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Buchbesprechung: Rabenringe - Odinskind

Eigentlich bin ich ja kein großer Fan von Fantasy-Büchern. Ich mag Neil Gaiman, ja! Und Die Nebel von Avalon habe ich auch sehr gerne gelesen, einige Filme des Genres sind ganz unterhaltsam. Doch die meisten Autoren scheinen mir einen Baukasten zu benutzen, der eher zu Bullshit-Bingo einzuladen scheint als zum Eintauchen in fremde Welten.
Insofern war es eine große Ausnahme, daß ich mir den ersten Band Odinskind der Rabenringe-Triologie von Siri Petterson zugelegt habe.

Die hervorragenden Rezensionen habe ich erst hinterher gelesen.
Und nun stehe ich da und frage mich, nach welchem Maßstab kann ich dieses Buch bewerten? Anhand der Geschichte?
Seit Game of Thrones wissen wir, daß Raben die Post bringen. Hier sind sie auch darüber hinaus bedeutsam, da der Seher ein Rabe ist. Hier sieht man schon, daß es Petterson nicht um das Zeichnen einer Gesellschaft oder Religion gehen kann. Die Handlung hat eher etwas von einem Road Movie oder einer Runde Dungeons & Dragons. Weiterer Griff in die Clichékiste sind die Blinden, die ebenfalls sehr den weißen Wanderern aus GoT ähneln. Sehr störend empfand ich die durchgängige Ersetzung des Alters ("Hirka ist 15 Jahre alt") durch Winter (Hirka ist 15 Winter alt). Da sonst in Ymsland alles wunderbar normal und menschlich ist (klar! Die Menschen dort haben einen Schwanz — außer Hirka. Doch das ist ein beliebiges Attribut wie eben, daß statt der Post Raben für den Botendienst zuständig sind. Heißt: eine Welt wird nicht besonders oder auch nur anders, wenn ich solche Ersetzungen vornehme.)
Und so erscheint Ymsland als eine leicht modifizierte Variation aus dem aktuellen Fantasy-Baukasten.

Anhand der Personenzeichnung?
Die meisten Personen bleiben genreüblich eher flach, die Hauptperson Hirka, ein 15-jähriges Mädchen, wird als Außenseiterin charakterisiert. Doch, nicht nur in dem rezensierten Werk, wird sie als solche nicht überzeugend gezeichnet. Außenseiter zeichnen sich durch die Erfahrung aus, immer und immer wieder ausgegrenzt zu werden. Dadurch entwickeln sie natürlich Eigenarten, Macken, die sich bei Hirka überhaupt nicht finden. Ganz im Gegenteil wird sie generell gut aufgenommen und ist eher Opfer politischer Intrigen. Selbst ist sie auch nicht wirklich von Ausgrenzung gezeichnet und die Eröffnung, sie sei anders, aus einer anderen Welt oder Dimension gar, empfindet sie vor allem als Handicap bei dem anstehenden Initiationsritus. So geht es den größten Teil des Buches darum, daß sie bei diesem Ritus schummeln will, um nicht aufzufallen. Daß Menschen von Außerhalb, die namensgebenden Odinskinder,  die Fäulnis (also Tod und Verderben) bringen ist schon innerhalb der Geschichte vollkommen unglaubwürdig konstruiert.
Das Innenleben der jungen Hirka ist gekennzeichnet von der Schwärmerei für den strahlenden Helden Rime, der mit magischen Fähigkeiten begabt ist und so etwas wie ein Ninja-Warrior Ymslands, der Welt, in der die Handlung angesiedelt ist. Der jungen Heldin fehlt Charakterzeichnung. Was ist Hirka eigentlich für ein Mensch? Da kratzt Petterson doch sehr an der Oberfläche.

Sprache?
Gut und flüssig. Die Übersetzung muß ich loben. Einzig störend sind die gelegentlich unvermittelten Perspektivenwechsel.

Und hat das Buch Spaß gemacht?
Überraschenderweise war es trotz dessen, daß objektiv eigentlich nichts herausragend oder auch nur richtig gut war, ein großes Lesevergnügen. Das liegt vielleicht auch daran, daß ich von aktueller Fantasy nichts erwarte, also keine enttäuschten Erwartungen mein Bild trüben. Doch auch darüber hinaus ein Buch, das man lesen kann, ohne daß das Hirn oder Seelenleben übermäßig beansprucht wird.

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