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Thomas öffentliches Tagebuch

The world of a photographing lute enthusiast


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Bericht vom 1.Schweizer Lautenfestival
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Das erste Schweizer Lautenfestival ist nun zu Ende gegangen. Drei Tage lang konnten sich Interessierte im malerischen Rosenstädtchen Rapperswil am See Lautenmusik geniessen, Instrumente anschauen und Vorträge zum Thema hören. Der Austragungsort war sehr gut gewählt, da das Kapuzinerkloster  sowie das Haus der Musik über ausreichend Räumlichkeiten und mit der Klosterkirche über einen hervorragend klingenden Raum für die Konzerte verfügt. In den Pausen konnte man sich auf dem Klosterhof zwischenverpflegen oder einfach nur bei Kaffee, Wein, Mineral oder Bier über das Erlebte plaudern. Selbst das Wetter spielte mit, denn entgegen den Wettervorhersagen blieb es grösstenteils warm und sonnig.
Veranstalter war das Haus der Musik, federführend für die Organisation des Festivals zuständig war mein ehemaliger Duopartner Jürg Meili.
Dank guter Arbeit der Organisatoren konnte auf einen Eintritt zu den Veranstaltungen verzichtet werden - auch hierfür ein grosses Lob an die Organisatoren.

Das Festival begann Freitagabend bereits mit einem wunderbaren Konzert des Baseler Lautenquartetts „Delight in Disorder“ in der Klosterkriche, die sowohl klanglich als auch spieltechnisch zu überzeugen wussten. Dort bereits begann sich der sehr gute Publikumszuspruch abzuzeichnen. Leider ist das original überlieferte Repertoire für diese Besetzung überschaubar, so dass das Programm hauptsächlich aus Bearbeitungen bestand, die allerdings überzeugten. Für mich waren dennoch die Originalwerke von Nicolaes Vallet, die das Ende des Eröffnungskonzertes markierten, zusammen mit den Duetten von Milano/Matelart die Höhepunkte des Programms.



Zu einem vom Organisator Jürg Meili zusammen mit Walter Raschle gestalteten Nachtkonzert ging es anschliessend ins Haus der Musik. Dort gab es Musik aus dem italienischen Barock zu hören. Melij und  Kapsberger, solistisch auf Laute oder Barockgitarre dargeboten sowie Lieder des italienischen Barock, ergänzt durch wunderbar vorgetragene, nahezu unbekannte Poesie des Barock aus deutschen Landen beendeten diesen ersten Abend.

Am nächsten Tag begann die Instrumentenausstellung, zu der sich die Schweizer Lautenbauer Philippe Mottet-Rio und Jorge Santiero eingefunden hatten und wunderschöne Instrumente mitgebracht hatten, die den zahlreichen interessierten Gästen ermöglichten, die geniale Konstruktion einer Laute von Meistern ihres Faches erklärt zu bekommen und die Instrumente in Augenschein zu nehmen. Für Lautenisten ist kein Geheimnis, dass die Schweiz nicht nur im Bankenwesen, der Schokolade- und Käseproduktion spitze ist, sondern dort auch hervorragende Lauten produziert werden.

Bereits um 3 Uhr mittags stellte Andreas Schlegel sein Buch über die Laute vor und führte reich illustriert durch die Geschichte der Lauteninstrumente und –quellen, berichtete von Problemen, von Erkenntnissen, die gewonnen werden konnten und nahm dabei insbesondere Bezug auf die Schweiz und in der Schweiz erhaltene Quellen oder Musik/Quellen mit Bezug zur Schweiz. Ein toller Vortrag – nur ein wenig Musik hätte ich mir zusätzlich gewünscht, da sich viele der Anwesenden sicher unter den gezeigten Tabulaturen nicht viel vorstellen konnten.

Nach einer kurzen Pause kam dann Christoph Greuter, der die Laute in der Schweizer Volksmusik vorstellte und nicht mit auf verschiedenen Halszithern dargebotenen Musikbeispielen geizte. Er führte seinen Vortrag an erhaltenen ikonographischen Quellen entlang, was sicher nicht nur mir sehr gut gefiel. Sein launischer Vortragsstil sorgte mit dafür, dass dieser Vortrag bei den Anwesenden gut ankam. Schön wäre es gewesen, wenn er noch Hand-Outs gehabt hätte, damit sich die nun „angefixten“ Interessierten zuhause weiter informieren oder das Gehörte nochmals nachvollziehen können.

Jorge Santiero gab anschliessend das erste Konzert des Tages mit einem sehr anspruchsvollen Programm, das er auf seinen eigenen Instrumenten bestritt. Ich fand es interessant, die Klangvorstellungen des Schöpfers dieser Instrumente kennenzulernen. Etwas, was sicher in den Bau seiner Instrumente einfliesst und was man sonst wohl kaum erleben kann.

Unbestritten ist sicherlich, dass das Konzert von Peter Croton Höhepunkt des Festivals war. Auf seinem teilweise originalen Liuto Attiorbato von Sellas entführte uns der Künstler zunächst in das Italien des beginnenden 17.Jahrhunderts mit Musik von Melij, Piccinini und Kapsberger, deren Musik er sehr farbenreich und mit feinem Gespür für die der Musik innewohnenden Bögen darbot. Diese Musik wirkt auf den heutigen Hörer wild und unorganisiert, was sich auch darin äussert, dass freie Formen wie Toccaten oder Capriccios einen sehr breiten Raum einnahmen. Diese Musik verlangt vom Spieler nicht nur technische Meisterschaft, auch musikalisch erschliesst sie sich nicht unmittelbar und es bedarf grosser Musikalität, die Musik zu interpretieren. Kein Problem für einen Künstler vom Rang eines Peter Croton! Vor ganz andere Schwierigkeiten steht der Ausführende bei der Musik, die Peter im Anschluss darbot: Giovanni Zamboni lebte und wirkte knapp 100 Jahre später in einer Zeit, die in Deutschland „galant“ hiess. Die Musik ist gesanglich und schlicht – aus dieser Musik einen Hörgenuss zu kreieren bedeutet für den Künstler, alles an Virtuosität und Klangfarben aus dem Instrument herauszuholen, was geht. Peter tat es und sein Instrument gab es her, herrlich unterstützt von der beeindruckenden Akustik der Klosterkirche. Zum Abschluss gab es dann eine Bearbeitung einer Cello-Sonate (BWV 1007), die sich von meinem Hörempfinden gut und natürlich in das Lautenrepertoire eingliedert. Unter Lautenisten ist es gängige Praxis, Bach’sche Cellowerke für die Laute zu adaptieren, da Bach selbst seine 5.Cellosonate (BWV 1011) für die Laute bearbeitet hat (Als Lautenwerk heisst es BWV 995). Nach stürmischem Applaus spielte Peter noch ein kurzes lebhaftes Stück aus der frühen italienischen Renaissance mit dem das Publikum beschwingt entlassen wurde.



Daran anschliessend war es mir nicht möglich, das Nachtkonzert des  Oud-Spielers Nehad As-Sayyed Ghazy anzuhören. Nach dem Vortrag von Peter hätte ich ihn nicht mehr geniessen können! So dass ich mich mit Bedauern verabschiedete und mich durch den heftigen Regen auf den Weg zurück in die Innerschweiz machte.

Der letzte Festivaltag begann für mich damit, nochmals ausgiebig auf den Instrumenten von Philippe zu spielen. Er hatte sein 100.Instrument dabei (Hörbeispiele von der CD: #1 #2 #3 - die Links verweisen auf die Seite von Anna Kowalska) und ich nutzte die Gelegenheit, darauf Reusner und Blohm zu spielen. Die Darmsaiten waren zunächst etwas ungewohnt (ich spiele normalerweise Aquila Nylgut), doch nach einigen Minuten entfaltete sich der schöne Klangcharakter des Instruments. Da hat Philippe zu seinem Jubiläum ein wahres Prachtstück gebaut! Weiterhin hatte es mir vor allem ein Arciliuto angetan, auf dem ich den Rest der Zeit bis zum ersten regulären Konzert Zamboni, Bach und Michelangelo Galilei spielte. Es kam offenbar ganz gut an, obwohl es nicht als Konzert gedacht war (wie ich belauschten Gesprächen bei einem Getränk zwischendurch entnehmen konnte).

Das erste Konzert des Sonntags war von Christoph Greuter, der auf Lauten und Halszithern Schweizer Lautenmusik darbot. Seine launigen Kommentare sowie seine Spielkunst sorgten für beste Unterhaltung. Unverständlich für mich, dass einige Besucher das Konzert vorzeitig verliessen. Am Vortrag kann es nicht gelegen haben. Die oft sehr kurzen und tänzerischen Stücke vermochte Christoph spielend zum Leben zu erwecken. Gegen Ende des Programms sah ich den ein oder die andere leise den Takt mitklatschen – ein mitreissendes Konzert! Die klanglische Differenz zwischen Renaissancelaute und Halszither ist so gross, dass auch klanglich jede Menge Abwechslung geboten wurde.
Als Lautenist, der ebenfalls ein Instrument von Renzo Salvador besitzt, fand ich diese Laute super, auch wenn seine zweite Laute offenbar sein Liebling ist – mit diesem Instrument ist auch eine wunderbare Geschichte verbunden. Es wurde von einem Nachbarn für Christoph gebaut, der mehr oder weniger ausschliesslich Materialen aus seinem Garten dafür verwendet hat. Klanglich braucht es sich gegenüber dem Meisterinstrument von Renzo nicht zu verstecken! Besonders interessant fand ich die Halszithern (Hanottere) , die Christoph spielte, da ich diese Varianten noch nicht kannte.

Leider musste ich im Anschluss schon recht bald nachhause, so dass ich das sicher sehr interessante Abschlusskonzert verpasst habe, welches vom Ensemble del Mar gegeben wurde.

Das Fazit dieses Festivals gerät in meinen Augen überwiegend positiv. Die Termine waren gut aufeinander abgestimmt mit genügend Raum für Zwischenverpflegung oder eine kleine Plauderei zwischendurch. Die Räumlichkeiten und der dadurch gebotene Rahmen waren perfekt. Rapperswil, das Haus der Musik und das dortige Kloster als Austragungsort sicher ein Glücksfall. Das Festzelt im Klosterhof mit Speisen und Getränken war ein gemütlicher Mittelpunkt des Geschehens. Die von mir gehegten Befürchtungen wegen des etwas grossspurig erscheinenden Namens (immerhin gab/gibt es in der Westschweiz gleich zwei Festivals, die der Laute gewidmet sind, Christine Gabrielles „Festival Luths et théorbes“ und Philippe Mottet-Rios „Atelier de musique ancienne“ ) erwiesen sich als unbegründet. Die Darbietungen waren von gemischter Qualität, jedoch grösstenteils ein Genuss, insbesondere Peter Crotons Konzert war Weltklasse – und auch Delight in Disorder spielten auf einem Niveau, das sich auch international nicht zu verstecken braucht; die Vorträge waren dem Publikum entsprechend eine bunte, nicht zu wissenschaftlich gehaltene und ausser informativ auch unterhaltsame Annäherung an das gigantische Feld der Laute (auch wenn es dort noch unendlich viel zu erzählen gäbe – was die ein oder andere Redundanz zwischen Andis und Christophs Vortrag etwas ärgerlich macht. Doch lag natürlich bei dieser Erstauflage der Fokus der Vortragenden ganz klar auf dem Bezug zur Schweiz).

Auch die Veranstalter waren offenbar mit dem Verlauf des Festivals sehr zufrieden, so dass sie ankündigten, in zwei Jahren gäbe es das nächste Schweizer Lautenfestival. Ich freue mich darauf!

übrigens war Art TV dort und wird berichten …

Ich selbst habe die Gelegenheit genutzt und analog fotographiert. Sollten die Fotos etwas geworden sein (nach sicher mehr als 20 Jahren Absenz) wird sicher noch ein fotographischer Nachtrag kommen.


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