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Buchbesprechungen

ein weiterer Bereich, in dem ich hoffnungslos hinten dran zu sein scheine, sind die Besprechungen/Erinnerungen an Bücher, die ich zuletzt gelesen habe.
Ich glaube, einige hatte ich dummerweise auf Facebook verfasst und gepostet, so daß ich nun nicht mehr so recht weiß, wo anfangen.
Der Einfachheit halber gehe ich rückwärts vor.

So ganz erschlossen hat sich mir der Trend zum neuen Heimatroman nicht: ich lese Bücher, um in fremde Welten abzutauchen, Erlebnisse zu teilen, zu lernen, hier und da auch wegen der exotischen Schauplätze: in "Krieg und Frieden" waren Tolstois detailreiche Beschreibungen ein wesentlicher Teil des Lesespaßes. Karl May war auch Reisebeschreibung — die Exotik reizte meine kindliche und jugendliche Fantasie. Warum also Taunuskrimis? Die lassen mich ja auch noch kalt — auch, weil man die Autorin beiläufig kennt. Und viele andere, teilweise sehr gerühmte Krimis unter diesem Label haben außer Lokalkolorit nicht viel zu bieten. Und dennoch schaue ich beim Bücherladen gerne auch in die Ecke mit den Romanen aus der Region. Da ich mich grade mit den Hexenverfolgungen in der Region beschäftigt und die vorhandenen Prozeßakten studiert hatte, selbst ziemlich fest in der barocken Epoche verhaftet bin blieb ich beim Nicole Steyers Roman "Die Hexe von Nassau" hängen und kaufte ihn. 

Der Hexenverfolgung in der nassauer Residenzstadt Idstein fielen hauptsächlich Frauen, aber auch ein paar Männer zum Opfer, denen auf einer kleinen Plakette am Fuß des Hexenturms gedacht wird.

Gedenken an die Opfer
Gedenken an die Opfer

Sicher ein Szenario, das Stoff für den Hintergrund oder auch zentrales Element von Geschichten sein kann.
Nicole Steyer scheitert in ihrem Roman aber gründlich an der selbst gestellten Aufgabe. Da sie vor Ort lebt, hätte sie leicht Zugang zu den notwendigen Daten gehabt. Offenbar ist es aber bei dem Wissen geblieben, das sich auf den Plaketten an den Gebäuden ablesen läßt. Weder den Zeitgeist konnte sie wiedergeben, sie hat ihn nicht einmal ansatzweise erfaßt, noch konnte sie Personen und Ereignisse schlüssig gestalten oder in die Handlung integrieren.
Die Handlung spielt 1676, zu Beginn der Hexenprozesse in Idstein. Häufig wird auf den 30-jährigen Krieg Bezug genommen, der allerdings 1648 mit dem westfälischen Frieden endete. 28 Jahre sind eine lange Zeit.
Tee kam erst kurz vor der Zeit, in der die Geschichte spielt nach Kontinentaleuropa.
Das Verhalten sowie die Lebensumstände der dramatis personae sind nicht zeitgemäß, die wiedergegebenen Gedanken sind zutiefst Kitsch der Mitte des 20.Jahrhunderts. Eine etwas intensivere Beschäftigung mit der Zeit, in der ihre Geschichte spielt, wäre dringend anzuraten gewesen.
Neben vielen historischen Fehlern und Ungenauigkeiten, die ich nur beispielhaft skizzieren konnte war es vor allem die schwache Figurenzeichnung und sprachliche Unbeholfenheit, die mich an diesem Buch stört.
Daß dazu eine ungemein kitschige Geschichte hinzugedichtet wird, ist dann nur noch das i-Tüpfelchen. Schade! Der historische Hintergrund gäbe einiges her — vielleicht findet sich ja noch ein besserer Geschichtenerzähler?
tl;dr: ein Mädelsroman mit viel Herz-Schmerz, sehr banal und mir persönlich zu langweilig

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