lautenist

Nationale und kulturelle Identität

Diskussionen mit Rechten sind oft schwierig. Typisch ist, daß eine Aussage gemacht wird, die empört und natürlich infrage gestellt wird. Darauf reagieren Rechte nicht mit Argumenten sondern mit einer Flut weiterer Aussagen, die man erst einmal entkräften soll. Eine solche Gesprächsführung ist ermüdend und führt zu nichts. Ich hatte schon ausgeführt, daß ich Gespräche dieser Art für sinnlos erachte.

Nun habe ich mich zu später Stunde doch verleiten lassen, noch einmal zu diskutieren. Vor allem, weil mich der Bezug zum Dalai Lama befremdlich dünkte.

Ausschnitt aus der Diskussion.
Ausschnitt aus der Diskussion.

Die gesamte Diskussion kann man auf Facebook anschauen, wenn man mag.
Die Phrasendrescherei wird schnell deutlich. Schon im angerissenen Ausschnitt wird die "christlich-abendländische Prägung" bemüht, die der Dalai Lama sicher nicht im Sinn hatte. Die Landesverfassung von Baden-Württemberg dürfte ihm ziemlich fremd sein. Also wird die Interpretation einer Aussage mit der Interpretation einer Aussage begründet. Ein paar große Namen dazugemengt und dann muß der Gegenüber beeindruckt sein. Wunderprächtig! Bin ich aber nicht. Die Argumentation geht immer so weiter und dreht sich im Kreis. Ich erfahre weder, was Deutschland nun ausmacht, weder für den Dalai Lama noch für den Diskutanten, noch was der Migrationshintergrund mit der Steuerlast zu tun hat. 

Der Dalai Lama hat das übrigens so nie gesagt, bzw. er widerspricht dieser  Interpretation der Aussagen entschieden. Ich hätte mich auch sehr gewundert, eine derart menschenverachtende Aussage des Dalai Lama zu finden.

Interessant könnten vor diesem Hintergrund aber Gedanken zur nationalen und kulturellen Identität sein. 

Der Nationalstaat ist nichts gottgegebenes, sondern entstand im 19.Jahrhundert als Reaktion auf die napoleonischen Kriege. Das in viele Fürstentümer zersplitterte Heilige Römische Reich (welches faktisch kaum noch Bedeutung besaß. Warum Franz auch bereitwillig auf diese Krone verzichtete) war kein Gegner für Napoleons Militärmacht. Die Intellektuellen versuchten daraufhin, Deutschland zu bestimmen. Wie sie das taten und was dabei herauskam spielt eigentlich keine große Rolle. Wichtig ist nur, daß es sich dabei um einen erfundenen Begriff handelt. In jeder Begriffsbestimmung. Folglich ist natürlich auch eine nationale Identität nichts gottgegebenes, sondern wurde erschaffen. Was macht einen Deutschen aus? Da gibt es viele Clichés und Vorurteile. Man versucht heutzutage gerne, das statistisch zu erfassen. So kam bei einer Erhebung der Zeit Volkswagen auf den ersten Platz, Bach, Currywurst, Goethe, die Nationalmannschaft etc. werden ebenfalls genannt.
Diesen Zugang zur nationalen Identität verulken Mundstuhl wunderbar anläßlich einer WM

Ich habe keinen Zugang zu der Frage gefunden, der den Begriff wirklich definiert. Er ist für alle halbwegs seriösen Erhebungen eine Bestimmung in Zeit und Raum und damit wandelbar.
Es sollte offensichtlich sein, daß die "Bewahrer" damit auf Sand argumentieren. Etwas, was per se dem Wandel unterliegt kann ich nicht einfrieren in Raum und Zeit. 

Daß es einen unbestimmten Begriff von Deutschland auch vor der Gründung des Deutschen Reiches 1871 gab, bestreite ich nicht. Hier wird es spannend: was hat dieses Gefühl ausgemacht? Die Sprache? Dänen, Polen und Franzosen im Deutschen Reich empfanden deutsch wohl eher als etwas, was sie ausgrenzte. Österreicher und Schweizer dagegen fühlten sich kaum als Deutsche. Trotz gleicher Sprache. Andere Traditionen? Schwierig, weil sich Traditionen quer durch das Deutsche Reich oft stark unterscheiden. Doch schon im Simplicissimus wird "teutsch" im Titel angegeben — auch Lautenbücher der Renaissance sprechen von "deutsch" in Musik und Titel. Dieser Begriff bleibt in der Geschichte aber genauso unbestimmt wie in der Gegenwart. Eine Ansammlung von Attributen, die sich aber — und das ist wichtig — in der Zeit immer wieder geändert haben. 

Zusammengefaßt läßt sich feststellen, daß der Begriff der nationalen Identität eine Sammlung von Attributen umfaßt, die in Raum und Zeit wandeln — man kann es vielleicht als eine Art lokalen Zeitgeist verstehen.
Inwieweit der Begriff in globalisierten Zeiten noch sinnvoll anwendbar ist bleibt offen. Jedenfalls ist er als Mittel der Ausgrenzung nur geeignet, wenn man den rassische Elemente mit einfließen läßt, also "den Deutschen" bestimmt. Irgendwie muß das rassisch geschehen. Dann bewegen wir uns im Gedankengut des ausgehenden 19. und beginnenden 20.Jahrhunderts, in dem die Menschen in Rassen eingeteilt wurden. Eine Denke, welche die Nazis in extremo betrieben.
Folglich also Forderungen wie Deutschland den Deutschen rassische und völkische Ideen transportieren, die mangels Bestimmbarkeit der verwendeten Begriffe absoluter Humbug sind. 

Kulturelle Identität erweitert das Bild, indem die Nation als Kulturgemeinschaft verstanden wird. Kulturelle Identität ist nämlich die Zugehörigkeit zu einer kulturellen Gemeinschaft.
In der Regel bezeichnet man damit das Verhältnis eines Individuums zu einer Gemeinschaft, die wiederum durch die zugehörigen Individuen geprägt wird. In etwa wie ein Verein. Aber im Unterschied zu einem Verein ist die kulturelle Identität größer gedacht. Während man mehreren Vereinen angehören kann hat man nur eine kulturelle Identität.
Diese nun national gedacht unterstellt eine deutsche Kultur. Wie oben schon deutlich geworden sein sollte ist auch dieser Begriff eine Sammlung von statistisch ermittelbaren Attributen, die sich im Zeitverlauf ändern. Darum ist es Quatsch, diese kulturelle Identität von Flüchtlingen oder Migranten bedroht zu sehen. Vielleicht ändert sich die deutsche kulturelle Identität — das tut sie ständig! Als ich ein Kind war, gab es irgendwo im entfernten Frankfurt einen McDonalds. Und für eine Pizza mußte man auch eine halbe Stunde fahren. Döner an jeder Ecke gab es auch nicht. Griechische oder Balkan-Restaurants waren langsam erst im Kommen. Das sind nur augenfällige Erweiterungen und Ergänzungen dessen, was unsere Kultur ausmacht. Gegen solche Änderungen anzukämpfen ist in den meisten Fällen sinnlos, egal, ob sie durch Einwanderer entstanden oder Mutationen deutscher Folklore sind (wie das Radlerbier oder — oh Graus! — der Süßgespritzte!). Traditionen zu bewahren ist häufig positiv — Traditionen vereinfachen das Leben und bringen Struktur hinein! Aber Änderungen gehören zu unserer Kultur und sind Bestandteil unserer kulturellen Identität.
Was bedeutet also, wenn es Gruppen gibt, welche irgendeine deutsche Kultur behaupten und Einwanderern unterstellen, sie passten da nicht hinein? Im Fall der AfD oder von Pegida wird außerdem ist dieses Bild noch dazu recht fraglich — ich wollte nicht in einem solchen Deutschland leben. Im besten Fall kann man annehmen, diese Menschen wollen ein als angenehm empfundenes Lebensgefühl bewahren und vor als schädlich empfundenen äußeren Einflüssen schützen. Die Generation meiner Großeltern empfand Pizza, McDonalds und Döner als fremd und lehnten sie ab. Schon Jazz war Negermusik, Rock oder Funk und was es alles für Spielarten der Populärmusik gab wurde abgelehnt. Andere Ergänzungen oder Variationen der lokalen Kultur wurden erfreut aufgenommen (zum Beispiel im hiesigen Hessen-Nassau das Weizenbier, das zwar hier erfunden wurde, aber im Nachkriegsdeutschland hier nicht verbreitet war). Also prinzipiell handelt es sich dabei um eine konservative Einstellung, die man durchaus akzeptieren kann.
Doof wird es, wenn man den Begriff der deutschen Kultur zur Ausgrenzung verwendet (Du ißt kein Schnitzel? Du gehörst also nicht dazu). Nach dem Krieg kamen Flüchtlingen aus der damaligen CSSR, dem vormaligen Egerland in unser Dorf. Die waren anders! Es dauerte Jahrzehnte, bis sie im Ort akzeptiert wurden. Und noch davor kamen Landarbeiter aus der Gegend von Fulda, um bei der Ernte zu helfen. Im lokalen Dialekt werden sie Fulder genannt — was auch als Schimpfwort für grobe, ungehobelte Menschen benutzt wird. Ja — Ausgrenzung ist nicht neu. Sie ist aber immer noch genauso dumm. 

Error

default userpic

Your reply will be screened

Your IP address will be recorded 

When you submit the form an invisible reCAPTCHA check will be performed.
You must follow the Privacy Policy and Google Terms of use.