lautenist

Meinung, Aufmerksamkeit .... Awareness

Ich bin ja, das ist vielen sicher bereits aufgefallen, Idealist. Im philosophischen Sinn bin ich das mit Einschränkungen, denn es gibt auch eine Wirklichkeit jenseits unserer Vorstellung. Ich schließe das Transzendentale nicht aus. Dort bin ich nahe an Kant.
Da wir zur Zeit in einer spätromantischen Kultur leben und ich mit dem Kitsch der 70er und 80er genauso groß geworden bin wie mit Marcuse und Horkheimer ergibt sich in meiner Denkwelt ein wüster Mix verschiedener Strömungen. Ich dachte immer, es gäbe bei mir immer Anknüpfungspunkte für ein Gespräch. Von ganz platt (auch wenn ich absolut kein Smalltalk-Talent bin) bis hin zu anspruchsvollen Themen. Was mich aber zur Verzweiflung bringen kann ist, wenn man so überhaupt nicht mehr miteinander reden kann — und in vielen Fällen auch gar nicht mehr will. Die Ohren des Gegenüber gehen einfach zu. Als Replik kommen dann entweder Beschimpfungen oder ad hominem-Argumente ("wer bist Du denn, daß Du mitreden willst").
Hier im Ort war ich oft Zeuge von Kneipengesprächen — oder auch bei Familienfeiern — in denen man den Eindruck gewinnen mußte, wer am lautesten spricht habe recht. Da ich das gewohnt war fiel mir nicht auf, daß diese Gesprächskultur inzwischen üblich ist. Haben solche Gespräche einen Sinn? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es grade die Sinnlosigkeit, die diese Gespräche ausmacht: man streitet, kann sich aber hinterher hinsetzen und gemeinsam einen Eppler trinken, denn "mer habbe ja nur schläächtgebabbelt".
Wird dieser Diskussionsstil nun aber in schriftlicher oder halbschriftlicher Form in den Medien gepflegt, bekommt er eine Ernsthaftigkeit, die eigentlich lächerlich wäre, aber leider inzwischen ernst genommen wird. Es werden Likes zu Facebook-Kommentaren und -meldungen gezählt, es wird über "Tendenzen aus den sozialen Netzwerken" berichtet etc. — kann man also Facebook als vox populi ansehen? Dazu werde ich noch etwas schreiben, aber hier bereits die Kurzfassung: Nein! Denn auf Facebook geht es denen, die dort Content verbreiten um Aufmerksamkeit. Es wird geschrien wie auf einem Bazar, um Gehör zu finden. Je lauter und je unfreundlicher, desto besser. Man darf auch nicht vergessen, daß die Plattform Facebook von Werbung lebt, die dort geschaltet wird. Facebook hat also kein Interesse an gepflegten, ergebnisorientierten Diskussionen, sondern es geht um die Show. Werbung wird als erfolgreich bezahlt, wenn sie wahrgenommen wird.
Der Erfolg von Facebook beruht  zu einem guten Teil darauf, daß man sich dort selbst in einem geschützten Raum fühlt, sich so darstellen kann, wie man will und alles ausschließen kann, was an dem Bild, das man gerne von sich vermitteln möchte, stören könnte.
Dabei geben die Menschen sehr viele Informationen von sich preis, die für gezielte Werbung genutzt wird.
Das ist solange unproblematisch, solange man es gebührend wenig ernst nimmt. Es gibt viele, liebevoll gestaltete Seiten auf Facebook und selbst über das exotischste Hobby findet man dort Gleichgesinnte, um sich auszutauschen. Für den Nutzer bot Facebook auf diese Weise einiges. Bezahlt wird das mit einer Dauerberieselung mit Werbung. Zunehmend allerdings nicht entsprechend gekennzeichnet und teilweise derart subtil eingestreut, daß es nicht mehr okay ist (s. Cambride Analytica Skandal). Hier wurde eine Grenze überschritten.
Facebook ist ein Medium, zur Meinungsbildung ist es aber aufgrund seines Aufbaus vollkommen ungeeignet.   

Die Problematik der Nachrichtenquellen habe ich schon angedeutet. Wenn man "wie aus den sozialen Medien zu erfahren" berichtet, dann gibt man diesen sozialen Medien eine Bedeutung, die sie aus den beschrieben Gründen nicht haben darf, will man kein Zerrbild der Wirklichkeit als Nachricht darstellen.
Die Konkurrenz des Internet bringt Druck auf die Printmedien — und auch in Rundfunk und Fernsehen ist Aktualität häufig beherrschend für das, was als  berichtenswert angesehen wird: Oft wird dabei eine Nachricht nicht mehr ausreichend geprüft, oder die Medien schreiben gleich voneinander oder von vorgelegten Vorlagen ab. Ursache ist, daß Werbegelder heute zu einem großen Teil ins Internet fließen und weniger in die Presse. Das interpretieren die Verlage nun so als sei die fehlende Aktualität die Ursache für sinkende Auflagen (und vor allem Werbeeinnahmen). Also versucht die Presse, möglichst zeitnah zu berichten — was zu Lasten der Qualität geht.
Der lächerliche Versuch der Presse, an den Werbegeldern für Google & Co Anteil zu nehmen wird durch die schwachsinnigen Gesetze zum "Leistungsschutzrecht" deutlich. Aktuell die berühmten Paragraphen 11 und 13. Die Presse hat den Strukturwandel verschlafen und statt neuer und innovativer Ideen, die auf Qualität und guter Recherche basieren wird versucht, die alte Struktur per Gesetz am Leben zu halten — klar: Springer als Schreiber des Gesetzes hat es bekanntlich mit Qualität nicht so.
Natürlich finde ich das Verschwinden der traditionsreichen Presse sehr bedauerlich und wünschte mir, die gute qualitative Arbeit von FAZ, TAZ, FR ... um nur die zu nennen, die ich abonniert hatte, könnte erhalten bleiben. Doch geht das nicht auch anders? Auch dazu will ich in naher Zukunft etwas schreiben.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht doppelt unter Druck, da er als in Konkurrenz zu den privatwirtschaftlichen Anstalten stehend angesehen wird. Der wesentliche Unterschied sollte aber einleuchten: Die Privaten benutzen Inhalte, um Werbung zu verkaufen. Jeder Inhalt ist nur interessant, wenn entsprechend Werbung dazu gebucht wird. Auch Nachrichten.
Die öffentlich-rechtlichen Anstalten haben einen gesetzlich verankerten Auftrag und sollen eine Grundversorgung sicherstellen. Die politische Unabhängigkeit (damit es eben kein Staatsfernsehen ist) soll durch Gebührenfinanzierung sichergestellt werden.
In der Wahrnehmung des Publikums dienen beide allerdings dem gleichen Zweck.
Die Angebotsseite steht also, zusammengefasst, unter dem Druck, Einnahmen zu generieren, was am besten geht, indem eine Sau nach der anderen durch das Dorf gejagt wird. Und je lauter sie dabei quiekt desto besser. Ist das neu? Nein, natürlich nicht. Doch durch den Wandel in der Medienlandschaft fehlt ein deutlich wahrnehmbares Korrektiv. Im Wesentlichen sind das heute noch die Tagesschau und "heute". Allein deshalb sind die öffentlich-rechtlichen Sender unverzichtbar.

Doch das ständige Schreien, dieses ständige Buhlen um Aufmerksamkeit hat nicht nur die Medienlandschaft verändert und verändert sie weiter. Durch die Verlagerung der Werbung in die sozialen Netze fehlen den privaten Sendern Werbeeinnahmen. Das Problem wird noch verstärkt dadurch, daß zunehmend Angebote  wie HBO, netflix oder amazon prime an den Start gehen, die den Wunsch nach hochwertiger werbefreier Unterhaltung bedienen. Dafür zahlt man eine extra Gebühr, klar! Aber zum Ausgleich wird man von dem Geschrei des Bazars verschont. An diesem Trend  habe ich zwar nicht teilgenommen, ihn aber begrüßt. Daß die Sender dem kommerziellen Druck genauso ausgesetzt sind wie werbefinanzierte Sender und darum zunehmend die Qualität reduzieren, um über die Masse zu den notwendigen Einnahmen zu kommen ist absehbar gewesen. Auch über das Problem der Werbefinanzierung lohnt sich ein eigener Beitrag.

Im angelsächsischen Raum war es viel mehr üblich als in Kontinentaleuropa, Personalisierung zu betreiben. Dadurch, daß die beherrschenden Medienkonzerne des Internets amerikanisch sind, wird auch viel stärker personalisiert als bislang üblich. Zu jedem Problem muß ein Gesicht her — man kannte das vorher von der BILD. Ein Gesicht erzeugt viel eher Betroffenheit als eine nüchterne Darstellung. Das Problem kann man zur Zeit ganz deutlich an der Persona der Greta Thunberg darstellen. Das Mädchen hat ein durchaus berechtigtes Anliegen und geht dafür auf die Straße. Viele eifern ihr nach und es entsteht eine Bewegung. Diese Bewegung ist allerdings mit dem Mädel eng verbunden. Darum richten sich viele Angriffe gegen das Gretchen als Person. Durch den Angriff der Person kann man die Bewegung diskreditieren. Das führt derzeit dazu, daß viel mehr über die Person Greta Thunberg als die Inhalte, für die sie kämpft, gesprochen wird. Auch wenn die Persona immer für heftige und unsachliche Diskussionen sorgt will ich auch etwas zum Thema Greta als Engel und Donald als Teufel schreiben.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der geänderten Diskussionskultur ist die amerikanische Dominanz in sozialen Medien. Es wird oft von Globalisierung gesprochen, doch eigentlich geht es um eine Kolonialisierung. Vielleicht ist Kolonialisierung nicht exakt der richtige Begriff, da es keine Nation ist, die eine andere ausbeutet, sondern multinationale Konzerne. Dazu muß man sich klar machen, wie diese global player gestrickt sind. Durch die internationale Ausrichtung agieren sie weitgehend außerhalb gesetzlicher Kontrolle. Die Kontrolle üben Anteilseigner aus. Der Aktienkurs ist bestimmend. Auch zum Aktienkurs hat sich in der Zwischenzeit eine Meta-Ebene etabliert, wo auf das Eintreffen von Gewinnerwartungen gewettet wird. Das lassen wir der Einfachheit halber außen vor, auch wenn es Einfluß hat.
Sehr offensichtlich wird der Unterschied amerikanischer zu europäischen Medien in der Darstellung von Sexualität. Weibliche Brüste zu zeigen ist undenkbar. In Europa sorgt das für Kopfschütteln: Titten sind absolut verboten, aber exzessive Gewaltdarstellungen sind kein Problem. Andererseits ist die Sexualisierung nahezu jeden Lebensbereiches nicht nur eine Folge der Gender Studies sondern auch dieser eigentümlichen amerikanischen Prüderie. Interessant finde ich, daß sie nach Europa überzuschwappen scheint. Doch auch auf vielen anderen Gebieten wird die US-Amerikanische Lebensart auch für Europa adaptiert.
Als amüsante Randbemerkung sei noch erwähnt, daß ich tatsächlich in der FAZ von der Dominanz männlicher Weißer gelesen habe. Amerikanische Probleme werden hierzulande wie selbstverständlich übertragen.

Der Terminus Postfaktisches Zeitalter beschreibt eines der Resultate dieser neuen Diskussionskultur, nämlich, daß auf der Basis von Meinungen anstelle von Fakten Tatsachenbehauptungen aufgestellt werden. Was an Stammtischen und bei Boulevardzeitungen wie der BILD schon immer üblich war, wird durch Donald Trump und viele andere praktiziert und scheint zunehmend die auf Fakten basierte Diskussion zu ersetzen. Hier schließt sich der Kreis zu dem Zählen von Likes auf Facebook. Eine Meinung läßt sich nicht widerlegen — das ist eines der Probleme in der Diskussion mit Populisten.

Auch wenn alle einer Meinung sind, können alle unrecht haben. (Bertrand Russell)

Bertrand Russell
Bertrand Russell

Der Brexit hat vor Augen geführt und wird das in Zukunft noch viel stärker, daß Volkes Stimme Meinung ist. Und die sich irren kann.
Abstimmungen über die Todesstrafe nach bestimmten grausamen Verbrechen würden mit Sicherheit in der Einführung der Todesstrafe enden — auch wenn sie mit gutem Grund abgeschafft wurde.
Man muß auch in einer direkten Demokratie Grenzen ziehen, damit sie nicht in einer Herrschaft des Mobs endet.
Auch wenn die Höflichkeit gebietet, unvernünftigen Menschen zuzuhören, vielleicht sogar zu antworten bleibt es doch für eine Entscheidungsfindung nicht relevant. Oft werden nicht einmal die Fragestellungen den Problemen gerecht. Macht nichts, denn man hat ja eine Meinung. 

Wie bizarr Diskussionen heute geführt werden würde mein Lieblingsphilosoph sam oth so illustrieren:  Über Esoterik/Homöopathie wird mit Wikipedia-Einträgen diskutiert.

Nun will ich nicht so tun, als sei es unwichtig, eine Meinung zu haben. Ganz im Gegenteil! Mir geht es darum, wie sich eine Meinung bildet und wie sie sich äußert. Meinung sollte eigentlich selbstverständlich das Ergebnis aus Fakten und deren Gewichtung sein. Da kann es unterschiedliche geben und man kann auch trefflich streiten. Und das ist gut, denn so kommt man gesellschaftlich voran. 

Aufmerksamkeit — wenn alle sie für alles wollen bekommt sie niemand für nichts
(sam oth)

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