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Friday for Future - dürfen Kids "streiken"

Zunächst einmal: Ein Protest wird durch Bigotterie nicht weniger legitim. Druck auf die Regierenden auszuüben, damit endlich eine glaubwürdige Klimaschutzpolitik betrieben wird ist eine gute Sache. Niemand in der westlichen Welt dürfte klimaneutral leben. Wenn nur Aufrechte protestieren dürften, dann dürfte es wahrscheinlich niemand.
Egal, ob die Eltern also die Kids mit dem SUV zu den Protesten fahren oder ob sie sich bei McDs oder Starbucks versorgen oder ob sie mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen: all das und viel mehr spielt für die Legitimität der Proteste keine Rolle. Man darf die Kinder aber natürlich gerne auf ihren eigenen ökologischen Fußabdruck aufmerksam machen. Schließlich ergeben sich durch die Beobachtung eigenen Verhaltens erste konkrete Ansatzpunkte. Und kritische Selbstreflexion ist in Zeiten der propagierten Selbstliebe nicht mehr weit verbreitet. 

Also ganz allgemein: Es ist toll, daß Kinder und Jugendliche sich einsetzen. Das Ziel ist es wert, ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt zu werden und Demonstrationen, damit die Politik das Problem der Bedeutung entsprechend würdigt sind sehr gerechtfertigt.
Es geht in diesem Beitrag nicht um das sich erst langsam formulierende Ziel der Demonstrationen. Die Forderungen lassen sich subsumieren: "Tut endlich etwas! Hört auf die Experten!".
Das ist richtig und da kann man diskutieren. Doch dann werden die Schwächen dieser Proteste offenbar: wesentlich Schuld an dem Klimawandel ist unser Energieverbrauch und wenn wir nur auf dem gleichen Level weiter leben wollen müssen wir vor allem die Frage klären, wo wir Energie herbekommen. Und da haben wir zur Zeit keine wirklichen Alternativen zu den derzeit verfügbaren Produzenten: Wasser, Sonne, Wind, Kohle, Öl und Uran. Alle diese Quellen sind problematisch.
Die Idee eines Ernergie-Mixes klingt vor diesem Hintergrund für eine Übergangszeit am ehesten überzeugend. Problematisch ist, daß seit Jahren und Jahrzehnten verschlafen wurde, sinnvolle Alternativen zu finden. Lange wurde einseitig auf Atomkraft gesetzt, aktuell auf Windenergie und wieder Kohle. Eine Verlängerung bis 2038 ist wie die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke ein Abschied vom Ausstieg auf Raten. Allerdings: Wo soll die benötigte Energie herkommen, wenn wir fossile Energien aus dem Mix entfernen?
Versuchen wir, auf der Verbrauchsseite anzusetzen wird es schwierig, vor allem in der derzeitigen politischen Konstellation. Prinzipien lassen sich noch aufstellen, sobald es aber konkret wird, wird die Ausrichtung bundesdeutscher Politik an ihr jeweiliges Klientel deutlich.
Wo das Versagen deutscher Politik meiner Meinung nach überdeutlich wird ist in der Subventionierung von Umweltschäden: ganz krass deutlich wird das beim Dieselprivileg oder der vollständigen Steuerbefreiung von Flugbenzin. Ersteres ist bundesdeutsche Besonderheit und gehört abgeschafft. Warum werden Landwirtschaft und Speditionen (Lkw-Transporte) hier noch einmal extra subventioniert? Der letzte Angriff auf das Dieselprivileg wurde abgelehnt, da deutsche Speditionen ansonsten im internationalen Vergleich benachteiligt seien. Der subventionierte Diesel hat sicher auch den ein oder anderen dazu bewogen, einen Diesel Pkw anzuschaffen.
Kerosin ist international auf der Basis eines Abkommens von 1944 steuerbefreit. Der Versuch in den 80ern und 90ern, es zu besteuern ist am heftigen Widerstand der Airlines (bzw. deren verlängertem Arm aus CDU/CSU) gescheitert. Somit wird bis heute ökologischer Schwachsinn wie Kurzstreckenflüge zulasten der Bahn stark subventioniert.
Seit 2004 könnte man Kerosin innerhalb der EU besteuern. Warum wird das nicht gemacht?
Was seitens der kindlichen Demonstranten gefordert wird ist eine radikale Abkehr von CO2-Produzierendem. In dieser Radikalität wird nicht differenziert. Plastik ist ein grandioser und vielseitig einsetzbarer Werkstoff. Oder: die vielgeschmähte chemische Industrie produziert auch lebenserhaltende Medizin. Kühe produzieren nicht nur Methan sondern pflegen die Alpenlandschaft etc.
Wir müssen also bewerten, was ökologischer Unsinn ist, worauf wir verzichten sollten oder sogar müssen und was ein sinnvoller Einsatz von Ressourcen ist. Das wird bislang der Wirtschaft überlassen (sowohl Produzenten als auch Konsumenten).
Die Konzerne selbst sehen den Klimawandel als Gefahr für "die Wirtschaft". Tatsächlich stehen wir vor der Notwendigkeit, unsere Art zu wirtschaften neu zu regeln. Den Blick auf Profite und Umwelt zu richten schließt sich gegenseitig nahezu aus.
Das sehen die kindlichen Demonstranten nicht. Die Proteste wirken, als wenn wir zurück in Heidis heiler Welt wären, wenn wir nur endlich aufhören würden, CO2 zu produzieren und zu konsumieren.
Das alles schreibe ich aber nur, um deutlich zu sagen, daß ich die inhaltlichen Forderungen der Demonstrationen für nicht sonderlich durchdacht halte. Als permanenter Druck auf die Regierenden, endlich etwas zu tun und zu begründen, was sie warum tun oder unterlassen sind sie aber sicher hilfreich.

Demonstrationen zum Klimaschutz und öffentlicher Druck auf die Regierungen ist also durchaus sinnvoll. Daß Kinder und Jugendliche in ihrer Schulzeit demonstrieren, sorgt für Aufmerksamkeit. Schwänzen für Demos ist aber sicher kein Streik. Für Demos zu Schule zu schwänzen ist eine Abwägung: Ist mir Schule und vielleicht Sanktionen wegen des Schwänzen wichtiger als die Demonstration? Öffentlich scheint weitgehend Übereinstimmung zu herrschen, daß das so ist und es somit vollkommen richtig und akzeptabel ist, für das hehre Ziel auf Bildung zu verzichten und die Schulpflicht zu verletzen. Neu ist, daß diese Beurteilung nicht der Schüler vornimmt sondern die Gesellschaft bis hin zur Kanzlerin Schulpflicht und Bildung offenbar für vernachlässigbar halten, wenn es sich nur um ein angemessen hehres Ziel handelt. Diese öffentliche Unterstützung ist natürlich eine Strategie, um die Demonstrationen für sich zu vereinnahmen. So äußerten sich viele Politiker auch gleich dankbar für die Unterstützung ihrer Politik. Daß sie die Adressaten der Demos sind wird dadurch ad absurdum geführt.
Für mich ist der Regelbruch für die gute Sache an sich nicht problematisch. Hier aber dient der Regelbruch dem Zweck, Aufmerksamkeit zu generieren. Wenn Eltern, Politiker und Schüler selbst diesen Regelbruch aber vollkommen okay finden läuft das schnell ins Leere. Wenn niemand die Regel wichtig findet ist es keiner Aufmerksamkeit wert, wenn die Regel gebrochen wird. Bleiben tut, daß die Regel an Bedeutung verliert.
Wann also soll es erlaubt sein, Regeln zu brechen und wann nicht? Oder ist das, was bisher galt, nicht vollkommen okay? Wenn ich also schwänze und meine Eltern mir eine Entschuldigung schreiben, dann ist es gut. Ansonsten gibt es unentschuldigte Fehlzeiten, die ab einer gewissen Häufung sanktioniert werden.

Zum Begriff Schulstreik: Streik ist ein Begriff aus dem Klassen- bzw. Arbeitskampf und bezeichnet die Arbeitsverweigerung zur Erreichung von Zielen. Traditionell geht es um den Konflikt zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Arbeitnehmer verweigern kollektiv vertraglich zugesicherte Leistungen (ihre Arbeitskraft), um durch den dadurch erzeugten  tatsächlichen oder potentiellen Schaden die Gegenseite zu zwingen, ihre Forderungen umzusetzen.
In Deutschland wird das Streikrecht noch eng mit den Gewerkschaften verbunden, da nur Streiks, die von einer Gewerkschaft organisiert sind frei sind von Schadensersatzansprüchen (und Kündigungsschutz genießen).
Schule wiederum ist die Stätte, an der wir unseren Kindern die Bildung zukommen lassen, die sie zu einem Leben als Erwachsene befähigen soll.
Worum es den Kids geht habe ich oben schon dargelegt. Mangels oder wegen diffuser Ziele läßt sich das Ziel der Demos am ehesten wohl als Aufforderung verstehen, mehr gegen den Klimawandel zu tun. Was genau getan werden soll verliert sich schnell in Unmöglichkeiten oder inneren Widersprüchen (s.o.).
Was die Kids machen ist also, Bildung zu verweigern, um Aufmerksamkeit zu generieren (= Demonstrieren).
Beschreibt man die Situation also weniger beschönigend als es üblicherweise getan wird klingen die Demos schon nicht mehr so super, wie sie im Allgemeinen dargestellt werden. Da ich heftigen Widerspruch erwarte möchte ich noch einmal betonen: es ist gut und richtig, alle Beteiligten an ihre Verantwortung zu erinnern, die Erde bewohnbar zu halten. Doch schon die Adressaten der Demos sind diffus: "tut mehr dafür, daß die Erde sich nicht weiter erwärmt". Wer soll das tun?  Die Regierungen — klar! Die Wirtschaft? Das sind nicht nur die Produzenten, sondern auch die Konsumenten. Demonstrieren die Kids also gegen sich selbst? Und was soll die denn genau machen? Was ist also konkret das Ziel der Demos?


Zur Zeit, habe ich den Eindruck, versuchen sich die führenden Köpfe der Demos daran, zusammen mit Klimaforschern, Ziele zu formulieren. Das ist gut so. Die müßte man dann in konkrete Maßnahmen umsetzen und dazu braucht man Gesprächspartner. Es ist eben nicht Greta, sondern es braucht Maßnahmen, die man in Recht umsetzen kann. Plakative Akionen helfen wenig: Der Mythos der Glasflasche wird immer weiter aufrecht erhalten, dabei ist nicht Glas an sich, sondern der wiederholte Benutzung, die eine Glasflasche nachhaltiger macht. Aber auch dort ist die Bilanz nicht so eindeutig, wie es spontan erscheint. Eine Glasflasche braucht in der Herstellung deutlich mehr Energie als eine PET-Flasche, die Reinigung kostet ebenfalls deutlich mehr Energie als eine PET-Flasche zu schreddern und neu zusammenzusetzen. Die Teilnahme am Kreislauf liegt bei einer Glasflasche bei ca. 50 Befüllungen, bei einer PET-Flasche bei etwa 25 Teilnahmen. Bei den Transportkosten und der Entsorgung haben die PET-Flaschen den Vorteil des geringeren Gewichts, PET werden allerdings noch zusätzlich giftige Bestandteile nachgesagt. Das habe ich nicht genauer geprüft. In diesem Absatz ging es nur darum, exemplarisch darzulegen, daß es keine einfachen Lösungen wie Glas ist besser als Plastik gibt. Wohl aber gilt: Mehrweg ist besser als Einweg. Müllvermeidung ist etwas, was nachhaltig helfen würde. Leider ist die Mehrwegquote stark rückläufig, sicher auch, weil nicht klar erkennbar ist, was nun Mehrweg ist und was nicht. Klöckners "ein Label wird's schon richten" hilft nichts.
Aber schon an diesem Beispiel läßt sich einfach erkennen, daß schon bei der Formulierung von Zielen größte Vorsicht angebracht ist.

Das erwartet man nun von einer 16-jährigen, die zunächst recht schlicht und kindgemäß auf "hört auf die Wissenschaft" formuliert hat. Mir tut das Mädel leid. Egal, ob der Antrieb für die Aktionen von ihr selbst kam oder sie eine Marionette von wem auch immer ist: sie ist ein Kind.
Diese Einstufung wird von ihren Fans natürlich nicht geteilt, es sei den, man behandelt sie wie eine Erwachsene. Mit 16 steht man an der Schwelle. Ich fände es unfair, von einer 16-jährigen die gleichen Kompetenzen zu erwarten wie von einem 25-jährigen. Im Gegenteil. Kinder und Jugendliche genießen einen besonderen Schutz und dieser Schutz wurde ihr von ihren Eltern und der Öffentlichkeit verweigert als sie erstmals öffentlich vor einem großen Publikum auftrat. Beide sind meiner Auffassung nach ihrer Verpflichtung, diesen jungen Menschen zu schützen, nicht nachgekommen. Ob ihre Fans eine Vorstellung davon haben, welcher Druck auf dem Mädchen lastet? Täglich Presseberichte, täglich Verehrung, aber auch Anfeindung. Was mehr belastet vermag ich nicht zu sagen. Was ich aber sagen kann ist, daß es unverantwortlich ist, eine 16-jährige so in die Öffentlichkeit zu zerren und zur Symbolfigur oder, von mir aus, zum Maskottchen einer politischen Bewegung zu machen. Dieser Hype um die Person sorgt für hunderttausende Nachahmer, die in Greta ein Vorbild sehen. Sicher — es gab schon schlechtere Vorbilder. Doch ist Greta dem gewachsen? Kann man eine 16-jährige dem aussetzen? Ich befürchte, hier wird ein Mensch zerstört. Und ihre Jünger werden früher oder später enttäuscht werden. Und tragen dabei noch aktiv zu der Zerstörung des verehrten Menschen bei. Da liegt eine grausame Zwangsläufigkeit darin und ich könnte schier daran verzweifeln, daß niemand die zu erkennen vermag. Oder erkennen will. 

Natürlich bin ich auch kein Anhänger eines Personenkults. Es geht zwar um eine gute Sache und Marketing braucht ein Gesicht. Was aber Marketing braucht, dem mangelt es zumeist an inhärenter Qualität.
Ich gehe davon aus, daß sich so etwas früher oder später offen zeigt und die Fixierung auf eine Person halte ich darum für schädlich. Es ist doch auch zum Mäusemelken! Eine gute Sache! Ein Erfolg — selten wurde so viel über das Thema geredet. Aber es sind Kinder — darum wird geredet und es passiert genauso viel wie sonst auch. Schließlich wird meist über die Person geredet und nicht über Klimapolitik. Die Erfolge verpuffen, die Kinder sind frustriert. Die Erwachsenen, die das Thema gerne prioritär behandelt sehen würden werden marginalisiert und eine sachliche Diskussion aufgrund des kindlichen Niveaus der Diskussion erschwert. Dieses kindliche Niveau ist natürlich keine Schuld von Greta Thunberg, die immer dafür eintrat, auf die Wissenschaft zu hören. Dieser Infantilismus ist eher das Problem der Erwachsenen, welche gerne jugendlich wirken oder bleiben würden und "erwachsenes" Verhalten ablehnen.  




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