lautenist

Der einfache Teil des Abschieds

Schon interessant: Es dauerte 3 Wochen, bevor überhaupt jemand auf meine Kündigung reagierte (ausser Briefpost, welche die Formalien mit der Versicherung regelte und der Kündigungsbestätigung, ebenfalls per Briefpost). Dann noch einmal 6 Wochen, bis die Nachfolge ansatzweise bestimmt war. Und nun besteht kein Interesse daran, dass ich den Nachfolger einarbeite. WTF?

Immerhin habe ich so tagsüber viel Zeit zu vertrödeln.

Ich glaube langsam (ehem ... das schrieb ich im Juni 2011), ich hätte vielvielviel früher gehen sollen. 

Der doofe Teil ist, dass es dann abends von 0 auf 180 geht — und in der allgemeinen taglichen Ödnis dämmern neben dem Hirn auch die sonstigen Interessen vor sich hin, aber dennoch kann ich den Aufreger im Privaten aus der letzten Zeit berichten:


Klar versuche ich auszumisten. Ich hatte eine Wohnung, die eigentlich viel zu gross für mich alleine ist. Optimistisch bin ich von viel Besuch ausgegangen und ausserdem sollte sich Sohnemann wohl fühlen, wenn er auf Besuch käme. Und "Zu gross gibt es doch eigentlich gar nicht". Dachte ich.
Nun sammelte sich im Laufe der Zeit natürlich viel an, was nun in die kleinere Wohnung nicht mit muss. Also ausmisten und wegwerfen: Bücher und DVD auszusortieren tut besonders weh, doch wenn die nicht einmal für geschenkt weggehen bleibt wohl nichts anderes. Auch die nicht verkauften Exemplare der Lauten-CDs, die ich aufgenommen habe landeten ausser einigen Souvenir-Exemplaren im Müll. Eine merkwürdige Gesellschaft, in der wir leben — wahrscheinlich wäre es in der Stadt einfacher gewesen, jemanden zu finden, der mir das Zeugs abgenommen hätte. Was mich aber wirklich geärgert hat ist, dass das Angebot, DVDs und BluRays zu verschenken — und zwar viele! zwar gut angenommen wurde, doch die Leute haben die Sachen nicht abgeholt. Und das passierte mir nun 2x hintereinander. Das hätte ich bei einem Geschenk nicht erwartet. Ich schätze den Wert wohl noch zu hoch ein, wenn ich meine, man könne das Abholen.
Das führte aber dazu, dass ich mir Gedanken über eine Gesellschaft mache, die für die Müllhalde produziert: So eine DVD wird von mir 2 oder 3x geschaut — wenn es hoch kommt! dann vielleicht verliehen. Vielleicht wird sie 5x benutzt — und landet dann im Müll. Ist das nicht unglaubliche Verschwendung?
Ein ähnliches Problem habe ich mit Büchern — dass Bücher wenigstens organisch sind und sich nutzbringend recyclen lassen, reduziert meine Bedenken. Aber ich gehöre auch zu denjenigen, für die Bücher Freunde sind, nichts Anorganisches. Einen Freund wirft man nicht einfach auf den Müll (auch das wird heute gerne praktiziert). Ich fürchte fast, ich zerstöre ein ein Leben lang gehegtes inniges Verhältnis, wenn ich nun anfange, Bücher in den Müll zu geben (auch die wollte übrigens niemand für geschenkt haben — dort fand ich nicht einmal Interessenten, es wurde nur auf die Brocki verwiesen. Eigentlich sollte es logisch sein, dass die sich nicht als Müllhalde für abgelegte Bücher benutzen lassen wollen und an die Bücher, die sie annehmen Anforderungen stellen). Durch diese Erfahrung kam mir nun der traurige Gedanke, dass Bücher heute auch Wegwerfprodukte sind. Ein paar Geschichten erlangen eine gewisse Popularität, aber bei den "Hits" der letzten Jahre handelt es sich um Geschichten wie die Harry Potter-Reihe oder Dan Brown-Bücher, die einen generellen Trend, wonach Erwachsene Kinder- und Jugendbücher lesen auslösten, oder es handelt sich, wie in letzteren Fall um einen platten, wenn auch gut lesbaren, rasant geschriebenen Trivialroman — einen etwas besseren Jerry Cotton, um es provokativ zu formulieren. In diesem Zusammenhang erscheinen ebooks tatsächlich Sinn zu machen. Diese Bücher braucht man sich nicht in den Schrank stellen. Diese Bücher wird aus der nächsten Generation niemand mehr lesen (wollen). Das ist eine ganz andere Beziehung zu Büchern als ich sie kenne und selbst pflege. Vielleicht hätte ich zu Jerry Cotton- oder Perry Rhodan-Heftchen eine Beziehung dieser Art. An Trivialromanen habe ich aber nur eine Serie gelesen und auch diese Heftchen hatte ich aufgehoben und sogar immer wieder gelesen — ich meine. meine Mutter hatte diese Hefte entsorgt. Ich hätte sie sicher heute noch!
Dass ich durch diese Überlegung nun lerne, dass ich durch den Kauf von Büchern Müll produziere, der vermeidbar gewesen wäre ist eines. Dass ich andererseits noch einmal durch die Bücher gehe und noch mehr entsorge als ich bereits geplant hatte das andere. Denn mit zurück nach Deutschland kommt nur, was ich als Referenz immer mal anschaue oder Geschichten, die vielleicht auch einmal meine nicht existierenden Enkel und Urenkel interessieren könnte — falls die dann noch wissen, was ein Buch ist. 

Dieses Geschichte hat allerdings tatsächlich auch einen positiven Twist — und das ausgerechnet über Facebook.
Als ich gestern Nacht auf Facebook motzte gab es das Angebot einer Freundin aus Basel, die Sachen zu nehmen und Mitarbeiter einer karitativen Anstalt, bei der eine Praktikantin dort wohnt, wo ich schaffe wurde auf dem Umweg über Deutschland auf dieses Angebot aufmerksam. Mal schauen, ob ich das doch loswerde. Jedenfalls habe ich gelernt, dass man gewisse Sachen besser nicht kaufen sollte, zum Beispiel DVD und BluRay und dass man bei Büchern überlegen sollte, ob man sie nicht besser schnell nach dem Lesen wieder abgibt.


Mehr pro forma habe ich mich als arbeitssuchend bei der Jobbörse des Arbeitsamtes (wdG, wie das heute heisst) eingetragen. Die Chancen, über 50 einen Job zu bekommen schätze ich ziemlich gering ein.
"Dummerweise" haben ein paar Head Hunter mein Profil entdeckt und beginnen mit dem typischen Gewerkel von denen, indem sie erst einmal Interviews führen und Informationen/Profile sammeln. Eine dieser Firmen ist anscheinend auch recht seriös und scheint sich zu kümmern. Mit denen hatte ich ein brauchbares, vernünftiges Interview und sie scheinen seriös nach Angeboten für mich zu suchen. Eine andere dieser Agenturen bearbeitet den deutschen Markt mit lauter Leuten, die die Sprache nicht sprechen, meinen Lebenslauf nicht lesen und den anhand halb verstandener Informationen verteilen wollen, schlimmer, als ich es auf verzweifelter Jobsuche täte in der Hoffnung, vielleicht einen Glückstreffer zu landen. Solche Agenturen vernichten den Ruf der Branche. Tatsächlich meide ich Personalvermittlungsagenturen — bzw. bin sehr wählerisch. Die Inder hatten das noch insofern geschickt gemacht, dass ich bei dem Stellenangebot nicht gleich sah, dass es sich um eine solche Agentur handelt. Einen Moment unachtsam und schon wird man von denen zugespamt. Ziemlich überrascht war ich, als die mir dann eine Liste mit doch einigen Angeboten und darunter etwa einem Drittel, das sogar in Frage kommen könnte, schickten. Ich musste die aber bremsen, damit sie mich nicht auf völlig ungeeignete Stellen bewerben. Dabei wollte ich die Jobsuche erst wirklich beginnen, wenn ich zurück in Deutschland wäre, weil ich jetzt in den Abendstunden mit dem Umzug hinreichend beschäftigt bin. 


Was ich sonst nicht mit nach Deutschland nehme sind viele Möbel. Ich hatte für die kleine Wohnung in Aadorf ein paar IKEA-Möbel gekauft, die mit mir durch die Schweiz gezogen sind. Dieser Set wurde dann noch einmal um ein paar weitere Möbel ergänzt. Als ich mir langsam Gedanken machte, mich dauerhaft niederzulassen habe ich ein paar etwas bessere Möbel gekauft und das werden die einzigen Möbelstücke, die mich begleiten, plus meinem Sekretär.
ich war nie ein Fan von IKEA und der dahinter stehenden Idee, sich einzurichten. Natürlich wechselt man "heutzutage" die Wohnungseinrichtung hier und da mal. Auch mein eigener Geschmack hat sich geändert — aber nicht wesentlich. Und Möbel sind für mich auch kein modisches Accessoire, was man alle paar Jahre austauscht. Sie gehören zu einem Heim — und das wiederum ist ein Platz, in dem man sich zuhause fühlt, geborgen. Da muss nicht einmal alles schön sein! Wer kennt nicht die schmuddelige Studentenbude, die aus zusammengestoppelten Möbeln und Einrichtungsgegenständen bestand? Ein Heim soll auch aus Vertrautem bestehen. Ich denke, viele benutzen ihr Heim zum Repräsentieren — mir genügt es, wenn sich Gäste, Menschen, die mir lieb und teuer sind, sich bei mir wohlfühlen. Und natürlich vor allem ich soll mich wohlfühlen. Darum muss Vertrautes mit zurück. Ausser dem Sekretär ist es ein Poster aus dem kunsthistorischen Museum Wiens, welches auch die komplette Rundreise mit mir machte.
Über mich selbst und mein Verhältnis zu den Orten, an denen ich lebte, zu denken gibt mir, wie wenig ich als unverzichtbar mit zurück nehme.

meine langjährige Freundin



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