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Konzert Asya Selyutina in Niederselters

Es gibt Orte, die liegen sehr nahe, sind aber vollkommen unbekannt. Selters, in diesem Fall Niederselters, die Heimat des weltberühmten Wassers, ist so ein Fall. Sicher war ich schon einmal dort - doch von dem Reichtum, den das Wasser dem Ort gebracht haben müßte, ist kaum etwas zu sehen. Wahrscheinlich muß man nur etwas genauer schauen - was ich auch gestern nicht tat, weil ich zu einem Konzert dort war und vorher nur Zeit für einen Kaffee gewesen wäre - doch das örtliche Café war leider besetzt und bei der drückenden Hitze wollte ich nicht drinnen sitzen.

Der Veranstaltungsort, die 1717 gebaute Alte Kirche ist ein wunderschöner Raum, der zum Konzertsaal umgebaut wurde. Ein paar alte (Selters-) Wasserflaschen und andere archäologische Fundstücke gaben während der Pause etwas zum Anschauen. Der Klang des Raums erscheint mir perfekt für Konzerte für Gitarre (oder auch Laute) geeignet. Leider haben sich nur wenige Zuhörer in das Konzert verirrt, was sicher neben dem strahlenden Wetter daran lag, daß das Konzert kaum publik gemacht wurde. Ein kleiner A4-Zettel an der Kirchentür war alles, was zu finden war. Hätte ich nicht bei einem kleinen Post auf Instagram, das als Ortsangabe "Limburg" trug nicht nachgefragt, ob sie Konzerte in der Gegend hätte und sie mir noch netterweise die Daten gesendet - das Konzert wäre vollkommen an mir vorbei gegangen. Und es sei gesagt: wer nicht dort war hat etwas verpaßt!
Das Programm bot kein einziges Werk, bei dem die Künstlerin verschnaufen konnte. Es bestand ausschließlich aus Werken, die vom Künstler neben hohen artistischen Fähigkeiten äußerste Konzentration und Präzision verlangen. In der ersten Hälfte standen Werke der klassisch-romantischen Periode auf dem Programm, in der zweiten Hälfte Zeitgenössisches.
Abgeholt wurden die Zuhörer mit dem Andante op.39 (nicht 30, wie im Programm angegeben) von Napoleon Coste.



Dieser sehr romantische Start war schon ein ungewöhnlicher Einstieg in ein Programm, gab aber bereits einen ersten Eindruck von dem Klang und den unerhörten Gestaltungsmöglichkeiten der Künstlerin, denen YouTube in keiner Weise gerecht wird.

Giulio Regondi ist bekannt als Gitarrist von Niccolo Paganini. An einigen seiner Studien hatte ich mich auch versucht, fand sie aber sehr schwer so zu gestalten, daß sie die notwendige Leichtigkeit behalten. Das ist für eine Gitarristin vom Format Asya Selyutinas natürlich kein Problem.

Als Komponist bekommt Domenico Scarlatti langsam und endlich die Aufmerksamkeit, die er verdient. Natürlich haben sich auch die Gitarristen auf sein Werk gestürzt und die Original für Cembalo geschriebene Musik für ihr Instrument arrangiert. Ich bin immer wieder überrascht, wie wenig Gitarristen für (Barock-) Gitarre geschriebene Musik zu schätzen scheinen, aber auch, wie gut Bach oder in diesem Fall Scarlatti auf einer Gitarre funktionieren.

Tarrega bearbeitete einige Werke von Isaak Albeniz, die in dieser Version inzwischen wahrscheinlich bekannter sind als die originalen Fassungen für Klavier. Dankenswerterweise gab es als Abschluß des ersten Teils das seltener gespielte Sevilla aus der Suite Op.47.

Zum zweiten Teil kann ich nun keine Links zu den Noten mehr anbieten, da im zweiten Teil zeitgenössische Musik gegeben wurde. Sergey Rudnevs Volksliedvariationen gaben bereits einen schönen Einstieg. Vor allem "Oi da ty Kalinushka" (Schneeballtraum) fand ich sehr ansprechend.

Nikita Koshkin ist für klassische Gitarristen alles andere als ein unbekannter Name. Seine Musik hat sich inzwichen einen festen Platz im Repertoire vieler Gitarristen erobert. Die gebotenen 2 Präludien und Fugen boten rhythmisch und formal viele Ideen, die musikalisch überzeugend und klanglich sehr fecettenreich vorgetragen wurden.
Natürlich ist moderne Musik nicht jedermanns Sache, doch grade auf Konzerten finde ich sie immer eine Bereicherung. Und die Musik ist gut - da führt kein Weg dran vorbei

Zum Abschluß gab es "Voces de Profundis" über Hitchcocks "Psycho" von Papa Tremolo Stepan Rak. Ich mag seine Musik, weil sie den eigentlich immer noch aktuellen spätromantischen Musikgeschmack sachte und ohne Gewalt um moderne Elemente erweitert und damit auch einem weniger musikaffinen Publikum moderne Musik zugänglich macht. Das hier gebotene Stück zählt nun zu den wildesten, die ich von Stepan gehört habe. ich kannte es noch nicht und war über die Unmengen an klanglichen Ideen begeistert. Natürlich muß man sie auch umsetzen können, ohne daß eine solche Darbietung zur Lachnummer wird (einen goldenen Löffel zur Klangerzeugung zu benutzen verführt zu Witzen oder dazu, den erzeugten Klang zu belächeln. Asya Selyutina hat das souverän gemacht). Das offene Ende des Stücks als Abschluß des Konzerts schrie gradezu nach einer Zugabe, um die Spannung zu lösen. Mit begeistertem Applaus wurde diese Zugabe gefordert und eingelöst mit einem Stück, das ich zunchst Mertz zuordnete, womit ich nicht falsch lag, denn er bearbeitete den "Lob der Thränen" von Schubert, womit sich ein passender Abschluss für das Programm ergab.

Begeisterter Applaus sorgte für eine weitere Zugabe - auch hier keines der typischen Zugabestückelchen, sondern (wenn ich richtig gehört habe) die technisch und musikalisch anspruchsvollen  Händelvariationen op.107 von Mauro Giuliani.

Edit/Korrektur: die zweite Zugabe war der Marsch aus der Rossiniane No.3 (Danke an die Künstlerin für die Korrektur)

Das schön und ungewöhnlich zusammengestellte Programm, der unbeschreibliche Gestaltungswille und die grandiosen technischen Möglichkeiten der Künstlerin boten Unerhaltung auf dem höchsten Niveau. Daß nur sehr wenig Publikum kam rechne ich der Organisation an und - als erstes Konzert dieser Reihe - waren Ort und Veranstalter vielleicht noch nicht etabliert. Ich wünsche der Konzertreihe viele weitere Konzerte. Wenn sie auf diesem Niveau weitergeführt werden mache ich mir keine Gedanken, daß diese Reihe auch überregional erfolgreich sein kann.

Tags: lautenistenleben, memories, music
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