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Digitale Umwandlung der Gesellschaft

In seiner recht interessanten Sendung sprach der Autor und Moderator RD Precht mit dem Grünen-Politiker Robert Habeck, unter anderem über anstehende Veränderungen der Gesellschaft, welche gerne als revolutionär bezeichnet werden. 

Ich möchte das Gespräch nun nicht detailliert analysieren, sondern mich mit dem Ausschnitt beschäftigen, der die Veränderungen, die sich durch Digitalisierung ergeben könnten behandelt. Während Precht revolutionäre Veränderungen prognostiziert findet Habeck, die heutigen Problemlösungsstrategien seien auch auf das sich ändernde Umfeld anwendbar.  

Prognosen zu stellen ist sehr populär und grade das ominöse Attribut "digital" verspricht einen mythischen Touch und ist öffentlichkeitswirksam. Sinnvoll Voraussagen über die Zukunft kann man nun anhand von Informationen aus der Gegenwart und Vergangenheit treffen und rechnet dann von dieser Zeitreihe her weiter. In der Darstellung Prechts fehlt dieser Aspekt. Er spekuliert.  
Tatsächlich ist die Digitalisierung nun wirklich nichts Neues, da die ersten Computer von Konrad Zuse bzw. IBM in den 40er Jahren entwickelt wurden und bereits in den 50er Jahren in der Wirtschaft verbreitet waren. Die Kybernetiker, heute weniger kryptisch meistens Mess- und Regeltechniker genannt, einerseits und Informatik sind noch älter. Das Prinzip folgt dem vieler technischer Hilfsmittel seit der Erfindung des Pflugs: die Versorgung des Menschen mit Gütern zu vereinfachen und die Lebensqualität zu steigern. Was kann man daran nun revolutionär bezeichnen?
Precht sieht eine neue Ebene des Arbeitens und meint, die Menschheit würde sich nun auch von intellektueller Arbeit entlasten. Also Maschinen, die Maschinen bauen oder  Maschinen, die Entscheidungen treffen. Die Forschung im Bereich der künstlichen Intelligenz ist nun weniger weit als man angesichts des Hypes vermuten würde. Wer Siri oder Alexa kennt kann sich vom aktuellen Stand und der Alltagstauglichkeit selbst überzeugen. Ob und wie sich das Entwickeln wird halte ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt für reine Spekulation. Die Frage, wie man allerdings beispielsweise mit einem ärztlichen Kunstfehler durch ein fehlerhaftes Programm umgehen will ist durchaus interessant.
Precht bringt Assistenzsysteme in Flugzeugen als Beispiel. "Technisches" vs. "Menschliches" Versagen wird aber heute schon unterschieden. Und ich finde die Unterscheidung problematisch. Denn für technisches Versagen hat man keinen Schuldigen während ein Mensch an den Pranger gestellt werden kann. 

Wie könnte man das Thema sonst darstellen?

Mit dem Handy wurde erstmals eine Erfindung gemacht, deren praktischer Nutzen einerseits die massenhafte Verwendung voraussetzt und andererseits erstmals ein eigentlich vollkommen nutzloses Gerät massiv über Werbemaßnahmen an den Mann (oder die Frau) gebracht wurde. "Ist doch gut, so ein Teil. Wenn Du im Stau stehst kannst Du Bescheid sagen, daß Du später kommst" war seinerzeit noch das beste Argument. Daß die ständige Erreichbarkeit eher Fluch als Segen ist, war im Privatsektor schnell offenbar ("Du kannst es doch abschalten"). Natürlich war es für Bereitschaftsdienste in Polizei, Medizin etc. ein hilfreiches Werkzeug. Unbenommen! Aber ich fand alle der "early birds" der privaten Handynutzung genauso bescheuert wie diejenigen, die Manfred Krug glaubten und die T-Aktie zeichneten.
Mir kommt es also so vor, als sei Digitalisierung nur ein Buzzword und der ganze Hype darum lenke vor den eigentlichen Umwälzungen ab. 

Die eigentliche gesellschaftliche Umwälzung hat schon lange stattgefunden. Nach dem Ende des kalten Krieges gab es viele einschneidende Veränderungen. Einige davon waren in den Ansätzen schon länger angedacht und teilweise sogar umgesetzt (zum Beispiel als Reaktion auf den Bericht des Club of Rome die Umgestaltung der Geldwertpolitik), vieles wurde aber mit Rücksicht auf die Akzeptanz in der Bevölkerung nicht umgesetzt. Das "wenn Dir's nicht paßt dann geh' doch nach drüben" war eben auch Ausdruck einer real existierenden Alternative. Dieser latente Druck, besser sein zu müssen als die Alternative fiel mit der Sowjetunion. Besonders war der Druck in Frontstaaten wie Deutschland zu spüren gewesen und somit sind dort auch die Effekte groß gewesen, als der Druck wegfiel. Zu dem Thema, wieso sich die Demokratie an die Wirtschaft verkauft hat werde ich noch schreiben. 

Seit geraumer Zeit ist bekannt, daß auf unserem Planeten nicht nur irgendwann das Erdöl und -gas ausgehen. Die Ausbeutung von nicht-regenerierbaren Ressourcen, also die Vernichtung von irgend etwas, was entweder Bauteil der Erde ist wie zum Beispiel Gold, Silber oder Uran oder die menschliche Umgestaltung der Erde durch Landwirtschaft und Jagd/Fischerei über das Maß dessen hinaus, was die Erde reparieren kann, ist seit längerem die einzige Quelle echten wirtschaftlichen Wachstums. Wobei natürlich die Effekte des Wachstums gerne übertrieben werden, da jedes produzierte Auto zwar dem Hersteller und sonst an der Wertschöpfungskette Beteiligten Geld bringt, aber Kosten in die Zukunft verschoben werden, die durch die Umweltbelastungen durch Erzeugung, Betrieb und Entsorgung entstehen. Rechnete man die in die vermeintliche Wertschöpfung ein wären die viele Produkte nicht bezahlbar.
Weiteres Wirtschaftswachstum entsteht durch Ausbeutung. Wir stehlen anderen Menschen Arbeitskraft oder Rohstoffe. Am auffälligsten in unseren Wirtschaftsbeziehungen zu Ländern in Afrika, Nahost, dem weniger reichen Asien.
Der letzte Punkt, wie Wachstum entstehen kann ist durch Inflation. Das ist aber kein echtes Wachstum sondern ein Wachstum, das nur virtuell auf der Zeitachse entsteht. Wird ein Produkt teurer nimmt man mehr Geld ein. Das schafft höhere Gewinne bis zu dem Zeitpunkt, bis die Kosten sich den höheren Preisen angepasst haben. 

Der Griff nach den Sparvermögen wie bei der T-Aktie oder die Generierung unnützer Luxusartikel wie beim Handy ist nun eine weitere Möglichkeit, Wachstum zu generieren. Hier wurden neue Märkte geschaffen. Und damit sind wir bei Digitalisierung gelandet. Für unnützen technologischen Fortschritt werden Unsummen aufgewendet und man muß Konsumenten finden, die ein selbstfahrendes Auto das Geld wert finden. Man muß Kunden finden, die in "intelligenten" Anrufbeantwortern einen Vorteil sehen etc.
Was wiederum eine realistische Prognose erscheint ist. daß die Menge an Arbeit abnehmen wird. Das ist seit vielen Jahren bekannt. In den 70ern und lange darüber hinaus prognostizierte man geringere Arbeitszeiten und eine auf qualitatives Wachstum ausgerichtete Wirtschaft. Das wäre ja auch vernünftig, doch was ist tatsächlich passiert? Immer mehr Menschen werden aus dem Arbeitsleben ausgeschlossen und diejenigen, die im Arbeitsleben verbleiben sehen sich immer weiter steigenden Ansprüchen ausgesetzt (sowohl qualitativ als auch quantitativ).

Precht zeichnet letzten Endes eines unter vielen möglichen Bildern der Zukunft. Bei einer anderen Deutung und Gewichtung entsteht ein anderes Bild.
Das Schlagwort von der Digitalisierung denkt vor allem von der Wirtschaft her und einer ökonomistischen Sicht auf die Gesellschaft. Diese Sicht ist falsch, da sie technikverliebt eine Entwicklung annimmt, die sich so nicht zwingend aus den vorhandenen Daten ableiten lässt. 

Habeck wiederum behauptet den Status Quo. Das deckt sich mit der Beobachtung, daß die politischen Gremien nahezu ausschließlich wirtschaftlichen Interessen folgen. Das ist nachvollziehbar, weil die Abgeordneten nicht von allem und jedem Fachkenntnis haben können und darum auf Berater angewiesen sind. Diese Berater sind im Wesentlichen Vertreter der Wirtschaft oder der Kirchen. Zusammengefasst nennt man sie Lobbyisten. Dieses System zu ändern — was ja auch die letzten 70 Jahre recht gut funktioniert hat — wird sich kaum ein Politiker trauen zu fordern. 

Ist die Digitalisierung also eine Herausforderung?
Ich glaube, ja, aber da ich eine andere Ursache sehe, als sie uns Precht nahezulegen scheint ergeben sich auch zu anderen Konsequenzen. Es geht nicht darum, die Jobverluste auszugleichen, weil bestimmte Jobs durch Roboter erledigt werden. Das passiert seit Jahrzehnten (auch wenn natürlich darauf bislang keine greifenden Antworten gegeben wurden). Es geht darum, unsere Gesellschaft den neuen Anforderungen gemäß anzupassen. Es kann nicht sein, daß Ärzte 70-Stunden-Schichten schieben, oder Pflegekräfte unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten müssen und andererseits Millionen Menschen marginalisiert werden und ins Prekariat abgeschoben werden. Auch eine Grundsicherung bietet hierfür keine Lösung — das ist ein Detail, um die unwürdige Behandlung von Menschen durch Hartz IV und weitere Drangsale loszuwerden. Es geht darum, Arbeit neu zu bewerten. Da sind natürlich Wirtschaftsverbände nicht die allein kompetenten Ansprechpartner. Das immer noch übliche "Frag die Wirtschaft, was sie will" der Politiker wird so nicht weitergehen können. 


Nachtrag 11.01.
Ich habe noch eine tolle Sendung im SRF zum Thema gefunden.
Ich bin nicht immer mit Precht einer Meinung, in diesem Umfeld geht er meiner Meinung nach von falschen Voraussetzungen aus (siehe oben), aber worin er spitze ist: er erklärt sehr gut!
Gentinetta versucht, vom Ergebnis her (oder ihren Schlußfolgerungen her) zu argumentieren. Nicht wirklich überzeugend, aber sie liefert interessante Diskussionsbeiträge,
Harald Welzer kannte ich bislang nur oberflächlich, aber der Mann ist toll!
Da reden Leute miteinander, die etwas zu sagen haben - toll, daß es so etwas noch gibt

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