lautenist

Ein Krieg der Generationen

Bei den Spaltungsbestrebungen, die die Gesellschaft in männlich gegen weiblich, jung gegen alt etc., aber kaum mal in reich gegen arm teilen fällt mir auf, daß diese doch eigentlich vollkommen unsoziale Spaltung der Gesellschaft ausgerechnet bei den Gebildeteren zu fruchten scheint. 

Doch (ausnahmsweise) soll nicht die Geschlechterspaltung im Vordergrund stehen sondern ein, wie ich finde, empörender Artikel aus der TAZ (als Anmerkung: die Zeitungen, die ich früher wirklich geschätzt habe, FAZ und TAZ, stechen in letzter Zeit vor allem durch abstruse Positionierung hervor. Die Idee, eine Zeitung zu abonnieren hat sich damit für mich für's Erste erledigt).

Rentner, gebt das Wahlrecht ab! Und den Führerschein gleich mit. Denn für beides gilt: Die Alten gefährden die Jungen. Was wir brauchen, ist eine Epistokratie der Jugend.

Schon in diesem Anriss wird der Unsinn offenbar.
Die Forderung der Partei DIE PARTEI, das Wahlrecht nach oben zu begrenzen, habe ich noch als Satire und guten Witz verstanden

Was Johanna Roth aber in ihrer Kolumne fordert, ist eine Entmündigung der Älteren. Hat sie den Witz von Nico nicht verstanden?
Erinnert doch etwas an den Menschen, der auf dem Sterbebett einen Mitgliedsantrag der SPD ausfüllt "Besser, es stirbt einer von denen als einer von uns".

Wenn Wähler derart dumm sind, nur aus Eigeninteresse zu wählen ist Demokratie natürlich sinnlos. Das unterstellt Roth aber

Wer jung ist, wählt die Grünen, weil er*sie ein Bewusstsein für den Klimawandel überhaupt nur bei diesen sieht. Weil er*sie weiß, was auf dem Spiel steht. Und vor allem: Weil er*sie selbst davon betroffen ist. Ein bis zwei Generatio­nen davor rennen dagegen dem Narrativ der Union hinterher

Daß auch die Grünen vor allem im Namen Umweltschutz stehen haben, sei nur am Rande erwähnt.
Die Kompetenzzuschreibung der Wähler ist nicht ganz so einfach und hat nur bedingt mit erwiesener oder Kompetenz laut Wahlprogramm zu tun — das echte Wahlverhalten ist dann noch einmal eine andere Geschichte. Das sollte sie eigentlich wissen. 

Die Teilung ist auch inhaltlich Unsinn. Ältere sind ja nicht bescheuert (wie Roth einige Abschnitte später nahezulegen scheint) und daß sie gegen die Zukunft ihrer Kinder und Enkel stimmen würden ist auch Blödsinn.
Das Problem sind nicht diejenigen, die wählen, sondern die, die zur Wahl stehen. Die GroKo ist, wie schon lange bekannt, eine Gefahr für die Demokratie im Land. Sie wurde zuletzt klar abgewählt — und regiert trotzdem weiter. Das ist natürlich ein Skandal und Zeichen eines unsäglichen Demokratieverständnisses der ehemaligen Volksparteien (und der FDP). Daß ist sicher auch einer der Gründe für den Aufstieg der Grünen. Dazu kommt natürlich, daß CDU/CSU/SPD es nicht einmal schaffen, ihre eignen Zusagen einzuhalten, auch beim Thema Klimawandel.

Für diese Politik verlieren diese Parteien seit Jahren Stimmen, auch an das Lager der Nicht-Wähler.
Vor allem die SPD hat dabei spätestens seit Schröder eine Umorientierung erfahren, die im politischen Gefüge der Bundesrepublik ein Vakuum hinterlassen hat. Es gibt keine Partei mehr, die sich primär sozial versteht. Es gibt keine Partei für die kleinen Leute mehr. Seit dieser Zeit wurde die SPD als Hoffnung gewählt. Der Wähler hoffte, die Partei würde sich besinnen, zuletzt manifestierte sich das in der Person Martin Schulz und die Reaktion darauf war Andrea Nahles. Was gebraucht würde wäre eine neue Partei, die soziale Inhalte vertritt, eine Partei in der Tradition Willy Brandts, die aber natürlich auch die Aufgaben der Zeit (Klimawandel, USA, Nord-Süd-Konflikt) selbstbewußt angeht. Die Linke war Hoffnungsträgerin, doch hat sie es nicht geschafft, den Ballast als SED-Nachfolgepartei loszuwerden. Gleichzeitig hat die Linke ein Personalproblem. 

Man sieht: ich sehe das Problem nicht bei den Wählern, schon gar nicht in einer Spaltung der Gesellschaft. Die Spaltung existiert, aber an ganz anderen Linien: Ost gegen West und arm gegen reich — dazu droht, daß sich die Bildungsmisere immer stärker auswirken wird. Wenn man auch bildungspolitisch kaum aus dem Rektum der Industrie heraus kommt werden Bildungsziele notwendig sehr schräg sein.
Das Problem besteht vor allem in wählbaren Alternativen zu dem Einheitsbrei, die — und jetzt wird's schwierig — auch noch glaubwürdig sind.
Grüne, die Kohleausstieg boykottieren und Angriffskriege führen werden aus Verlegenheit und nicht aus Überzeugung gewählt. Da sollten sich auch die Grünen nichts vormachen. Die SPD befindet sich in Agonie — ob sie je schaffen wird, erneut Glaubwürdigkeit zu erlangen? Die nächsten Jahrzehnte dürfte sie froh sein, die 10% zu überschreiten. Die CDU nun hat durch ihren Schwenk unter Merkel die Rechte, die früher durch Dregger und Konsorten vertreten war, verloren. Das Verdienst der CDU, eine demokratische Rechte zu sein, ist verloren und auch dem haben wir die Blau-Braune AfD zu verdanken.

Wir haben eine Parteienkrise. Volksparteien wären nötig, um die Probleme der Zeit demokratisch unter den Vorzeichen "Bewahrung der Schöpfung" für christlich orientierte Politik und "Soziale Gestaltung unserer Gesellschaft" zu beleuchten. Stattdessen werden immer neue Gräben gezogen, die von Problemlösungen abhalten — und vom Versagen der etablierten Parteien ablenken.

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