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Gesehen: Die Philosophen

Gestern habe ich mir tatsächlich etwas TV angetan (ich hoffe, ohne bleibende Schäden). Es lief der Spielfilm "The Philosophers", in dem es um ein Gedankenexperiment geht, bei dem die Schüler anhand von vorgegebenen Attributen wählen sollen, welche 10 von ihnen (sie sind 20) vor einer Apokalypse in die Sicherheit eines Bunkers kommt.

Der Trailer



Das Szenario/Gedankenexperiment hat wenig Philosophisches an sich, da die Aufforderung, nach Attributen über Leben und Tod zu entscheiden die ethischen Fragen bereits vorgibt, indem Nützlichkeitserwägungen schon in der Aufgabenstellung in den Vordergrund gestellt werden. Damit ist  eine Krämerphilosophie als Entscheidungsmaxime vorgegeben. Die Prognose der Zukunft und die Nützlichkeit einer Qualifikation sollen entscheiden.
Natürlich ist selbst in dem Gedankenexperiment beides hinterfragbar. Doch alleine die Fragestellung ist philosophischer Humbug. Ethisch kann man (menschliches) Leben nicht bewerten - jedes ist gleich wertvoll. Eine Prognose über die Situation am Tag nach der Apokalypse ist kaum zu treffen. Die Fragestellung ignoriert auch die Zeit als Faktor, in der sich Teilnehmer qualifizieren können. Es ist heutzutage, grade in Filmen, aber auch im beruflichen Alltag, üblich, Menschen mit 2 oder 3 Charakterzügen und Befähigungen zu charakterisieren. Daß das der Komplexität eines Menschen unmöglich gerecht werden kann, sollte offensichtlich sein.

Was in diesem Spiel aber interessant ist, ist, wie sehr dieser Drang, Menschen zu beurteilen, ausgeprägt ist. Nicht nur anhand von Prognosen (die sich bekanntlich regelmäßig als falsch erweisen, da sich Rahmenbedingungen mitändern und auch darüber Prognosen erstellt werden müßten, was in einem infiniten Regress endet) sondern auch im Präsenz wird gerne beurteilt - oder geurteilt. Das führt dazu, daß im Beruf nach fertigen Mitarbeitern gesucht wird - prinzipiell ist das (plus die vollkommen an der Wirklichkeit vorbeigehende Bewertung von Qualifikationen) die Ursache des oft beklagten Fachkräftemangels. Firmen wollen das Risiko meiden - dafür müßten sie ja Eignern Rede und Antwort stehen (darum der grassierende Wahn, Berater zu nutzen) oder HR-Manager den Fachabteilungen. Also wird Qualifikation verlangt, aber nicht von seiten der Firma erbracht "training on the job". Wenn Politiker heute von Immigration reden, um den angeblichen Fachkräftemangel zu beseitigen liegen sie bereits seit Jahrzehnten falsch. Den gibt es nicht, sondern eine mangelnde Bereitschaft, Mitarbeiter auszubilden. Doch das nur am Rande, denn es geht um die Bewertung anhand von Attributen: berufliche Qualifikation ist ja nur eine Ebene, grade AfD und CSU bewerten schließlich gerne auch nach Attributen, für die ein Mensch absolut nichts kann wie Nationalität, Glaube oder sogar Geschlecht, die nun wiederum selbst mit negativ besetzten Eigenschaften belegt werden. Nimmt man alle Wertung heraus bleibt nichts als ein armseliges Bild von Politikern, die Menschen in Not (Flüchtlingen oder Asylanten) Hilfe verweigern wollen.

Die Idee, Fachkräftemangel (aber auch den Mangel an niedrig bezahlten oder qualifizierten Arbeitnehmern) durch Immigration lösen zu wollen wird unter diesem Hintergrund etwas eigen, denn: wenn wir über 2,5 Millionen Arbeitslose haben (real gerechnet sogar noch deutlich mehr), dann läge es doch nahe, diese Menschen entsprechend zu qualifizieren, oder? Wäre nicht die erste Frage, warum es an qualifizierten Kräften mangelt?

Wenn sich nun die AfD-Wähler an "Ausländern" stören, was stört sie da eigentlich? Faktisch stören sie kulturelle Veränderungen, die sich durch Immigration ergeben könnten: in den 70ern waren es vor allem die Türken, die Ausgrenzung erleben mußten. Inzwischen wird meistens nicht nur der Döner um die Ecke als Bereicherung wahrgenommen. Natürlich tun sich immer noch einige schwer damit, daß es einen Anteil Menschen gibt, die mit anderen Traditionen aufgewachsen sind, doch erfahrungsgemäß gleicht sich das in der dritten Generation an (die erste sind die Immigranten selbst, die zweiten die deren Kinder, die oft besonders leiden, weil sie in keine der Welten gehören, die dritte kennt das Problem schon kaum noch - oder werden heute noch irgendwelche "owskis" gedisst: das sind Einwanderer aus den polnischen Gebieten des Deutschen Reiches. Oder gibt es überhaupt noch Grabowskis, Schneidrowskis etc, die sich als Polen fühlen?). Auch die Flüchtlinge nach dem Krieg waren zunächst fremd, wurden integriert, brachten aus Ostpreußen oder Schlesien ihre Kultur mit, die teilweise übernommen wurde. Diese gesellschaftlichen Veränderungen gab es immer schon. Auch menschliche Migration gab es immer schon. Auch die Bewertung von Menschen anhand von Attributen.
Aber entscheiden sollte man doch nicht anhand solcher Attribute, oder? Welche ethische Grundlage, welches ethische Prinzip kann man zugrunde legen, um beispielsweise das Massensterben im Mittelmeer zu rechtfertigen? Wie kann ich ethisch rechtfertigen, Flüchtlinge zurückzuweisen? Nützlichkeitserwägungen sind das sicher nicht

Ach - und oft wird das Wohlstandsargument angeführt (daß Ausländer uns die Frauen wegnehmen ist eine ganz besonders widerliche Variante davon): Ausländer nehmen uns die Jobs weg oder, was ich neulich hören mußte, Flüchtlinge seien nicht finanzierbar, weil die Beamtenpensionen so hoch seien (!). Dem Ganzen wird dann das Bild der Sozialschmarotzer hinzugefügt - Flüchtlinge, die sich hier mit Sozialhilfe fürstlich einrichten. Die Attributierung ist natürlich widersprüchlich: ich kann kein Sozialschmarotzer sein und anderen gleichzeitig den Job (und die Frau) wegnehmen.
Diese "Argumentation" bewertet in Geld anhand von beliebig zugewiesenen Attributen. Wenn ich einem Schutzsuchenden aufnehme, mußich ihn dann nicht ausreichend versorgen? Ist es nicht sogar meine Pflicht?
Übrigens heißt es: "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich" - die Aufteilung nach Nationalität oder anderen statistischen Größen erfolgt immer nach politischem Kalkül und unterstellt einen Zusammenhang: "Morden ist männlich", oder "Muslime sind Mörder" oder "Alte weiße Männer sind reich" - alle diese Attributierungen erfolgen nur zu dem Zweck der Brandmarkung (es gibt auch Versuche, das positiv zu betreiben. In etwa, Trump als erfolgreichen Geschäftsmann darzustellen, oder Steve Jobs - oder aber auch Leute wie Greta Thunberg).
All das dient der Emotionalisierung von Bewertungen - in etwa wie Slogans der Werbeindustrie. Vernünftig ist das jedenfalls nicht

Der Grund, warum dieses Schema so erfolgreich ist, ist die Vereinfachung des Lebens. Wenn ich etwas einmal als gut empfunden und bwertet habe gleiche ich neues nur noch gegen das ab und übernehme die Bewertung. Dadurch wird die Komplexität des Dasein reduziert. Wir alle machen das! Aber ab und zu sollte man sich vielleicht bewußt machen, was uns da als vermeindlich vernünftig verkauft wird.

Den ganzen Film kann man sich hier anschauen


tl;dr: Vorsicht vor Schubladendenken!

Tags: die krise der westlichen welt, fotographie, gedanken, lautenistenleben, meinung, philo, sam-oth, thomas mental chaos
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