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Weihnachtsgeschichte und der kreative Kollaps

Es ist eine kleine Tradition, daß ich Weihnachten eine Geschichte oder ein Gedicht schreibe. Meistens nur für mich und niemand sieht die Geschichte. Früher sahen sie Anna und manchmal Sandra und hier und da gelang es einer von beiden, mich zu überreden, die Geschichte irgendwo zu veröffentlichen.
Auch dieses Jahr habe ich wieder tagelang über eine Handlung, über ein Thema nachgedacht, das für eine solche Geschichte geeignet wäre. Zu Weihnachten darf es durchaus persönlich sein. In der "besinnlichen Zeit" erlaubte ich mir immer, meinen Bezug zur Welt in eine Geschichte zu packen.
Nun fiel mir auf, daß meine letzten weihnachtlichen Geschichten sich sehr mit mir selbst beschäftigten. Wahrscheinlich deshalb sind sie schnell verschwunden. Dieser Drang, sich selbst so wichtig zu nehmen und sich selbst als Zentrum der Welt zu empfinden ist zeitgemäß. All die Aufforderungen, sich selbst zu lieben, all die im Internet verbreiteten Kalendersprüche, die einem nahelegen, man selbst müsse sich nur annehmen und man selbst sei wichtig und was andere denken sei nur wichtig, wenn man es selbst als positiv annehme — all das ist offenbar nach jahrelangem Dauerfeuer in persönlichen Gesprächen und aus dem Internet heraus nicht ohne Wirkung geblieben. Auch wenn ich mich natürlich dagegen wehrte und darauf bestand, den Menschen als soziales Wesen zu sehen. Also auch mich als Teil der Menschheit. Ich fand diese Sinnsuche in sich selbst immer schwierig, weil nur wenigen das Glück zuteil wird, als Person Unsterblichkeit durch ihr Wirken zu erlangen (wie Caesar, Cicero, Goethe oder Bach). Diese Überbetonung des Ego empfinde ich als eine Krankheit unserer Gesellschaft, begründet durch den Wunsch, etwas Besonderes zu sein. Klar! Jeder ist etwas Besonderes. Damit ist es aber auch wieder keiner.
Dagegen stelle ich das Bild eines Organismus. Wir sind wie ein Teil eines Organismus. Trump ist beispielsweise ein kranker Teil. Wir sind somit ein kleiner Teil eines größeren Ganzen. Schön, wenn wir vermißt werden, wenn wir den Organismus verlassen. Schlecht, wenn wir ihn stören, Krankheit bringen. Wir haben einen Teil für uns, Natürlich! Wir sind auch wichtig für das Gesamte: Wenn wir krank sind können wir die Krankheit an andere Zellen und Organe weitergeben. Wie zum Beispiel die AfD oder Trump oder LePen Gift für die Menschheit sind.   

Dieses Jahr nun fiel mir auf, wie schwer es mir nun fällt, mich wirklich in andere hinein zu versetzen. Alle Personen, die ich gestaltete, waren mir sehr ähnlich. Was ich früher als eine große Stärke sowohl meiner Person als auch meiner literarischen Bemühungen kam mir plötzlich wie verschwunden vor. Nun stellt sich die Frage: Bin ich unsensibel geworden? Oder sind die Menschen nun komplexer? Oder ist es einfach so, daß die Menschen ihr persönliches Scheitern, und ihre Defizite einfach besser verstecken?
Dazu ist mir aufgefallen, daß sich die Art und Weise, in der wir kommunizieren verändert hat. Dort hat sich ein Standard etabliert, dem gegenüber meine Art zu kommunizieren antiquiert wirkt.

Um nun eine Fiktion zu gestalten, die mir gefällt, muß ich mein ursprüngliches Konzept der Weihnachtsgeschichte anpassen. Also an diejenigen, denen ich eine Geschichte versprochen habe: bitte seid nicht enttäuscht, daß es dieses Jahr keine Weihnachtsgeschichte gibt. Vielleicht schaffe ich es, eine Geschichte zum neuen Jahr zu schreiben? 


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