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Jagd verbieten?

»Jägerei ist eine Nebenform von menschlicher Geisteskrankheit«.
(Theodor Heuss: Tagebuchbriefe 1955-1963, hg. V. Eberhard Pikart, Tübingen/Stuttgart 1970, S. 106)

Viele wissen, daß ich mich für Biodiversität und in verschiedenen Gruppierungen für Wölfe, Luchse und natürlich — die europäische Teich- und Sumpfschildkröte (Emys orbicularis) einsetze. Über eine dieser Gruppen wurde ich auf die Initiative zur Abschaffung der Jagd aufmerksam gemacht.
Das soll mir als Anlaß dienen, mir über Sinn und Unsinn der Jagd Gedanken zu machen. 

Gibt es einen Jagdtrieb?

Die Jagd zählt sicher zu den menschlichen Tätigkeiten. Man kann davon ausgehen, daß der Mensch zunächst Jäger und Sammler war und auch, als er begann, Felder zu bewirtschaften und domestizierte Tiere zu nutzen war die Jagd noch wichtiger Bestandteil der Versorgung mit Nahrung und Fellen. 

Gibt es deshalb nun einen menschlichen Jagdtrieb? Ist das Verhalten, andere Lebewesen zu jagen und zu töten also ein in uns natürlich angelegtes Verhalten oder ist es eine Kulturtechnik? Die Jäger meinen natürlich, es sei so.  Dr. Nina Krüger ist Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Hamburg. Die im verlinkten Artikel vorgetragene These mitsamt Begründung leiden jedoch an einigen extremen logischen Schwächen. Sie geht von einer guten menschlichen Eignung zur Jagd aus. Wie sie darauf kommt ist mir schleierhaft. Ohne Hilfsmittel wie Pfeil und Bogen oder Speer ist der Mensch kaum in der Lage, irgendein Tier zu jagen oder zu erlegen.
Ihre Behauptung, die Entwicklung des menschlichen Hirns sei auf die proteinreiche Nahrung durch die Jagd zurückzuführen ist mindestens missverständlich, wenn nicht sogar vollkommen falsch. Die nicht ausschließlich pflanzliche Ernährung hat wahrscheinlich bei der Entwicklung unseres Hirns eine Rolle gespielt, da in der Folge der Verdauungstrakt entlastet werden konnte.  Die Jagd wird hier aber durchwegs als Kulturtechnik verstanden, so daß man eher sagen kann, Werkzeuggebrauch, die Entwicklung von Kultur und Notwendigkeiten des Lebens in Sozialverbänden bedingten die Entwicklung des Menschen. Ein Jagdtrieb allerdings lässt sich daraus nicht ableiten.

=> Jagd ist nicht im Wesen des Menschen verankert

Jagd als Hege und Pflege

Jagd ist gemäß Gesetz dem Tier- und Naturschutz verpflichtet (Biodiversiät). Weiterhin dem Schutz von Land- und Forstwirtschaft.
Die Begründung, Tiere zu erlegen, sei die Kontrolle der Population.
Hier wird seitens der Gegner der Jagd eine mangelhafte Selektion des zu erlegenden Wildes sowie ein viel zu hoher Bestand an jagbarem Wild, um die Strecke möglichst groß zu ermöglichen. Die Bestandskontrolle beispielsweise von Wildschweinen versagt während Rebhühner und Hasen trotz kritischer Bestände weiter bejagt werden.
Gleichzeitig würden Winterfütterung eine höhere Population, als das Revier eigentlich hergibt und der Jagddruck eine erhöhte Reproduktionsrate generieren.

Selektion soll nun nicht ausschließlich so verstanden werden, daß das teutonische Wild möglichst stark und rasserein zu sein hat, der Jäger also am besten die Schwachen schießt — diese Art der Selektion würden auch Luchs und Wolf nicht vornehmen. Die fressen das, was sie möglichst einfach kriegen können. Es geht mir mehr darum, daß die Population überhaupt erst einmal bekannt sein muß, um eine Bejagung zu planen. Gleichzeitig könnte es doch auch sinnvoll sein, einen gewissen Populationsdruck zu haben, um Wanderbewegungen und Besatz neuer Gebiete zu erreichen. Selektion verstehe ich also als eine Frage der Organisation.
Daß sich Wildbestände auch ohne Jagd und Hege regulieren ist nachgewiesen. Also für eine Bestandsregulierung braucht es die Jagd nicht. Jäger argumentieren dagegen, daß diese natürliche Auslese grausamer sei als die Regulation durch Jagd, man sie bloß nicht wahrnehme. Diese Argumentation »Sterben tun sie sowieso" überzeugt nicht, weil es von der Wirkung aus gedacht ist und die Ursache außer Acht läßt.

Beispiele aus der Praxis:
Das Beispiel des jagdfreien schweizer Nationalparks zeigt, daß es jagdfrei geht, die Staatsjagd im Kanton Genf zeigt die Schattenseiten.
Was offensichtlich sein sollte ist, daß der bevölkerungsreiche, dicht besiedelte Kanton Genf nicht mit dem kaum besiedelten, naturnahen Raum im Engadin vergleichbar ist. Aber man kann aus den beiden Beispielen ableiten, daß eine pauschale Antwort, ob eine natürliche Selektion funktioniert nicht zu geben ist. Klar: Ein Gleichgewicht hätte sich wohl auch im Kanton Genf eingestellt mit sehr vielen Wildschweinen bis in die Gärten hinein, dafür ohne Rebhühner. Also ein unerwünschtes Gleichgewicht —> das ist natürlich Folge unseres romantisierten Naturbegriffs. 

Was man keinesfalls vergessen darf sind die Leistungen, die Jäger für und in ihren Revieren bringen. Ein immenser unentgeltlicher Aufwand, den Jäger für die Natur bringen.  

Ausgangspunkt einer weiteren Überlegung ist die Fuchsjagd. Nach dem Erfolg der Impfungen ist sie generell unnötig. Warum also werden Füchse weiterhin bejagt? Ich finde, wir würden viel gewinnen, wenn es für jedes Revier begründet werden müsste, warum welche Anzahl an Tieren gejagt werden soll. 

Bevor ich zu ethischen Überlegungen komme komme ich vorläufig zu dem Schluß, daß ich Jagd in Zusammenhang mit Naturräumen sehe. Anzustreben wären größere naturnahe Räume, in denen die Jagd entweder ganz ausgesetzt oder nur stark reduziert stattfinden sollte. In dicht besiedelten Gebieten wie hier in Rhein-Main ist es unrealistisch, auf Jagd verzichten zu wollen.


Ethische Überlegungen

Ein Leben zu beenden ist sicher eine ethische Frage. Das fünfte Gebot fordert "Du sollst nicht töten".
So strikt wird es nicht gelebt, denn weder Islam, noch Judentum noch Christentum schreiben uns vor, als Vegetarier zu leben. Doch um Religion soll es nicht gehen. Ich möchte dieses Gebot erwähnen, weil es in Naturrecht und Tradition eine große Rolle spielt.

Es gibt viele Gelegenheiten, in denen uns Tötung legitim erscheint: Notwehr, Hunger, Soldaten werfen wir die Tötung selten vor. Und Henkern auch nicht. In den letzteren Fällen (Soldaten, Henker) gehen wir von einem Befehlsnotstand aus. Viele Tötungen werden auch als gnädig empfunden, indem sie Leiden abkürzen oder vermeiden (Tötung auf Verlangen, das Einschläfern von Haustieren). Jagd wird nicht per se als legitim empfunden. In manchen Kulturen (zum Beispiel den USA) wird jagen als Jedermannsrecht betrachtet, hierzulande hat sie eher eine Verbindung zum Adel.
Die Begründung für die Tötung von Tieren wird aus der Nahrungsgewinnung abgeleitet. Vegetarier und Veganer argumentieren dagegen unter anderem, daß es ergiebigere Möglichkeiten hierzu gibt und verweisen auf den Imperativ des Tötungsverbotes. Hier haben wir aber ein deontologisches Paradoxon. Demgegenüber steht eine gesinnungsethische Auffassung, welche Tötung in Bezug zu einem höheren Zweck setzt — wobei eine gewisse Beliebigkeit in dem, was als höheres Ziel anzusehen ist vorhanden sein mag. Mit einer strikten Auslegung des Tötungsverbotes komme ich sicher nicht weiter, eher wenn ich versuche, Bedingungen zu definieren, unter denen eine Tötung gerechtfertigt werden kann. Traditionell hat man Tiere vom Tötungsverbot generell ausgenommen, was durchaus legitim sein kann, wenn ich menschliches Leben von tierischem unterscheide. In extremo ist es ja so, daß das Klatschen einer Fliege selbst viele Veganer nicht stört. Aber auch eine Fliege lebt. Nach vorherrschender Definition von Leben ist auch pflanzliches Leben natürlich Leben. Die Abgrenzung der eigenen Spezies gegenüber anderen Lebensformen ist also lebensnotwendig und unvermeidlich.
Die Frage, ob speziesübergreifend ethische Imperative überhaupt formulierbar sind lasse ich hier erst einmal außen vor. Nehme ich aber das Tötungsverbot als ein solches an müsste ich das Recht des Löwen verneinen, genauso wie das Recht der Maus. Also kann ein Tötungsverbot nur innerhalb einer Spezies gelten.
Rechtfertigt das die Jagd? Noch lange nicht! Wieder soll uns ein Begriff aus der Theologie leiten und zwar Gottes Schöpfung, für die wir Verantwortung tragen. Diese Verantwortung ergibt sich durch die Kultivierung der Erde, dem  anthropogenen Einfluss auf die gesamte Biosphäre. Wir haben massiv in die Abläufe der Erde eingegriffen, so daß wir auch die Verantwortung für Schäden übernehmen müssen. Hier liegt ein normatives Prinzip vor, welches in internationales Recht überführt wurde. Tatsächlich wird hierbei schon eine Abweichung zu dem Begriff von Gottes Schöpfung deutlich, denn wir begreifen die Welt, die uns umgibt schon lange nicht mehr als gottgegeben sondern menschengemacht. Hier muß ich etwas abkürzen (insesondere, warum Biodiversität Selbstschutz ist und die ethische Begründung des Selbstschutzes gehören wohl beschrieben genauso wie der Naturbegriff — ich habe das in unzähligen Diskussionen bereits breit ausgeführt, so daß ich mir die Erklärung hier zunächst spare. Aus einem ganz banalen Grund: Ich habe Hunger und muß kochen):
Klimakatastrophe, Artensterben, Umweltverschmutzung sind anthropogen und bedrohen die Existenz der eigenen Art. Somit ist Biodiversität Selbstschutz und, wie wir aus unzähligen Studien wissen, lebensnotwendig.
Nun ist menschliches Überleben aber ohne Eingriffe in die Natur nicht mehr denkbar. Landwirtschaft und damit Kulturlandschaften prägen unsere Existenz. Daraus ergibt sich, daß wir normativ bestimmen, wie wir unsere Umwelt haben wollen: ob mit Wölfen oder ohne, mit Jagd oder ohne. Im Sinne der Biodiversität könnte man als Prinzip formulieren sowenig Jagd wie möglich, soviel wie notwendig

Weitergehendes/Folgerungen


In der derzeitigen Diskussion um Wölfe oder andere Wildtiere oder gar der generellen Abschaffung der Jagd wird nicht um Normen gestritten, sondern weitgehend geht es um Partikularinteressen. Eine romantisierte Öffentlichkeit seht in einer wichtigen Diskussion, die ethische, aber auch ganz überlebenswichtige Fragen behandelt Partikularinteressen von Jägerschaft und Wirtschaft gegenüber, ohne daß eine geordnete und sachliche Ebene gefunden wird.
Jagd also generell abschaffen? Geht, aber das Ergebnis wird nicht das sein, was sich die Jagdgegner erhoffen — bevor man abstimmt sollte man sich gut informieren.
Jagd kann man nicht unabhängig von dem biologischen und sozialen Umfeld, in dem sie stattfindet und der Form denken. Also Drückjagd, Parforcejagd, Fallen etc. müßte man untersuchen und überlegen, ob sie noch zeitgemäß sind (ich finde Fuchsjagd in Deutschland derzeit vollkommen unnötig, egal in welcher Form) und die räumliche, ökologische Struktur des Raums müssen viel stärker gewichtet werden.

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