lautenist

Instagram/Social Media

Irgendwarum ärgere ich mich darüber, wie ich  Social Media nutze. Von Natur aus bin ich eher unauffällig, schüchtern — will niemandem zur Last fallen. Und ich will auch nicht auffallen, weder negativ noch positiv (auch wenn ich mich natürlich gegen das Letztere nicht wehre. Und in jungen Jahren auch mal ein paar Jahre von dem wilden Wahn umjubelt war, beliebt sein zu wollen. Das müssen die Hormone gewesen sein). Nun sind so Plattformen (von den vielen gängigen Bezeichnungen scheint mir die noch am brauchbarsten — soziale Medien ist, bei Licht betrachtet, eine ziemlich unzutreffende Bezeichnung) wie Facebook, Instagram, YouTube und was es sonst noch alles gibt vor allem dazu geschaffen, sich selbst darzustellen. Dadurch gibt man denjenigen, die die Plattform bezahlen, also den Werbetreibenden, die Informationen an die Hand, die sie gerne hätten.
Zu Facebook bin ich ursprünglich über die Englische Lautengesellschaft gekommen, die dort einen Account eröffnet hatte. Und tatsächlich war ich neugierig, Leute, die ich teilweise seit Jahren kannte, auch einmal zu sehen. Dazu bot Facebook eine Möglichkeit. Dann war es für mich als im Ausland lebender Mensch auch eine Möglichkeit, wenigstens virtuell bestehende Kontakte aus der alten Heimat am Leben zu erhalten. Daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Art eigenes soziales Gebilde, was mit dem echten Leben nur noch am Rande zu tun hat. Selbstdarstellung war auch hier zentral, aber es gibt die Prüfung gegen die Realität durch den Anteil Menschen, die man auch im echten Leben kennt, genauer derjenigen, die man ab und zu auch mal trifft.
Meine Selbstdarstellung auf Facebook entspricht im Großen und Ganzen dem, was man auch hier auf LJ findet: ich poste Fotos meiner Ausflüge (oft übernehme ich einfach LJ-Posts) oder meiner halbgaren und ab und zu etwas ausgereifterern Gedanken, wobei es bei Facebook natürlich nicht um den Tagebuch-Charakter geht, der hier im Vordergrund steht. Dort biete ich den Voyeuren einen Teil meines Lebens dar — den, den ich meine, zeigen zu können und zu wollen. Hier auf Lifejournal vertraue ich darauf, daß kaum jemand die Posts zur Kenntnis nimmt, ich mich aber trotzdem etwas zusammen reißen muß und nicht vollkommen unqualifiziert vom Leder ziehe, weil ja doch die Gefahr besteht, daß mein Seich gelesen werden könnte. Das verhindert zu persönliche Posts und stellt sicher, daß ich versuche, ein Mindestmaß an Niveau zu halten. War Facebook eine Weile durchaus eine Konkurrenz zu Livejournal, ist es inzwischen weit ins Hintertreffen geraten. Die größte Schwäche von Facebook sind die Krakeler des Mobs einerseits, die sich auf selbst seriösen Seiten herumtreiben und vor allem ihren braun-blauen Scheiß' absondern. Bis zur Ära Facebook hielt ich die Menschheit in der Mehrheit für eher hilfsbereit, gut und nett. Und auch eher für bildungsaffin. Das ist gründlich vorbei. Danke Facebook!
Daneben widerspricht mir, wie schon eingangs erwähnt, Selbstdarstellung. Wenn ich Fotos zeige oder gar, noch persönlicher! irgendetwas selbst Geklimpertes poste, mache ich mich persönlich angreifbar. Etwas, was Facebook-Nutzer gerne und ausgiebig tun. Dadurch, daß ich natürlich nicht mit den Weltstars der jeweiligen Szene mithalten kann (und will), die Konsumenten aber anhand dieser Messlatte urteilen, ist das Posten ein ständiger Quell der Frustration. Woher sollen meine Konsumenten auch wissen, wie sie meine Posts einordnen sollen?
In Folge hat sich reduziert, was ich auf Facebook poste. Und fast alles an Geklimper ist gelöscht und fast alle Fotos, auf denen Personen erkennbar sein könnten. Aber ich bin trotzdem noch viel zu oft und lange auf dieser Plattform! Was ich poste ist im Großen und Ganzen okay — ich kann dazu stehen. Politische Inhalte empfinde ich allerdings als sinnlos, da ich sicher niemanden überzeugen kann — und wahrscheinlich nicht einmal will. Die mache ich vor allem, damit auf diesen Plattformen nicht nur braun-blauer Scheiß' sichtbar ist. Darum habe ich mich auch in Diskussionen eingemischt und tue das ab und an noch immer. Da ärgere ich mich über mich selbst. Der Wunsch, Unsinn nicht unwidersprochen stehen zu lassen steht da in Widerspruch zu der Erkenntnis, daß ich niemanden dort durch meine Rede überzeugen kann und mich nur in hitzigen Diskussionen aufreibe.
Daneben teile ich ab und zu Posts der Wolfsfreunde oder sonstiger Tier- und Naturschützer. Und  Lautenvideos natürlich.

Das prinzipielle Problem bei Facebook bleibt, daß es der Selbstdarstellung dient (und der Vermarktung der gewonnenen Informationen durch die Plattform). Etwas, was mir persönlich fremd ist und etwas, was eigentlich einen Charakterfehler zum Geschäftsmodell erhebt.
Da sehe ich bei mir einen Heilungsprozeß stattfinden, indem ich immer weniger auf dieser Plattform tue und schon oft damit gespielt habe, mich radikal davon zu verabschieden. Tatsächlich hat mich vor allem der Veranstaltungs- und Geburtstagskalender bislang zuverlässig davon abgehalten, mein Konto aufzulösen oder zu deaktivieren.
Kurz gesagt bin ich also mit meinem Facebook-Verhalten im Großen und Ganzen zufrieden. Vielleicht kann und sollte ich die Zeit, die ich dort verbringe noch reduzieren.

Das gleiche Prinzip noch weiter auf die Spitze getrieben gibt es bei Instagram. Oft habe ich den Eindruck, ich sei der Einzige, der dort keinen Ehrgeiz verspürt, Influencer zu werden. Influencer sind die Leute, die ihre Popularität auf Medien wie Instagram oder YouTube dazu verwenden, über Werbung Geld zu machen. Da halten die Leute dann irgendwelche Produkte in die Kamera oder bieten "Giveaways" an.  Kaum ein Account, bei dem die Werbung nicht im Vordergrund steht.
Mir laufen dort jede Menge Hollywood-Sternchen (oder Möchtegernsternchen) und Modelle nach (sind also meine follower), wohl in der Hoffnung auf Aufträge als Modelle. Bzw. bei einigen hatte ich den Eindruck, sie folgen mir, damit ich ihnen im Gegenzug auch folge. Und dann werde ich entfolgt — der gemeine Influencer wird schließlich nach Anzahl seiner Follower bezahlt, vielleicht spielt das Verhältnis von Followern zu denen, denen man selbst folgt auch eine Rolle? Das könnte schon zu solchen Aktionen motivieren.
Jedenfalls ist das Konzept erbärmlich. Da wird Selbstdarstellung noch weiter reduziert auf die optische Selbstdarstellung, da auf Insta nur Fotos und Videos geteilt werden können. Natürlich kann man kleine Texte dazu schreiben, die grade bei Modellen selten das Niveau von Kalendersprüchen (wenn man es nett ausdrücken will — ich sage gerne auch von Klosprüchen) überschreitet.
Wenn nun eine auf das optische reduzierte, über Filter kaum mehr als der echte Mensch wiederzuerkennende Persona sich auch noch als Werbeträger prostituiert — was schaue ich mir denn dann auf Instagram an? Bin ich dann nicht noch schlimmer als diese Menschen, indem ich als Voyeur an dieser Selbsterniedrigung teilhabe? Sie ja irgendwie unterstütze, indem ich das anschaue und der wandelnde Werbeträger deswegen überhaupt bezahlt wird? Wenn Emma die Freier in die Verantwortung für die Prostitution nehmen will — ist das, was ich auf Insta mache nicht analog?
Ganz absurd wird es, wenn dann die modernen Feministinnen sich auf Instagram präsentieren. Da lassen sich Frauen auf ihr Aussehen, genauer sogar noch auf die Fickbarkeit reduzieren und sich anhand eines solchen Kriteriums bewerten, werfen denen, die das tun aber vor, genau das zu tun. Ist das nicht freiwillig zur Nutte werden und sich dann über die Freier beschweren?
(wo ist der Unterschied zum Catcalling, das die modernen Feministinnen fast schon mit Vergewaltigung gleichsetzen?)

Mein Problem damit ist, daß ich das verabscheue. Die einzelnen Menschen, die daran teilnehmen können ja machen, was sie wollen. Es mag sein, daß hübsche junge Dinger einfach versuchen, die paar Euro halt mitzunehmen. Und vielleicht wollen sie auch die (echten und falschen) Komplimente mitnehmen. Das ist Eitelkeit — nicht unbedingt der schönste Charakterzug, den ein Mensch haben kann, aber solange es nicht in Arroganz umschlägt stört er mich nicht sonderlich.
Was mich stört ist meine Teilhabe daran, auch wenn sie natürlich auch einen gewissen Witz hat: morgen für morgen sitze ich auf dem Klo und schaue mir auf Instagram an, was läuft (plus ab und an auch abends, je nach Verdauung). Tja, liebe Mädels: Nicht nur wollt Ihr sicher nicht von mir, aus Eurer Sicht altem, wenig bis gar nicht attraktiven Mann, beglotzt werden. Auch die Situation, in der ich Euch beglotze ist nicht die charmanteste.
Was ich dann zu sehen bekomme ist oft auch nicht sonderlich reizvoll: Entweder Werbung oder maximal gephotoshopte Mädels, manche vielleicht sogar hübsch, die meisten aber so bearbeitet, daß eine rein virtuelle Darstellung von einem Foto kaum noch unterscheidbar wäre. Ob das Mädel hübsch ist kann man kaum sagen. Oft denke ich, sie sind vor allem jung. Den Rest erledigt Photoshop. Dazu werden sie in Posen und Inszenierungen abgebildet, die auf billigen Effekt setzen. Wie in einer typischen Parfüm-Werbung. Besonders amüsieren mich die zensierten Nacktbilder. Titten oder noch mehr sind auf dem prüden Kanal natürlich nicht gestattet. Aber in der billigen Bildsprache des Mediums ist es genau das, was die gewünschte Aufmerksamkeit verspricht. Der hilflose Umgang damit hat fast etwas Rührendes. Ich amüsiere mich dabei köstlich.
Dazwischen gibt es aber auch einige fantastische und kreative Fotos — die in dem Wust an billigem Müll deplatziert wirken. Und einige Leute versuchen, eine Art bildhaftes Tagebuch zu führen — das, wofür Instagram wahrscheinlich ursprünglich gedacht war.  Die schöne, bunte Welt des Internets.

Und was soll uns das nun sagen?
Facebook und vor allem Instagram haben wohl etwas von einem Nightmare on Elm Street-Film an sich: sie sind trashig, meist niveaulos, haben einen platten Humor. Sie sind grell und zeigen eine ganz schräge Spiegelung der Wirklichkeit. Eigentlich vollkommen unter meinem Niveau (also dem, was ich mir gerne selbst zusprechen würde). Und doch bin ich dabei — auf Facebook sind sogar einige Menschen unter meinen Kontakten, die ich nie gesehen habe und die ich wahrscheinlich niemals persönlich treffen werde. Die mir aber trotzdem an's Herz gewachsen sind. 

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