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Portraits, Tätowierungen, natural light

Ich will Tätowierungen nicht bashen. Natürlich gefallen sie mir nicht und ich finde es selten dämlich, seinen Körper als modisches Feature dauerhaft über einen Eingriff manipulieren zu lassen. 

Tätowierungen sagen meistens auch nichts aus, entgegen dem Cliché, da jemand anderes die Tättowierung ausführt und meistens auch nur aus einem Katalog ausgewählt wird, was man sich tätowieren lässt. Die Aussage einer Tätowierung ist in unserem Kulturkreis auch nicht so bekannt, dass sie automatisch erkannt würde, mit Ausnahme der KZ-Häftlingsnummern und SS-Blutgruppen vielleicht. 

Dazu kommt: Erkennen, was mir dauerhaft anhaftet kann ich nur retrospektiv. Dort, wo Tätowierungen zur Kultur gehören sind es meist Zuschreibungen von Aussen (zum Beispiel während Initiationsriten) oder sollen bestimmte Leistungen oder Ereignisse dauerhaft sichtbar in Erinnerung halten bzw. auch einem Fremden auf den ersten Blick verdeutlichen, wen man dort vor sich hat. Jakuza zum Beispiel — oder die Mafia.  

Entfernen ist noch schmerzhafter und teurer als sich die Dinger stechen zu lassen.

Das hat aber viel mit Geschmack zu tun und dass man sich über den wunderbar streiten kann, ist schon lange bekannt.

Was aber objektiv betrachtet werden kann sind, wie Tätowierungen auf Fotographien behandelt werden. 

Tätowierungen lässt man sich stechen, damit sie gesehen werden. Die meisten Fotographen ignorieren sie aber einfach beim Bildaufbau. Wahrscheinlich, weil sie sich kaum mit gelungener Komposition eines Bildes verbinden lassen. Das wiederum sorgt dafür, dass sie auf einem Foto immer eine Störgrösse sind. Nun kann man das als "eyecatcher" einsetzen (wie es einmal mit der Betonung des vormaligen "Makels" Sommersprossen war, bevor es Mode wurde, Sommersprossen zu betonen und die Betonung derselben zu Kitsch verkam), als Störer in einer ansonsten "harmonischen" Bildgestaltung. Das kann einem Bild das gewisse etwas geben! Die Harmonie durchbrechen. Man könnte auch die Tätowieung zum eigentlichen Thema eines Bildes machen (wie es in vielen Bildern des japanischen Films "Im Reich der Sinne" bedeutungsvoll eingesetzt wurde).
Über die Ästethik der Bildgestaltung kann man natürlich geteilter Meinung sein. Ich bin Anhänger einer Fotographie, die sich der Realität verpflichtet fühlt und ihre Aussagen durch die Auswahl ihrer Sujets macht. Das erzeugt eine gewisse Subtilität und Zurückhaltung. Der stilistische Dampfhammer, der Modelle in gewagte Posen zwingt stellt oft nur ein Abziehbild dar. Das kann "gut" sein, in den meisten Fällen ist es aber Kitsch.
Wenn aber bildbestimmende Elemente bei der Bildgestaltung ignoriert werden ist das für mich ein objektives Kriterium, ein Bild schlecht zu beurteilen.

Unter diesen Gesichtspunkten erstaunt es mich, dass Tätowierungen für Fotomodelle offenbar keinen Nachteil bedeuten.

Wann ist also ein Portrait für mich gelungen?
Ein Portrait ist zunächst einmal das Bild einer Person.
"Frau in der Botanik" und ähnliche Standards sind nun ein Sujet, eher ein Stilleben als ein Portrait, da in den meisten Fällen nicht die abgebildete Person im Zentrum steht. Diese Art Foto, die im englischen "fine art" genannt wird, obwohl sie nichts mit Kunst zu tun hat, ist sehr kitschanfällig. Inzwischen hat sich dabei eine Richtung herausgebildet, ind er die dargestellte Person vollkommen charakterlos ist. Ein vollkommene Abstraktion des Dargestellten — dummerweise auch ohne Inhalt. Oft werden diese Personen dann so dargestellt, dass sie genausogut ein digitaler Avatar aus second life sein könnten. Das hat dann nichts mehr mit einem Portrait zu tun. Es sei denn, man will den Portraitierten beleidigen. Bei einem Portrait steht die Person im Zentrum eines Bildes. Der Fotograph interpretiert diese Person — oder in manchen Fällen benutzt er die Bildgestaltung auch, um dem Portrait und dem Portraitierten Eigenschaften zuzuschreiben. In der alten Malerei wurden in ein Bild dann zum Beispiel ein Buch eingebaut, um den Portraitierten gebildet erscheinen zu lassen etc. 

Das reizvolle an Portraits ist nun, dass sich die tatsächliche Erscheinung einer Person und das, was sie auf einem Bild darstellen, nicht decken müssen. Eine Beurteilung findet durch mich also auf der Ebene statt, ob es dem Fotographen gelungen ist, eine Person durch ein Foto für mich lebendig werden zu lassen. 

Und natürlich spielt der technische Aspekt für mich eine Rolle — Fotographen neigen dazu, Film/Digital, Objektive oder auch bestimmte Aufnahmetechniken wie natürliches gegen Studio-Licht zu setzen und diesen Aspekt dann exzessiv einzusetzen. Dabei handelt es sich aber um Mittel, die einem Fotographen zur Verfügung stehen, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Wenn jemand sich als "natural light photographer" bezeichnet reduziert er sich und die Palette dessen, was ihm zur Gestaltung von Fotos zur Verfügung steht. Genausogut könnte er sich als "45 degrees from above photographer" definieren und alles nur aus diesem einen Winkel heraus fotographieren.  


Nachtrag (16.08.): Ich habe noch ein wenig darüber nachgedacht, was ein Portrait ausmacht und finde nun die hier getroffene Abgrenzung zwar zutreffend, aber nicht scharf genug. Vielleicht kann man sie auch gar nicht scharf abgrenzen und muss die Barbie-Fotographie oder seelenloses Abfotographieren von Standards einfach unter "schlechtem Portrait" abhaken? 

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