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Moderne Hexenjagden

Egal ob Vorwürfe gegenüber Michael Jackson, er hätte Kinder sexuell mißbraucht, oder Emil Nolde, er sei Antisemit und Nazi gewesen: Vorwürfe gegen verstorbene Künstler (sofern man Michael Jackson so nennen darf) werfen immer wieder die Frage auf, inwieweit sich der Wert einer Kunst mit dem Schaffenden identifizieren läßt.
Finanziell ist das auf jeden Fall so, wie der Fall eines über Jahrhunderte kaum beachteten Werkes zeigt, welches plötzlich dreistellige Millionenbeträge wert sein soll, seit es Leonardo da Vinci zugeordnet wird.

Leonardo? Gekauft für $ 12.000, nach der Zuschreibung zu Leonardo wird es auf über 100 Millionen geschätzt
Leonardo? Gekauft für $ 12.000, nach der Zuschreibung zu Leonardo wird es auf über 100 Millionen geschätzt

Der Unterschied zwischen dem Wert des Bildes und dem Namen Leonardo da Vinci macht also den Wert aus.
Man kann diese "Beurteilung" auch in der Musik finden — schon im Barock gibt es viele Fälle, in denen versucht wurde, mittelmäßige bis schlechte Musik dadurch aufzuwerten, daß ein großer Name über die Komposition gesetzt wurde. Es war und ist für viele undenkbar, daß auch Bach oder Mozart einmal einen schlechten Tag hatten.
Basierend auf dem gleichen Prinzip kann Mercedes (und andere Marken analog) einen Aufschlag auf seine Karossen verlangen, der weder durch Funktion noch Qualität gerechtfertigt ist.
Hier offenbart sich eigentlich eine grandiose Schwäche der Beurteiler: wesentlich für die Beurteilung ist das Versprechen und nicht die Wirklichkeit. Dabei bewegt sich die Beurteilung von vorne herein auf einem anderen Niveau. Sozusagen die 100 Millionen, die Leonardos Name wert ist, finden sich genau so auch in der Beurteilung eines Mercedes. Man kann das (und tut es auch) mit dem Begriff "Marke" umschreiben.
Was von dieser (quantitativen) Beurteilung zu halten ist, ist offensichtlich. Und ich finde es erschreckend, wie bedeutsam eine Größe wie der Ruf für das Wirtschaften im Kapitalismus ist. Außer für die Preisbildung wird anhand von Ruf und Gewinnerwartung der Wert eines Unternehmens bestimmt.

Michael Jacksons Hang zu Kindern war hinlänglich bekannt, auch wenn er, wahrscheinlich dank großzügiger Zahlungen, nie verurteilt wurde.
Michael Jackson ist eine Person, die wahrscheinlich die meisten von uns noch erlebt haben und die genretypisch auf eine große Fangemeinde zurückgreifen kann, die sie verteidigt. Das Skandalpotential ist hoch. Doch ist die Skandalisierung angebracht?
Im Umfeld der Pop-Musik ist die Identität von Musik und ihrer Darbietung natürlich sehr ausgeprägt und die Kunst eines Michael Jackson ist kaum von seinen Darbietungen zu lösen. Nun läge doch nahe, ob auch unter diesen Bedingungen für die Interpretation seiner Kunst seine Persönlichkeit, und innerhalb seiner Persönlichkeit, seine vielleicht vorhandenen Tendenzen zu Pädophilie, überhaupt eine Rolle spielen.
Da das offensichtlich nicht der Fall ist (seine infantilen Tendenzen lassen sich alleine schon aus seiner Kindheit erklären und aus einer amerikanischen Kunstauffassung, die stilisierte Darstellungen nicht abwertet wie ich es spontan mache) geht es ausschließlich noch um eine charakterliche Beurteilung eines Menschen ohne deutlichen Bezug zu seiner Kunst und in Folge um die Frage, ob da Rufmord betrieben wird — und warum.  

(ich mag bei Michael Jackson übrigens die Verulkungen besonders. Hier von Weird Al)

Ein anderes Kaliber ist Emil Nolde. Ein führender Expressionist, der besonders durch seine Farbwahl bekannt wurde.

Emil Node: Christus der Unterwelt, Sammlung des Städels
Emil Node: Christus der Unterwelt, Sammlung des Städels

Dadurch, daß er in der Ausstellung "entartete Kunst" aufgenommen wurde und nach dem Krieg seine Biographie geschönt hat und von einem Malverbot während des 3.Reiches sprach, das aber nicht existierte, galt er als politisch unverdächtiger Künstler. 

Nachdem nun durch neue biographische Forschung bekannt wurde, daß er bis zuletzt glühender Anhänger des Nationalsozialismus und Antisemit war, wurde eine 

gradezu hysterische Neubewertung Noldes vorgenommen. 

Doch ist es so, daß Nolde "kontaminiert" ist?  Oder platt gesprochen: Verändert es die Bewertung der Werke Noldes, wenn wir nun wissen (statt nur vermuten), daß Nolde ein Nazi ist?

Koldehoff meint, man könne den Maler nicht von seiner Kunst trennen, da er seine Motive neu an der NS-Ideologie ausgerichtet hätte und sich innerhalb des 3.Reiches als antisemitischer Maler vermarktet hätte. 

Das sind allerdings alles keine neuen Erkenntnisse. Lediglich die Beschönigungsversuche sind nun als Lüge entlarvt.
Daß er meinte, er könne nun keine Juden mehr malen (also biblische Szenen) offenbart ihn als moralisch verwerflichen Menschen. Es ist aber nicht so, daß Nolde plötzlich zum Antisemit und Nazi wurde.
Daß er in dieser Zeit seinen Antisemitismus auch künstlerisch ausleben durfte und er das auch ausgelebt hat, indem er seine Themen an der herrschenden Ideologie ausrichtete, stellt für mich aber eine andere Frage: wenn die Ideologie in Noldes Werk über nunmehr ca. 80 Jahre hinweg nicht erkannt wurde, obwohl er sie grade in den 30ern und 40ern offen zur Schau stellte und sich gegenüber den Nazis genau dafür lobte, warum braucht es erst die biographischen Informationen, um die Ideologie im Werk zu erkennen?
Und was bedeutet es allgemein für die Beurteilung von Kunst, wenn blonde Menschen und Heldenszenen als nationalsozialistisch beurteilt werden? Im Prinzip haben wir hier doch nichts anderes als wir es beispielsweise in der Musik Richard Wagners wiederfinden. Und bei Wagner ist die Ideologie offen künstlerisches Konzept. Hitler war nicht umsonst glühender Verehrer Wagners. 

(ab T=180 oder Minute 3 des Videos)

oder, politisch korrekter

Inwieweit ist Noldes politische Gesinnung also relevant für die Beurteilung seiner Werke — einige Beispiele. 

Schwierig, den Nazi und Antisemiten in dem Werk zu finden, oder?
Daß die Kanzlerin in ihrer Funktion einen bekennenden Nazi aus dem Kanzleramt verbannt ist dennoch für die meisten nachvollziehbar.
Es ergibt sich also eine Relevanz, die sich aus dem Kontext ergibt. Dieser Kontext ist aber unabhängig vom Werk und beruht auf der Konvention "mit Nazis will man nicht in Verbindung gebracht werden".
Wo ist der Unterschied zu Michael Jackson? Oder Wagner? Was macht es unmöglich, Nolde im Kanzleramt hängen zu haben, aber als Kanzlerin munter zu einer Aufführung des Ring nach Bayreuth zu pilgern?
Ich empfinde ein Werk als ein Kind des Künstlers: er gibt viel von sich in sein Werk hinein, doch sobald das Werk in der Öffentlichkeit ist, sobald es das Licht der Welt erblickt hat ist der Schöpfer des Werkes nur noch eins von vielen Teilen der Werkbiographie. Diese entwickelt sich unabhängig vom Schöpfer weiter und besteht aus Daten wie beispielsweise den Eigentümern, aber auch Wertungstraditionen sowie der ganz individuellen Wertung des Betrachters. All diese Attribute tragen zur Interpretation bei. Welche Attribute nun wie gewichtet werden sagt nun mehr über den Wertenden als über das Werk selbst aus.
Und berücksichtigt unterschiedliches Bildungsniveau — wer mehr über ein Werk weiß, kann und wird mehr Attribute in seine Wertung einfließen lassen. 

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