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Die heilige Gretel und Luzifer Donald

Der Trend zur Personalisierung spitzt sich immer weiter zu. Zwei Personen stehen für alles Gute und für alles Böse in der Welt: Greta Thunberg, die bezopfte Schwedin, die meint, etwas gegen die Erderwärmung zu tun sei wichtiger als Bildung und Donald Trump, der amerikanische Präsident, bei dem es schwierig ist, das Cliché eines Widerlings zu finden, das nicht auf ihn paßt.
Es ist gar nicht so lange her, da wurde hierzulande der US-Amerikanische Drang, jedem Ereignis eine Person zuzuordnen, eher belächelt. Es war auffallend, daß direkt nach den Ereignissen des 11.September 2001 ein Schuldiger zugeordnet werden konnte. Klar — Osama war's (ob er es wirklich war? Das werden wir wohl nie erfahren). Ebenso klar war jedem damals, daß "die Amis irgendwas bombardieren" müssen. Wir haben gerätselt. Weil bei dem Drama mußte es natürlich etwas Großes sein. Saudi-Arabische Terroristen? Würden die Amis Saudi-Arabien bombardieren? Mekka? Eher nicht! Osama ist Ägypter? Vielleicht Alexandria? Oder Kairo? Aber niemand hätte erwartet, daß — Afghanistan das Opfer wurde!
Tatsächlich ist amerikanische Politik so schlicht und so einfach. Man hat es oft naiv genannt. Naiv ist sie nicht. Die amerikanische Großmachtpolitik bewegt sich noch, wie weite Teile der amerikanischen Gesellschaft auch, im geistigen Milieu des fin de siècle. Aus dem modernen Europa hinaus schaute man im vergangenen Jahrhundert noch etwas großväterlich milde auf die kindlichen Amerikaner, die in John Wayne-Manier Weltpolizist spielten. Von dem, was im Land selbst geschah, bekam man hierzulande in Zeiten, in denen das Internet noch nicht die heutige Ausprägung hatte, ja vor allem die skurrilen Seiten mit. Ansonsten "wußten" wir das, was über Hollywoodfilme und US-Serien der Zeit durchschimmerte. 

Wenn wir uns die Verehrung des "eisernen Kanzlers" Bismarck anschauen wird deutlich, daß diese Personalisierung, dieser Drang, mit dem Finger auf etwas oder jemand zu zeigen und Ereignisse einer Person zuzuordnen, auch hierzulande nicht so entfernt sind. So war Wilhelm II. am ersten Weltkrieg schuld, und Adolf am zweiten, in der Schule lernten wir, daß Alexander der Große die Welt eroberte und daß Hannibal die Alpen querte, Caesar Gallien und Britannien eroberte etc.
Erst der Einfluß des Historizismus, der in der Tradition Hegels stehenden Geschichtsbetrachtung reduziert die Bedeutung der Person. Bei uns näher liegenden Ereignissen wird evident, daß die Person sicher einen Einfluß hat (den die sozialistische Betrachtung zu stark ausblendet, finde ich), aber nicht Kohl und Gorbi vereinbarten die deutsche Wiedervereinigung. Da spielte auch Genschman mit und die Amis, Miss Maggie, Mitterand und viele mehr. Daß der Zerfall des Ostblocks und die Ursachen desselben Voraussetzung waren, die keiner Person direkt zugeordnet werden kann (sondern systemimmanent war) wird gerne vergessen.
Oder: Auch Bismarck war ein Kind seiner Zeit und stand in Wechselwirkung zu den Zeitströmen. Ohne die frühen Liberalen (wie beispielsweise die Gebrüder Grimm), das Hambacher Fest, die 1848er Revolution, die Paulskirche und die Niederschlagung der ersten deutschen Demokratie sind die Deutschen Kriege, die mit der Vorherschaft Preußens über das Deutsche Reich und weite Teile Polens und der anschließenden Reichsgründung nicht denkbar.
Genauso wenig ist auch ein Donald Trump die Inkarnation des Bösen, die Personifizierung all dessen, was schlecht im Amiland ist. Okay — der Orangene gibt natürlich wirklich ein denkbar schlechtes Bild ab, doch wenn wir die Fakten unabhängig von der Person betrachten bleibt eine konservative Politik, die in der Wirtschaft durch Protektionismus, durch steuerliche Bevorzugung der Reichen besticht, in der Außenpolitik durch einen Rückzug aus vielen Weltgegenden und den Versuch, den Nationalismus vergangener Tage wiederzubeleben. Grade Nationalismus kennzeichnet Trump'sche Politik, die durch ihre Ähnlichkeit zu der europäischen Großmachtpolitik des beginnenden 20.Jahrhunderts die amerikanische Gesellschaft gut wiedergibt und vielleicht zu erklären hilft, warum dieser weltweit wahrscheinlich unpopulärste Politiker im eigenen Land doch einiges an Rückhalt hat. Die amerikanische Gesellschaft ist tief gespalten, gradezu zerrissen zwischen konservativ eingestellten Menschen, die der "alten Zeit" nachtrauern und alle Versuche der Modernisierung als kommunistisches Teufelswerk abtun — diese Haltung wird durch Trump abgedeckt. Dagegen liberale (in europäischen Begriffen wären das eher sozialdemokratische) Politiker, die wie Bernie Sanders die USA in das späte 20. oder Alexandria Ocasio-Cortez , die die USA sogar ins 21.Jahrhundert katapultieren wollen. Eine weitere, tiefe Spaltung der amerikanischen Gesellschaft ist die zwischen den hochgebildeten Eliten. Reiche Menschen in den USA haben Zugang zu einigen der besten Bildungseinrichtungen der Welt. Der Masse bleiben diese jedoch verschlossen und man könnte sie bildungsfern nennen. Und als dritte heftige Spaltung haben wir den extremen Gegensatz zwischen arm und reich.
Alle anderen Gegensätze sind abgeleitet oder künstlich produziert (wovon mich der zwischen Mann und Frau — oder der zwischen Rassen/Nationalitäten als besonders absurd auch besonders ankotzt).
Eine Seite dieser tiefen Gräben läßt sich durch die Person Donald Trump beschreiben. Doch es keines der zugrunde liegenden Probleme würde gelöst, wenn man Trump los würde, wie es all die vielen Posts in den sozialen Medien nahelegen würden. Das ist das zentrale Übel der Personalisierung. Man packt alle Übel in das Symbol — und glaubt irgendwann daran, das Übel würde mit dem Symbol verschwinden. Man könnte statt Trump genauso eine Socke nehmen, oder in der Psychologie nimmt man ein Kästchen, in das man die Übel packt und schon ist man sie los. Das klappt in der Psychologie nur genauso wenig wie in der Politik.

In der Welt außerhalb der USA bildet Greta Thunberg quasi das personifizierte Gegenstück zu Donald Trump. In die 16-jährige Schülerin werden alle positiven Eigenschaften hineingedichtet, die man sich vorstellen kann.
Tatsächlich tritt das junge Mädchen auch äußerst eloquent auf und dank ihrer Jugend und ihrer großen, fanatischen Anhängerschaft ist sie quasi sakrosankt.
Sozialpsychologisch ist sie darum interessant, da sich in ihrer Persona kristallisiert, was der Zeitgeist als positiv wahrnimmt, unabhängig davon, ob sie das, was ihr zugesprochen wird, einzulösen vermag.
Thunberg: jugendlich, weiblich, eloquent, engagiert, ökologisch, frech aber nicht bösartig, mit nicht sichtbarer leichter Behinderung (Asperger) — Beschützerinstinkt weckend, Schwedin
Dagegen Trump: alt, männlich, polternd, rhetorisch ungeschickt, nationalistisch, junkfood-essender Faulenzer, Nationalist, Macho und Chauvinist, abstoßend, Amerikaner.

Ich wäre sehr dafür, die Personalisierungen wegzulassen und Probleme anzugehen. Die Welt braucht keine neue Heilige und Dämonen hat es auch ohne Trump genug. Impeachment mag uns von Trump befreien, bringt die Amis aber nicht weiter. Denen wäre zu wünschen, daß sie ihre Probleme endlich einmal benennen würden.  Das gäbe auch der Welt eine Chance auf mehr Frieden. Und der ist wiederum Voraussetzung für eine nachhaltige Änderung menschlichen Wirtschaftens, das zum Stopp der Erderwärmung notwendig wäre.

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