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Žižek: Ideologie und -ismen

Ich persönlich finde die ganzen -ismen überflüssig und vor allem Ausdruck einer gewissen Denkfaulheit.
Populismus ist auch so ein Begriff, der fast schon aus Klöckners Schmiede stammen könnte: soll aussagen, man redet dem Volk nach dem Mund. Aber was bedeutet das dann in einer Demokratie?
Und der olle Patriotismus, der vaterländische Gesinnung oder Vaterlandsliebe bedeuten soll - was soll uns das sagen? Bin ich Nassauer? bin ich Hesse? Bin ich Europäer? Und was bedeutet das überhaupt? Biologisch irgendwie irgendwas? oder geht es um den Pass?
Patriotismus als solches ist also ein Sammelbegriff für irgendwas Positives, was man mit einem unbestimmten Begriff (Vaterland) verbindet. Klar läßt das Raum für eine Interpretation des Begriffs, wie ihn der aus Slowenien stammende Philosoph Slavoj Žižek hier gibt:
“Why should the Left automatically accept this idea that patriotism is bad? Patriotism means for me that you have great trust in the greatness of your nation, for example what Angela Merkel did: accepting one million refugees, this is true patriotism: trusting in the greatness, tolerance, productivity of Germany.”
On this he goes for checkmate: “My point is to label anti-immigrant populists as non-patriotic. They don’t trust their own nation. How can you believe like Trump in American greatness, if when a couple of thousand refugees are approaching your border you proclaim a state of emergency?”

Ideologie ist Thema des unten stehenden Interviews , wobei sein Begriff der Ideologie eher die Bewertung von Begriffen und deren Attributen meint. Das passt meistens, aber nicht immer. Für ihn ist Ideologie wie eine Schublade, die mit Begriffen und den Begriffen zugeordneten Attributen gefüllt ist.

Trotzdem sind seine Ideen inspirierend und er ist einer der wenigen Philosophen der Gegenwart, welche einige grundlegende Probleme erkannt haben: die Entpolitisierung der Politik, die Macht der Wirtschaft, Globalisierung, political Corectness, mangelnde Wahlmöglichkeit bei Wahlen, ...

Die Idee, die Maske zu entfernen und dadurch zum Kern der Dinge zu kommen ist philosophische Methode. Bevor wir etwas bewerten müssen wir es verstehen. Um es zu verstehen brauchen wir einen Begriff davon. 

Das Problem ist, daß wir in einen infiniten Regress geraten, wenn wir von Produkten die Maske entfernen und sich darunter die Werbebotschaft offenbart, die aber natürlich auch wieder Ergebnis der Produktionsprozesse sind. Diese Produktionsprozesse sind wiederum ein Ergebnis eines Wirtschaftens, was wiederum auf der Verfasstheit unserer Gesellschaft gründet, die wiederum auf der Geschichte gründet etc.
Nun kann es mehrere Pfade geben, die sich uns offenbaren. Es ist nicht nur die Werbebotschaft, die in einem Produkt steckt. Dahinter stecken Ökologie, Soziale Probleme und ganz viele andere Themen können sich offenbaren, je nachdem, mit welchem Erkenntnisinteresse ich die Maske lüfte.

Wichtig und richtig ist aber, die Maske zu lüften — oft findet man darunter ökonomische Interessen, bei politischen Parteien oft Machtinteressen, bei Personen oft Selbstdarstellung in verschiedene Formen. All das kann man weiter analysieren. Wichtig ist dieser quasi chirurgische Ansatz, um etwas möglichst frei von Vorurteilen vor sich liegen zu haben, welches man dann anhand von Kriterien, die man mit analoger Methodik entwickelt hat zu bewerten. 

Nun stelle man sich vor, das sollen wir in jedem Fall und immer machen. Das würde uns überfordern. Daran sind die 68er gescheitert. Vorurteile haben den Vorteil, daß sie das Leben einfacher machen und sie müssen nicht hinterfragt werden. Traditionen funktionieren genauso. 

Es geht also letzten Endes um Erkenntnisinteresse — nur etwas, von dem ich mir eine Verbesserung des Lebens erwarte lohnt der Analyse. Nur dort lohnt es sich, die Zwiebel zu schälen.
Diese Zwiebel ist aber immer nur ein Teilbereich. Husserl nennt sie Lebenswelt (oder bei A. Gehlen Institution), in anderen Zusammenhängen wird der Begriff soziale Rolle dafür gebraucht etc.
Machen wir uns nicht die Mühe, die Zwiebel zu schälen, also zu analysieren leben wir eine Rolle, in einer Funktion,  ... immer in einem vorgegebenen Rahmen, in dem uns die Last der Analyse und Verortung genommen ist. Aber auch Freiheit und Wissen. Wir sind gefangen in einer Lebenswelt (Husserl).


Ein Gedanke, den ich in diesem Zusammenhang noch verfolgen will ist:
Der Erfolg des Patriotismus beruht auf der Vorstellung, das Vaterland sei fürsorglich, es kümmere sich um einen. Als Kompensation quasi kann es von uns erwarten, ihm zu dienen.


Ein weitere Gedanke geht um Erkenntnis und Interesse:
Wenn Žižek also davon spricht, Ideologie zu eliminieren macht er nichts anderes als eine Ideologie zu etablieren. Sein grundlegender Ansatz ist also eine Tautologie und dadurch, daß es unmöglich ist, eine Letztbegründung zu finden auch unmöglich, wenn man das Falsifikationsprinzip durchziehen will (Zizek glaubt an eine Letztbegründung a la Descartes: Keine gültige Erkenntnis ist möglich, wenn ich die Möglichkeit einer gültigen Erkenntnis infrage stelle, cogito ergo sum. Descartes verortet die Möglichkeit zu Erkenntnis im erkennenden Subjekt. ). Das, was Žižek Ideologie nennt und die darunter liegenden Begriffe existieren halt einfach a priori. Nichts Neues unter der Sonne also.
Als Psychologe eher ungewöhnlich, nicht auf statistische Empirie zu setzen.



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