lautenist (lautenist) wrote,
lautenist
lautenist

Hadamar - Konzert von Lutz und Martina

Seitdem ich wieder aus der Schweiz zurück bin genieße ich es, Gegenden zu erkunden, die mir fremd sind. Es hat hier so viele schöne Städtchen, wunderschöne Landschaften (halt ohne die Berger der Schweiz) und so viel Sehenswertes, zu dem ich Anknüpfungspunkte habe, die sich aber oft vor allem als Vorurteil erweisen. Heimatkunde einmal anders! So ist Hadamar überregional bekannt für die Verbrechen, die in der dortigen Heilanstalt während der Nazi-Zeit verübt wurden. 15.000 Menschen wurden dort auf der Basis eines persönlichen Befehl Hitlers vergast oder man ließ sie einfach verhungern. Der Begriff Euthanasie, wie die Nazis diese Morde nannten, hat durch diese "Aktion T4" (T4 steht für die Tiergartenstraße 4 in Berlin. Der Adresse des zuständigen Amtes) hierzulande eine zusätzliche Bedeutung zu der eigentlichen Bedeutung eines "angenehmen Todes" oder aus dem englischen entlehnt auch der Sterbehilfe. Während man unvoreingenommen von Sterbehilfe sprechen kann ist der Begriff der Euthanasie mit der Tötung lebensunwerten Lebens (wie es die Nazis nannten) kontaminiert.
Auch die Mutter des weltbekannten Komponisten Karlheinz Stockhausen zählte zu den Opfern.
Heute ist auf dem Gelände eine Gedenkstätte untergebracht, die bereits geschlossen war als ich ankam.

Bereits die Fahrt durch die Taunuslandschaft, die über weite Teile entlang der deutschen Fachwerkstraße führt und außer romantischen Tälern die schönen Fachwerkstädtchen der Region berührt ist schön. Da sie über weite Teil gleich zu der Strecke verlief wie die Strecke nach Selters, die ich zum Konzert von Asya genommen hatte war ich noch versucht, eine Variante zu nehmen. Ich bin aber froh, das nicht gemacht zu haben, weil ich so viel Neues entdeckt habe. In der Wiederholung lag nun auch Entspannung und ein leicht erweiterter Blick. Dazu traumhaftes Wetter - schon eher auf der zu warmen Seite (34 Grad war Auf dem Hinweg die Tiefsttemperatur, 29 auf dem Rückweg). Toll! Das muß ich öfters machen!

Vor Ort schaute ich zunächst, on die Gedenkstätte offen hätte (sie schließt um 17 Uhr) und schaute dann das Schloß an.


Schloss Hadamar













Unter den vielen verschiedenen Nassauer Fürstentümern gab es, man wundert sich kaum, auch ein Nassau-Hadamar, als dessen Residenz das Schloß 1629 fertiggestellt wurde.

Da das Konzert um 18 Uhr beginnen sollte mußte ich mich nun sputen, zur Liebfrauenkirche zu kommen. Dort traf ich dann Lutz und Martina, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Während die beiden stimmten und sich für das Konzert umzogen schaute ich mir die Kirche an. Mein Interesse blieb nicht unverborgen und ein netter Herr von der Kulturvereinigung erklärte mir viel zu der Kirche, die größtenteils im 14.Jahrhundert erbaut wurde, aber deren Innenausstattung aus der Zeit zwischen 1630 und 1690 stammt und im Hadamarer Barock ausgeführt wurde.























Besonders bemerkenswert seien die aus dem Leben heraus gestalteten Deckenfiguren, die in dieser Gestaltung einzigartig seien.



Derart bereits eingestimmt begann auch bald das Konzert von Lutz und Martina. Den Beamer und die Leinwand hatte ich bemerkt, doch erst nach dem ersten Einstieg mit der bekannten Pavana alla Veneciana von Hans Judenkünig wurde klar, daß das Duo sie mitgebracht hatte. Da das Programm "Da Vinci Musik" hieß konstruierte Lutz eine Verbindung des Universalgelehrten zu den anderen großen Geistern der Zeit. Das Denken und kulturelle Leben der Zeit kann man natürlich auch unter dem Gesichtspunkt der Universitas betrachten, die genau versuchte, die allgemeine Ordnung und die allgemeinen Prinzipien zu ergründen (darum heißt die Universität auch so, nicht nur, um die Gemeinschaft von Lehrenden und Lehrnenden zu beschreiben). Das geht auf die Akademie des Platon (Aristoteles) zurück und ist eine der Grundlagen europäischer Wissenschaften. Das machte Lutz deutlich und brachte Beispiele, die nicht immer einen Bezug zur Laute oder Gambe hatten. Auch war der Vortrag ein bißchen zu akademisch - ich fand die launigen Geschichten, die Lutz früher in seine Ansagen einstreute, unterhaltsamer als den etwas arg lehrerhaft wirkenden Vortrag. Im weiteren Verlauf des Konzerts liefen auf dem Beamer Fotos durch, die Lutz geschossen hat - viele davon sehr schön und sehr gelungen! Sie sollten die Verbindung der Musik zur Natur illustrieren, eine weitere Konstante in der künstlerischen Sicht des Duos. Tatsächlich fand ich diese Verbindung besonders schön und passend in den Ricercari von Ganassi, die Martina auf ihrer Renaissancegambe spielte. Auch zu dem Präludium von Laurencini, welches Lutz spielte fand ich die Naturbilder eine schöne und bereichernde Erweiterung der musikalischen Bedeutung. Bei den Tänzen von Borrono oder den Choralsätzen Luthers in der Bearbeitung für Laute des älteren Esaias Reusner fand ich die Bilder eher verwirrend. Als solle mir eine Bedeutung aufgedrängt werden, die aber weit entfernt liegt und sich mir nicht erschließt. Doch, wie Lutz sagte, man konnte ja auch wegschauen. Ich fand die Idee, visuelle Elemente in die musikalische Darbietung zu integrieren, beeindruckend und mit sehr großem Potential. Ich gehe schon lange davon aus, daß man die Aufführungen bereichern würde, wenn man das Leben der Zeit mit einfließen ließe. Also auch Gedichte rezitieren, oder Auszüge aus Maskentänzen integrieren würde, Gemälde, Architektur - das geistige Leben in vorromantischer Zeit war derart reich - und die Disziplinen nicht so streng, wenn überhaupt! getrennt wie man es heute gewohnt ist. Natürlich ist es schwer, das umzusetzen. Den Ansatz der Kirchhofs empfinde ich als einen ersten Schritt und es lohnt, diese Idee weiter zu entwickeln.

Musikalisch ist das Duo natürlich Weltklasse! Laute und Gambe sind perfekt aufeinander abgestimmt und dadurch entsteht ein Klanggebilde wie aus einer anderen Welt. Diese Klänge lassen verstehen, warum diese Intrumente über Jahrhunderte so beliebt waren.

Besonders ansprechend fand ich neben den Tänzen von Borrono die wunderschöne Volte von Michelangelo Galilei (Laute solo), den Contrapunto seines Vaters Vincentino und natürlich BWV 1025 von J.S. Bach/S.L.Weiss, welches die Beiden zum Abschluß in einer sehr schönen Version für Gambe und Laute gaben. Ganz toll auch das solistisch dargebotene Andante und Vivace in D-Dur von G.Ph.Telemann. Nachdem ich nun schon so ziemlich das gesamte Programm zum Favoriten erklärt habe muß ich abschließend noch einmal betonen, wie unterhaltsam bei einem hervorrangenden musikalischen Niveau das Konzert (wie auch alle anderen der beiden, die ich bislang erleben durfte) war.

Leider sind die beiden etwas geizig mit frei zugänglichen Klangproben, so daß ich keine Klangbeispiele aus dem aktuellen Programm liefern kann, sondern auf ein dennoch sehr schönes Beispiel verweise:



Anschließend besuchte ich noch die Herzenbergkapelle und den Rosengarten von Hadamar. Doch das gibt einen extra Beitrag ...
Tags: fotographie, laute, lautenistenleben, memories
Subscribe

Posts from This Journal “laute” Tag

  • Burg Friedberg

    Ein Freund konnte nach langem Warten seine Gitarre von der Reparatur abholen. Die Instrumentenbauerin sitzt auf der Burg Friedberg. Da war keine…

  • Lautenbilder im Louvre

    Charles Mouton — ich erinnere mich, daß viele Besucher, die eigentlich zur Mona Lisa wollten, sich gewundert haben, was an diesem Bild…

  • Obstbäume, Blüten und Lautenmusik

    Kirschbaum…

  • Post a new comment

    Error

    default userpic

    Your reply will be screened

    Your IP address will be recorded 

    When you submit the form an invisible reCAPTCHA check will be performed.
    You must follow the Privacy Policy and Google Terms of use.
  • 0 comments