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Träume

Mein digitales Tagebuch scheint zuletzt vor allem aus einer engen Abfolge von Ausflügen mit Fotodokumentation, Erinnerungen an Gelesenes und Meinungen zum Tagesgeschehen zu bestehen. Persönliches habe ich kaum erwähnt. Vielleicht sollte ich so etwas auch wieder ab und an hier unterbringen, damit ich beim Lesen in vielen Jahren ("hohoho") milde darüber lächeln kann, wie ich denn damals drauf war. Für solche Einträge werde ich wohl den Tag "Seelenstriptease" einführen. 

Ich hatte bereits in der Schweiz geplant, den Herbst und Winter zur Orientierung zu benutzen und dann ab Frühjahr umzusetzen, was ich so alles geplant hatte und den Sommer dann vor Allem zum Relaxen zu benutzen bevor ich im Herbst dann wieder ans Planen ginge.
Das habe ich im Großen und Ganzen gemacht. Viel hing mit der Gestaltung meines (physischen) Umfeldes zusammen, was langsam abgeschlossen ist. Der Garten ist noch nicht ganz fertig, sollte aber in allernächster Zukunft nutzbar sein. Das war ein großes Projekt: Die ursprüngliche Planung sah eine große Wildwiese vor mit einem Sitzplatz und Feuerstelle am Rand. Die Wiese wurde im Verlauf der Planung etwas kleiner (es sind immer noch knapp 100qm Wildwiese) und die Feuerstelle rückte etwas vom Rand weg. Einige Bäume und eine kleine Kräuterecke entstanden. Eine verbuschte Zone für Igel und als Nistgelegenheit für Vögel folgt wahrscheinlich im Herbst oder nächstes Frühjahr.

Gartengestaltung - ganz am Anfang ...
Gartengestaltung - ganz am Anfang ...

Recht spannend sind Anpassungen im Lebensrhythmus, die ich nur teilweise erwartet hatte. Es hat sich herausgestellt, daß es gut war mir die Zeit zu nehmen und einzuplanen, daß ich einiges neu arrangieren müßte, was den Alltag anbelangt. Dabei geht es größtenteils um ganz banale Sachen wie das Einkaufsverhalten oder wann ich Wäsche wasche oder wie ich den Tag strukturiere. Das passt sich im Laufe des Lebens sowieso immer wieder mal an, doch bei einem großen Umzug ist es natürlich mehr als wenn ich nur von Straße a nach Straße b ziehe.

Ich werde immer wieder auch auf die Stellensuche angesprochen. Ich war ja in der Schweiz schon überrascht, wie gut die Reaktion auf meine Arbeitssuche war. Und anfangs war ich hier auch sehr mit Vorstellungsgesprächen beschäftigt. Problematisch war, daß die meisten Stellen auf "Leben im Hotel" hinauslaufen würden — oder ständig wechselnde Einsatzorten (Body leasing), was ich nicht mehr machen will. In einigen Fällen wurden wohl jüngere oder billigere Kandidaten bevorzugt.
Da ich sowieso eher überrascht über das Angebot war (ich hätte nicht erwartet, in meinem Alter überhaupt noch Angebote zu bekommen) finde ich kein Drama, nun keine Stelle bekommen zu haben. Langeweile habe ich jedenfalls keine und auf absehbare Zeit dürfte auch keine Aufkommen.
Finanziell komme ich mit dem Ersparten hoffentlich über die Runden, bis ich auch regulär in Pension gehen kann. Es gibt natürlich immer Unsicherheiten — es kann viel passieren! Doch das kann es immer und bis jetzt geht meine Rechnung grob auf. Teurer als erwartet ist vor allem die Krankenkasse, die astronomisch hohe Beiträge nimmt, günstiger ist der Anteil, den ich für Mobilität und den Ausgang aufwende. 

In Deutschland hatte ich gehofft, alte Freunde zu reaktivieren und bin davon ausgegangen, daß die meisten von uns nun in der Situation seien, daß die Kinder langsam aus dem Haus sind und eigentlich nur ein Schups von außen fehlt, um etwas zu unternehmen, seien es Ausflüge, um sich etwas anzuschauen, auf Konzerte oder ins Theater zu gehen — die ganze Platte. Da bin ich also dran, habe aber noch lange nicht geschafft, alle auch nur zu kontaktieren. Natürlich hat niemand auf mich gewartet, aber es ist schon ermüdend und ernüchternd, was für ein Aufwand notwendig ist, um unsere Generation noch vom Sofa runter zu bekommen (nicht, daß ich nicht auch viel zu oft auf einem Sofa abhänge).

Ein bißchen Selbstreflexion ....

Schon interessant: den halben Winter über handelten meine Träume fast nur vom Tod. Vom Sterben und dem Weg dahin. Dann, als es wärmer wurde, kamen Erinnerungen an Freunde und Freundinnen der Jugend. Nicht die engen Freunde, sondern eher Freunde am Rand. Mit denen ich zu tun hatte und die ab und zu dabei waren, aber nicht zum "engeren Kreis" gehörten. Und jetzt normalisiert sich das irgendwie wieder. Wobei ich noch nicht so wirklich sagen kann, was "normale Träume" bei mir bedeutet.
Heute war es eher deprimierend und handelte eigentlich vor allem darum, wie alle Menschen danach zu streben scheinen, besser zu sein als andere. Das ist auch mir nicht fremd, klar! Aber bei den meisten scheint es sich so zu äußern, als fühlten sie sich nur besser, indem sie andere kleiner machen. Seltsam konkret gingen mir Gesprächsfetzen durch den Kopf — beim Aufwachen dachte ich noch, wie bescheuert es doch ist, so zu sein, weil man ja selbst nicht besser oder schlauer oder was auch immer man sich gern positiv auf die Fahnen schreiben würde, wird, indem man sich mit jemand anderem vergleicht. Es gibt immer jemand besseren — und fast immer jemand schlechteren. Und selbst diese Benennung ist schon unangemessen, denn "gut", "besser" oder "schlecht" sind immer nur Setzungen in einem Bewertungssystem, das selten objektiv ist.
Auch im Traum kam mir der Gedanke, daß viele ein Instrument spielen, um daraus Selbstvertrauen zu ziehen. Selbstsicherheit erwerben oder was auch immer. Für mich dagegen war es zunächst einfach eine intime Ausdrucksform. Und wenn ich noch so mies spielte waren es meine Gefühle und nicht in Worte zu fassende Gedanken, die mich mit meinem Geklimper verbanden. Das ich im Wettbewerb mit anderen stehen könnte war mir fremd. Das waren eigentlich die glücklichsten Tage mit meinen Instrumenten und meiner Musik.
Irgendwann gab es immer mehr, die gut fanden, was ich machte — und andere, die es total Kacke fanden. Da war man dann in der Beurteilungswelt drinnen und plötzlich wuchs in mir der Anspruch, "gut" zu spielen. Und schon nahm das Drama seinen Lauf. Natürlich bringt es Befriedigung, wenn man das Gefühl hat, etwas "gut" zu machen. Es gehört aber auch eine gehörige Portion Ignoranz dazu, all die und all das zu ignorieren, was nicht gut ist — oder wo andere besser sind. Das mag ja noch angehen, doch sehr schnell landet man in dieser Konkurrenzsituation, in der es vielen nicht mehr darum geht, das Schöne zu genießen sondern darum, denjenigen, der schlechter ist, herabzuwürdigen.
Schon vor vielen Jahren stieß mir übel auf, daß ein in der Lautenszene bekannter Künstler genau die Anzahl Fehler, die Hoppy in einem Konzert spielte, nennen konnte. Ich konnte nie verstehen, warum jemand in ein Konzert geht, wenn er offenbar vor allem auf die Fehler achtet. Darum habe ich Konzerte gemieden, bei denen ich die gespielte Musik zu gut kannte, da ich dort dann die Fehler hören würde, ich aber für schöne Musik und nicht zum Fehler hören auf ein Konzert ginge. Vielleicht war das aber auch eine Form des Minderwertigkeitskomplexes? Der Mensch mußte vielleicht Fehler bei anderen zählen um sich selbst nicht bedauernswert schlecht zu finden?
Wenn ich diesen Traum also analysiere komme ich mal wieder darauf, wie lächerlich ich selbst doch bin: es wäre ja noch okay zu sagen, ich finde Beurteilen und Bewerten doof. Das klingt ehrenvoll. Tatsächlich finde ich das wohl schon doof, solange solche Beurteilungen negativ sind, aber bewundert und gelobt werden will ich. Dummerweise geht beides nur zusammen. Und wenn ich mehr kritisiert als gelobt werde sollte ich irgendwann wohl lernen, daß ich etwas falsch mache.
Daß ich oft das Gefühl habe, kritisiert zu werden (oder auch nur verdientes Lob vorenthalten zu bekommen), wo andere überschwänglich bejubelt werden, ist ja nur unqualifiziertes Herumgejammer. Meine Wahrnehmung kann vollkommen falsch sein. Außer wenn es um "hübsche" oder "süße" Mädels geht — die werden tatsächlich oft total unverdient übern Klee gelobt. Da bin ich 100% von überzeugt.

Wenn es also mehr Kritik als Lob an meinem Geklimper gibt bin ich offenbar zu weit gegangen und hatte das Gefühl besser zu sein als ich eigentlich bin, heißt: mich einem Publikum zu präsentieren, das vor allem kritisiert. Ich habe mir also vorgenommen, mich dort zurückzunehmen, öffentlich wenn, dann nur noch im kleinen Rahmen aufzutreten und Musik rein für mich alleine zu machen. Dann kann ich milde über die ungebildeten Tropfe lächeln, die Dowland, Reusner oder Weiss nicht mögen oder die meinen, die Anzahl Töne pro Zeiteinheit sei gleichbedeutend mit "Können" oder die arme, abgerichtete Kinder toll finden, denen ihre Kindheit genommen wird, um möglichst schnell Paganini zu spielen etc. *zwinkersmilie" ;-)  
(für die, die es nicht verstehen: was ich da mache ist dann ja zu beurteilen — also das, was ich so verwerflich finde, wenn man es mit mir macht. Was im Zusammenhang mit meinem heutigen Traum allerdings die bittere Note hatte, daß ich eigentlich nur von außen be-/verurteilen kann, von "innen", also wenn ich jemanden als zu mir gehörig betrachte, dann geht das nicht mehr. Wenn also Freunde oder Verwandte das tun muß man sich fragen, wie nah sie einem eigentlich sind)



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