen Element erhoben hat. Das ist aber natürlich nicht zwingend so. Und es denkt Ausbildung vom Ende her - von einem Abschluß, der sich übrigens mit der Forderung nach lebenslangem Lernen beißt.

Neulich hat ein Grüner mit totalem Unverständnis auf meine Aussage reagiert, etwas müsse bei der Bildung furchtbar daneben gegangen sein, wenn auch viele CDU-Anhänger die Abgrenzung von den Blau-Braunen kritisch sehen.





Inzwischen ist Bildung als Erlernen abrufbarer Daten ("333 - bei Issos Keilerei") stark verinnerlicht. Die Fähigkeit, diese Daten einzuordnen und zu beurteilen und Prinzipien zu entwickeln, anhand derer man eine solche Beurteilung vornehmen kann spielt keine Rolle. Wenn die neue CDU-Vorsitzende Kramp-Karrenbauer fordert, Schüler müssen einmal ein KZ besichtigt haben versteht sie nicht, daß die Besichtigung nichts, aber auch gar nichts bedeutet, ohne den Besuch in die Geschichte einzuordnen und mit den Gaskammern und Leichenbergen menschliche Schicksale zu verbinden. Den Menschen, denen absaufende Menschen im Mittelmeer gleich sind sind Menschen, die vor 80 Jahren in einer Gaskammer umkamen nicht näher. Und Verständnis für die Situation haben die erst recht nicht.

Ich plädiere also für eine Reform der Ausbildung. Die Schule hat den jungen Menschen nicht zum verwertbaren Wirtschaftsobjekt zu erziehen, sondern zu einem mündgen Bürger. Unternehmerische Ausbildung ist Sache der Unternehmen. Klar: Lesen und Schreiben und andere Fertigkeiten, die ein Mitteleuropäer haben sollte müssen als Handwerkszeug mitgeliefert werden. Genauso aber die Fähigkeiten, Fakten von Meinungen zu trennen, Begründbares von reiner Propaganda. Eine Fremdsprache zu lernen hilft. Englisch mag zur Zeit besonders angesagt sein, aber auch andere Sprachen können enorm bereichern (man schaue alleine auf das literarische Erbe der spanischen, chinesischen oder russischen Kultur) Der Wert der Gemeinschaft, des Menschen als soziales Wesen ist wichtig - und noch vieles mehr.

Tags: die krise der westlichen welt, gedanken, lautenistenleben, meinung, philo, schweinschen schlaus weisheiten
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